Ich fühlte mich so oder so schlecht. Meine Weihnachtsstimmung war im Eimer und ich konnte mich nicht einmal auf das neue Jahr freuen, in dem ich vorgehabt hatte, die Beziehung zu Andrew in etwas Ernstes zu verwandeln.
Ich fühlte mich, als wäre ich die ganzen Monate zuvor immer noch mit einer Batterieladung von immerhin 20 Prozent herumgelaufen und jetzt war sie endgültig leer.
Was war mein nächster Schritt?
Mit Andrew telefonieren? Es sein lassen und aufs neue Jahr warten?
Wieso konnte es nicht einfach so sein, dass ich jemandem traf, den ich auf anhieb gern hatte und mit dem ich nach einigen Monaten eine feste Beziehung eingehen konnte?
So war es doch bei so vielen Menschen. Warum musste ich so ein kompliziertes Leben führen?
Aber gleichzeitig war ich auch so froh, dass ich Andrew getroffen hatte. Er hatte mein Leben verändert. Ja, nur so konnte ich es sagen. Er hatte mein Leben und mich verändert und ich würde diesen Mann nicht einfach so aus meinem Leben verschwinden lassen.
Diese Erkenntnis half mir zwar über die Frage hinweg, ob ich es mit Andrew versuchen wollte oder nicht, wobei sie sich eigentlich schon vorher geklärt hatte, doch ich wusste immer noch nicht, was ich machen sollte.
Ich stieg in mein Auto ein und stellte das Curry auf den Beifahrersitz.
Als ich losfuhr, fing im Radio an, die Musik zu spielen.
Es lief gerade "Your decision" von Alice in Chains und ich musste lächeln, weil es meine Situation einfach so wahnsinnig treffend zusammenfasste.
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich in diesen fünfzehn Minuten, in denen ich nach Hause fuhr, genug Philosophie für mein Leben gemacht habe.
Was ist der Sinn des Lebens? Wohin führt mich mein Leben? Was will ich erreichen?
Solche Fragen. Ich hätte mich nie als Philosophin eingeschätzt, doch anscheinend konnte ich auch über solche Fragen nachdenken. Vielleicht sollte ich über einen Berufswechsel nachdenken.
Während meiner Überlegungen kam ich, natürlich, auf Andrew und mir fiel auf, was mir schon vor längerer Zeit aufgefallen war, dass ich viel zu wenig über ihn wusste.
Ich beschloss, obwohl ich wusste, dass es keineswegs fair war und ich wirklich andere Möglichkeiten hatte, Andrew zu googlen.
Ich parkte mein Auto im einzigen freien Parkplatz ein, den es noch gab und freute mich, dass ich keine 10 Kilometer bis zu meiner Wohnung würde laufen müssen, weil es in Zürich ein bescheuertes Parkplatzproblem gab.
Als ich an den Briefkästen vorbeiging, schaute ich aus Routine nach, ob Post angekommen war und tatsächlich lag ein kleiner Brief in meinem Postfach.
Wie gesagt war er zwar sehr klein, jedoch ziemlich dick.
Ich klemmte ihn zwischen meine Zähne, was ich eigentlich hasste, denn dann war immer ein kleiner Rand auf dem Umschlag zu sehen, abgesehen davon, dass ich es unhygienisch fand, doch weil ich das Curry in der einen Hand hatte und meinen Wohnungsschlüssel in der anderen, nahm ich ganz kurz den Brief in den Mund, schloss meine Wohnungstür auf und legte den Brief auf der Kommode ab.
Ich warf einen kurzen Blick auf mein Handy, das ich nicht mitgenommen hatte und sah, dass Julien mich angerufen hatte.
Ich stieß einen Seufzer aus.
Lust auf ein Telefonat mit dem Mann, von dem mein... Andrew? dachte, ich hätte ihn mit ihm betrogen, was auch irgendwie stimmte, aber das war alles in Paris gewesen und deshalb auch sehr verwirrend, hatte ich im Moment überhaupt nicht.
Der Rückruf würde also noch warten müssen. Vielleicht auch bis ins neue Jahr, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, für zwei oder drei Tage weg aus Zürich zu müssen. Nicht weit, aber weg.
