Kapitel 31

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Ich hörte eine Stimme aus dem Sprechgerät.
"Madame Rombouz. C'est qui?"
"C'est moi. Juliette Foss."
Ich hatte eine Antwort wie Da bist du ja oder so etwas in der Art erwartet, doch ich hörte nur ein Knacken und dann war die Eingangstür offen.
Mit jeder Stufe, die ich nahm, wurde ich ein bisschen nervöser.
Zuletzt war ich derartig nervös gewesen, als ich meine Abiturrede gehalten hatte. Und das war noch nicht mal so schlimm gewesen.
Eine Verwandte. Dieses Wort spukte in meinem Kopf herum und ich bemerkte gar nicht, dass ich vor der bereits geöffneten Wohnungstür stehen geblieben war.
Ich hob den Blick und da war sie.
Eine lilafarbene Bluse mit weiten Puffärmeln und eine graue, sehr weite Anzugshose schauten mit entgegen.
Dann sah ich in ihre Augen und nicht wie die beiden letzten Male sahen mir zwei grüngraue Augen entgegen, nein, dieses Mal leuchteten sie und ich sah Erleichterung.
"Du bist gekommen."
"Ja. Wie heißt du?" Obwohl ich bereits ihren Namen kannte, fragte ich nach.
"Élodie. Für dich Élo."
"Okay."

Ich wunderte mich ein wenig über die so offene Freundlichkeit. Denn die beiden anderen Male war sie mir kryptisch, geheimnisvoll und zwar nicht unfreundlich aber wenigstens höflich vorgekommen.
"Komm doch rein. Ich habe uns etwas beim L'heure bleue bestellt."
"Gerne."
Ich fand die gesamte Situation etwas seltsam und ich war mir sicher, dass es nicht nur mir so ging.
Ich zog meinen Mantel und meine Schuhe aus und folgte ihr zum Tisch.
Es war für zwei Leute gedeckt und es standen bereits einige Schüsseln mit gut duftendem Essen darauf. Außerdem ein Rotwein mit einer sehr schönen Flasche. Er war noch ungeöffnet.

Mir fiel auf, dass sie sehr angespannt war, als ob ihr unglaublich viel auf der Seele brennen würde.

Und ich wollte den Abend angenehm gestalten, deshalb fragte ich, nachdem wir uns beide an den Tisch gesetzt und sie die Flasche Rotwein geöffnet hatte, wie lange sie mich denn schon kenne.
Denn ich war mir sicher, dass sie mich schon viel länger kannte als ich sie.
"Damit wollte ich eigentlich auch gerade anfange. Du hast mir die Worte aus dem Mund genommen. Und ich will auch gleich zu erzählen anfangen."

Sie sprudelte los, sobald ich ihr die Gelegenheit dazu gegeben hatte.
"Du weißt ja, dass ich deine Tante bin. Die ältere Schwester deiner Mutter.", ich nickte, "Als deine Mutter deinen Vater kennenlernte, kannte ich ihn schon lange. Er hieß Alexander und kam aus Deutschland. Ich hatte ihn bei meinem Studium kennengelernt und war schon lange verliebt ihn. Irgendwann habe ich mich dann getraut und ihn zu mir eingeladen und wir haben uns super gut verstanden. Doch es ist nie etwas passiert. Nach einiger Zeit habe ich ihn dann zu mir nach Frankreich eingeladen und Beatrice, deine Mutter, war auch da. Und da ist es passiert. Nicht mehr ich war die Freundin, sondern auf einmal traf er sich nur noch mit Bea. Sie gingen ins Kino, picknickten und machten alles, was zwei Verliebte eben so tun. Doch Alexander hatte auch seine Schattenseiten, wie wahrscheinlich jeder Mensch, doch bei ihm kamen sie immer nur selten zum Vorschein. Als Bea und er ein paar Monate offiziell zusammen waren, verschwand er einfach für zwei Wochen und erzählte nie, wo er gewesen war. Solche Dinge passiert häufiger. Er ging auch manchmal für einen Abend weg und am Tag danach starrte er die ganze Zeit in den Himmel. Ich vermute, dass er seiner Faszination für den Himmel und das Universum nachging, doch Bea war die Einzige, die wusste, was er tat. Zumindest denke ich das, denn wie hätte diese Beziehung sonst funktionieren sollen.
Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, kam ich nach Paris zurück und wollte mehr mit Bea und deinem Vater machen, doch es stellte sich heraus, dass ich vollkommen überflüssig war. Die beiden waren ständig beschäftigt mit Raumfahrt und fernen Planeten. Ich war verletzt und enttäuscht und habe angefangen ein Buch zu schreiben. Du kennst es. Viele Personen aus meinem realen Leben kommen darin vor und so, denke ich, hast du mich auch gefunden.

