Wenn ich sagen müsste, wann ich in meinem Leben am glücklichsten gewesen bin, dann würde ich antworten, dass es diese Weihnachtsferien gewesen sind.
Ich hatte mich in den paar Tagen ordentlich im Hotel verwöhnen lassen und hatte Sylvester mit einer Pizza und einem guten Film verbracht.
Es hatte viel geschneit und draußen lagen mindestens ein halber Meter.
Und doch fühlte ich mich an diesem 1. Januar nicht wohl, denn das Treffen morgen mit Andrews Eltern ging mir nicht aus dem Kopf und ich hatte Andrew immer noch nichts davon erzählt.
Das musste ich wohl heute tun.
Ob ich deswegen aufgeregt war? Nein, natürlich nicht, denn es war nur unser erstes Wiedersehen seit dem Restaurant und außerdem nur der Anruf, vor dem es mir seit Erhalten des Briefes graute.
Natürlich war ich aufgeregt!
Ich nahm mein Handy in die Hand und tippte auf Andrews Kontakt.
Seufzend klickte ich auf seine Nummer und hielt mir mein Handy ans Ohr.
"Andrew hier. Ahh Julie, willst du mich zum Essen ausführen?"
"Nein, heute nicht. Ich muss dir etwas sagen."
Ich konnte förmlich hören wie er sich jetzt versteifte, also seine Körperhaltung, und mir seine gesamte Aufmerksamkeit schenkte.
"Versprich mir, nicht sofort auszurasten."
"Wenn du mit Julien geschlafen hast, kann ich für nichts garantieren."
"Nein, das würde ich nie mehr. Das weißt du doch."
"Okay, was möchtest du mir dann sagen?"
"Ich habe kurz vor Weihnachten einen Brief bekommen."
"Ja?"
"Er war von deinen Eltern."
"Von meinen...?"
"Ja, von deinen Eltern."
"Andrew, sie haben mir Fotos geschickt. Von dir und mir. Sie haben uns irgendwie beschattet oder so."
"Beschattet?", echote er.
"Sie wollen sich morgen mit mir treffen und sie haben in dem Brief gesagt, dass ich dir nichts erzählen soll."
"Mit dir treffen?"
"Du musst nicht alles wiederholen, was ich sage, Andrew. Du musst mir meine Fragen beantworten. Wer sind deine Eltern und woher wissen sie von uns?"
"Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Ich dachte, sie hätten niemanden in Paris..."
"Ich verstehe gerade gar nichts. Was meinst du?"
"Ich habe dir doch erzählt, dass ich in meiner Kindheit zuhause unterrichtet wurde. Meine Eltern waren richtige Überwacher. Es gab Kameras in meinem Zimmer. Ich durfte keine Freunde haben und zu meinem 18. Geburtstag haben sie mir dann erlaubt, meine eigene Firma zu gründen. Unter der Bedingung, niemals jemanden kennenzulernen. Immer alleine zu bleiben. Erinnerst du dich an die Szene in meinem Büro, als ich Sex hatte? Ja, sicherlich tust du das, das war damals so unglaublich unangenehm für mich. Ich würde niemals Sex im Büro haben, werde ich auch nicht mehr, aber ich hatte mich mit ihr verabredet, spontan, deswegen war ich auch so gehetzt. Damit meine Eltern nichts mitbekommen würden. Denn ich bin mir sicher, auch in unserem Verlag gibt es jemanden, der alles meinen Eltern steckt. Ein paar Jahre nachdem ich den Verlag gegründet hatte, kam dann eine Zeit, über die ich ungern spreche. Du weißt schon, Partys, Sex, Clubs, ziemlich klischeehaft, ich weiß... Na ja, jedenfalls habe ich meine Eltern mehrere Jahre nicht gesehen. Und auch jetzt, sehe ich sie nur einmal im Jahr zu Weihnachten. Das habe ich dieses Jahr jedoch nicht, weil sie irgendwo in den USA eine Reise gemacht haben und erst gestern zurückgekommen sind. Ich habe sie nie verstanden und auch diesen komischen Brief werde ich wohl niemals verstehen. Und ich kann mir vorstellen, dass du dich jetzt nicht mehr sicher fühlen wirst, weil sie mich beschatten. Manchmal wünsche ich mir, sie würden nicht mehr länger existieren, aber weißt du, sie sind meine Eltern."