Ich setzte mich mit meinem Laptop an den Küchentisch und suchte mir, während ich mein Curry aß, das ausgezeichnet schmeckte wie ich wieder einmal zugeben musste, obwohl mich die Szene heute schon zu der Frage gebracht hatte, ob ich überhaupt noch bei dem Restaurant einkaufen sollte, über die Plattform Booking.com ein paar Hotels in der Züricher Umgebung heraus, die auf mich einen positiven Eindruck machten.
Während ich mich durch die schier endlosen Listen von Jugendherbergen bis Luxushotels scrollte, empfand ich eine merkwürdige Aufregung, die ich so noch nie verspürt hatte.
Ich war noch nie in den Ferien zum Entspannen weggefahren. Deswegen wollte ich auch ein Hotel mit einem Masagebereich und Saunabereich, um mich ein paar Tage zurückzulehnen und alle Eindrücke der letzten Monate zu verarbeiten.
Ich war selbst sehr erstaunt über mich, dass ich zu einer so klugen Entscheidung, zumindest aus meiner Sicht, fähig war, während ich damit zu kämpfen hatte, was mit meiner "Beziehung" zu Andrew geschehen sollte.
Als ich dann endlich nach meiner gefühlt stundenlangen Suche nach einem Hotel auf reservieren klickte, zitterten meine Hände leicht.
Für den ein oder andere, wenn ich genau darüber nachdachte eigentlich sehr viel, mochte das komisch wirken, doch ich hatte tatsächlich noch nie ein Hotel rein aus urlaubstechnischen Gründen gebucht.
Mein Handy vibrierte und erst zuckte ich erschrocken zusammen, doch als ich bemerkte, dass es nur die Bestätigungs-E-Mail des Hotels war für meine erfolgreiche Reservierung, normalisierte sich mein Pulsschlag wieder.
Dann erinnerte ich mich wieder an meinen Brief, den ich vorhin aus meinem Briefkasten geholt hatte und erhob mich schwerfällig von meinem Stuhl.
Die letzten Tage hatten zwar nur rein physisch an mir gezehrt, doch trotzdem fühlte ich mich seltsam ausgelaugt, wie schon erwähnt, meine Batterieladung war gleich null. Auch nach dem Curry noch.
Ich ließ mich auf die Couch fallen und schlitze den Briefumschlag mit einem Messer auf. Der Adressat kam mir nicht bekannt vor.
Sehr geehrte Frau Foss,
wir haben mitbekommen, dass unser Sohn eine Beziehung mit Ihnen führt und würden Sie gerne besser kennenlernen. Kommen Sie uns doch im neuen Jahr, am 2. Januar besuchen. Wir laden Sie auf ein Abendessen ins Dolder ein. In der Annahme, dass Sie wissen, um welches Restaurant es sich handelt, bitten wir Sie, in einem Abendkleid zu kommen.
Falls Sie tatsächlich die Absicht haben, eine ernsthafte Beziehung zu unserem Sohn zu führen, würden wir die Gelegenheit nutzen und Sie schon ein bisschen in unser wunderbares Familienleben einführen.
Wenn Sie unserem Sohn aber auch nur ein Wort von unserem Treffen erzählen, können Sie sich sicher sein, das letzte Mal in seiner Firma gearbeitet zu haben.
Hochachtungsvoll,
Anette und David Wyss
Neben dieser Nachricht fielen mir Bilder von Andrew und mir entgegen, auf denen wir in Paris waren, auf denen wir gemeinsam Mittagessen waren und im zusammen im Auto saßen.
Ich bekam eine Gänsehaut. Was waren das für Eltern und warum hatte Andrew einen anderen Nachnamen? Und waren das überhaupt seine richtigen Eltern?
Hatten sie uns beschattet? Ich dachte, sie würden in Deutschland leben und nicht in der Schweiz. Wollten sie extra für dieses eine Abendessen in die Schweiz reisen?
Mir wurde zunehmend schlechter.
Mit wessen Sohn hatte ich mich da nur eingelassen?
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Chefetage
RomanceJuliette ist die Chefin der Personalabteilung. Andrew ist der Big Boss der Verlagsfirma. Beide sind sehr verhasst bei den Kollegen. Herrisch, egozentrisch und feuern ihre Kollegen nur zu gerne wegen belanglosen Dingen. Sie kennen sich kaum, bis es e...