Auf jeden Fall schotteten sich deine Eltern ganz von ihren Familien und Freunden ab, na ja eigentlich nur Bea, denn Alexander hatte keine Geschwister und es lebte nur noch sein Vater, und sogar als sie heirateten, luden sie niemanden ein. Erst als du geboren wurdest, hörte ich das nächste Mal von ihnen. Sie fragten mich, ob ich dich kennenlernen wolle. Doch ich wollte nicht.
Die Zeit, die darauf folgte war nicht meine beste. Ich schrieb nicht mehr und ging keinem Beruf nach. Mein Buch veröffentlichte ich nicht. Ich wollte einfach nur noch, dass der Zeiger meiner Uhr sich aufhörte zu drehen und die Welt für immer in derselben Position verharren würde.
Und als ich dann vom Tod deiner Eltern erfuhr war es mir gleichgültig. Ich lebte nur noch so dahin und hatte keinen Sinn mehr im Leben.
Danach kam kurz darauf die Frage, ob ich dich großziehen sollte. Doch ich wurde für unfähig erklärt, da ich zu dieser Zeit auch an einer Alkoholsucht litt.

Und dann tauchte vor ein paar Wochen ein Brief in meinem Briefkasten auf.
Er kam von einer alten Freundin. Ihr Mann und ihre Tochter waren bei einem Autounfall gestorben. Und das war sozusagen mein Wink des Schicksaals. Ich habe bemerkt, dass es Menschen gibt, die mir wichtig sind und dass es so nicht weiter gehen kann.
Ich habe mich wieder in Ordnung gebracht. Und mein Leben. Und als ich dann dich auf der Bücherschau getroffen habe, hat es mich getroffen. Du sahst Bea so ähnlich. Ich habe nachgeforscht und herausgefunden, dass du bei einem Verlag arbeitest und als ich deinen Namen sah, hatte ich Gewissheit.

Und na ja...", ihr fehlten die Worte, "jetzt bist du hier."
Sie atmete tief ein und ich auch. Das war eine lange Rede gewesen und ich merkte, dass sie dieses Gespräch vielleicht sogar noch mehr brauchte, als ich.
Wir sahen uns schweigend eine Zeit lang an und ließen die Tatsache auf und wirken, dass wir gerade eben ein nicht existentes oder verschwundenes Familienmitglied bekommen oder wiederbekommen hatten.
Jetzt musste ich aber etwas sagen.
"Danke für deine Erzählung. Das bedeutet mir viel. Am Anfang dachte ich, ich will dich nicht treffen, weil du mich damals nicht gewollt hast oder weil ich Angst vor meiner Vergangenheit hatte, aber jetzt denke ich, dass es genau die richtige Entscheidung war."
"Das denke ich auch." Sie lächelte mich an.
"Wie kommst du denn damit klar?", fragte sie mich.
"Ich glaube besser als ich gedacht habe. Und vor allem besser als vor drei Wochen noch. Andrew hat mir wirklich viel geholfen. Du musst ihn kennenlernen."
"Ja, er ist ein toller Mann. Ein bisschen wie Alexander als ich ihn kennenlernte eigentlich."
"Erzähl mir mehr von ihnen. Von meinen Eltern meine ich. Wie waren sie?"
"Okay, aber davor fangen wir jetzt mal an, zu essen, sonst wird ja alles kalt."

Sie reichte mir ein paar Schalen und ich häufte mir einen kleinen Essens-Berg auf den Teller. Dann schenkte sie mir ein Glas Rotwein ein und begann, zu erzählen. 

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