"Wow, Andrew, das hätte ich jetzt nicht erwartet."
"Was?"
"Dass du mir alles gleich erzählst."
"Du hast gefragt.", er sagte das mit einer Zärtlichkeit in seiner Stimme, die die Bitterkeit von eben vertrieb.
"Was soll ich morgen machen?"
"Zu dem Treffen gehen, dich vorstellen und ihnen alles erklären. Keine Angst. Wir machen das zusammen."
"Zusammen? Sie haben das strikt verboten. Sonst fügen sie mir Schaden zu."
"Das würden sie nie. Sie wollen vielleicht alles über mich wissen und mich überwachen, aber sie sind keine Monster. Meine Mutter kann nicht mal eine Fliege erschlagen."
"Das kann ich mir bei dem Ton in dem Brief kaum vorstellen."
"Glaub mir. Soll ich zu dir kommen?"
Was war das denn jetzt für eine Frage? Wollte ich ihn jetzt sehen?
"Ich weiß nicht."
"Alles gut. Ich habe nur gefragt. Dann sehen wir uns morgen? Kannst du mir noch sagen wann und wo?"
"Ja klar. Ich schreibe dir gleich eine Nachricht oder besser: Ich schicke dir ein Foto vom Brief."
"Soll ich dich dann abholen? Dann müssen wir uns nicht erst dort treffen."
"Okay. Du weißt schon, dass ich gerade ziemlich verstört bin, oder?"
"Bist du das?"
"Ja."
"Okay, ich kann dir gerne mehr über mich erzählen und über mein mysteriöses Leben, das gar nicht so mysteriös ist.", er lachte kurz. "Dann komme ich morgen schon etwas früher zu dir, dann reden wir bisschen. Und mach dir keine Sorgen, wir bekommen das hin."
"Du klingst so entspannt."
"Das bin ich auch. Meine Eltern sind wirklich nicht schlimm. Also klar weiß ich, dass es nicht normal ist, was sie machen und dass es vielleicht sogar strafbar wäre. Aber was will ich dagegen machen? Meinen Frieden damit geschlossen habe ich noch lange nicht, aber dagegen aufbegehren? Nein, das bringt auch nichts."
"Okay, das verstehe ich. Dann kommst du morgen zu mir?"
"Ja."
"Tschüss."
"Tschüss."
Ich wartete, bis er aufgelegt hatte, doch er legte nicht auf. Ahh, das war eine von diesen peinlichen Situationen, in denen ich am liebsten nicht existieren würde.
"Andrew.", ich lachte nervös, "leg jetzt auf."
"Warum du nicht?"
"Leg doch einfach auf."
"Bist du dir sicher, dass ich nicht zu dir kommen soll?"
"Das ist der Grund, warum du nicht auflegen willst? Weil du darauf hoffst, dass ich dich doch noch frage, ob du zu mir kommen willst?"
"Und wenn es so wäre?"
"Ich würde höchstens mit dir etwas Essen gehen."
"Höchstens? Das klingt aber nicht so nett..."
"Das meinte ich nicht so. Ich habe es nur nicht so gerne, wenn ich andere Leute bei mir zuhause bekochen muss."
"Welches Restaurant soll es sein?"
"Erinnerst du dich daran, als wir in der Mittagspause Essen waren?"
"Ja."
"Das Restaurant fand ich schön."
"Okay, dann bin ich in 20 Minuten bei dir und wir fahren gemeinsam hin."
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Chefetage
RomantikJuliette ist die Chefin der Personalabteilung. Andrew ist der Big Boss der Verlagsfirma. Beide sind sehr verhasst bei den Kollegen. Herrisch, egozentrisch und feuern ihre Kollegen nur zu gerne wegen belanglosen Dingen. Sie kennen sich kaum, bis es e...
