35. Wer bin ich?

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Ich weiß nicht, was ich tun soll und weiß nicht, wohin. Ich hab vergessen, wer ich sein will, und vergessen, wer ich bin. - Julia Engelmann

Hektisch spritzte ich mir das kalte Wasser des laufenden Wasserhahns in mein Gesicht. Meine Hände verteilten die Kühle gründlich auf meiner Haut in der Hoffnung somit das Taubheitsgefühl wegzuwaschen, doch egal wie oft meine Finger über meine Haut rieben, es wurde nicht besser. Erst als ich das Gefühl hatte zu ersticken, drehte ich den Wasserstrahl zu und nahm meine Hände vom Gesicht.

Keuchend starrte ich in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Eine Frau mit schwarzem, viel zu langem Haar, einer rötlichwunden Haut und glanzlosen Augen schaute mich an.

»Wer bist du?«, fragte ich das Spiegelbild, doch statt einer Antwort bekam ich dieselbe Frage zurück.

Am liebsten hätte ich ihr etwas entgegnet, doch meine Lippen blieben still. Ich wusste nicht, wer mir gegenüber stand, ich war mir selbst fremd.

Als es an der Badezimmertür klopfte, blieb mein Herz beinahe stehen.

»Adaina, wir brechen in wenigen Minuten auf. Kommst du?«, erschallte Erwins besorgte Stimme.

Schnell trocknete ich mein Gesicht mit einem Handtuch ab.

»Ich komme.«

Nachdem ich meine Haare zu einem Zopf zusammengebunden hatte, lief ich aus dem Badezimmer hinaus, wo er geduldig auf mich wartete.

»Bist du bereit?«, fragte er mich liebevoll, woraufhin ich zu ihm trat und das Bolo-Tie um seinem Hals richtete.

»Jetzt bin ich bereit.«, erwiderte ich mit meinem Zeige- und Mittelfinger über den grünen Edelstein streichend.

Warum konnte dieses Schmuckstück kein Schutztalisman sein?

»Dann lass uns gehen.«, meinte Erwin schwach lächelnd.

Im nächsten Augenblick legte er seinen Arm um meine Schulter und leitete mich aus unserem gemeinsamen Zimmer hinaus zum Innenhof.

Dort angekommen warteten bereits die Truppenmitglieder, samt den neu dazugekommenen Rekruten aus den anderen Divisionen auf das Auftreten des Kommandanten. Sogleich gesellte ich mich in die Menschenmasse zu Jean und Miranda.

»Na endlich, wurde aber auch mal Zeit.«, beschwerte sich Jean mir die Zügel meines Pferdes überreichend.

»Danke, dass du Olio für mich gesattelt hast.«, erwiderte ich seine Mähne streichelnd.

»Mir ist nun Mal nichts anderes übrig geblieben, weil du so lange gebraucht hast.«, seufzte Jean mit den Augen rollend.

»Willst du uns nicht den Grund für die Verzögerung erzählen?«, fragte mich Miranda mit den Augenbrauen wackelnd.

Nun hatten sich alle versammelt, sodass der gesamte Trupp auf Erwins Kommando das Hauptquartier verließ.

»Du denkst auch nur an das eine.«, lachte ich den anderen Soldaten hinterherlaufend.

»Adaina hat Recht.«, murmelte Jean die Zügel seines Pferdes fester packend.

»Keiner hat nach deiner Meinung gefragt.«, konterte Miranda empört und lief mit ihrem Hengst einige Schritte voraus.

»Du wirst immer so schnell beleidigt.«, beschwerte sich Jean an die Stirn fassend.

Solange sich die beiden in eine ihrer unnötigen Auseinandersetzungen verwickelten, versuchte ich mir die Gesichter um mich herum einzuprägen.

Es dauerte nicht lange bis wir an der Mauer Rose ankamen, wo die aufgestellten Aufzüge bereits die ersten Pferde auf die Mauer transportierten. Während ich mit Miranda und Jean in einen der Aufzüge stieg, bemerkte ich eine ansammelnde Menge von Bürgern, die begeistert die Soldaten beobachteten. Als wir oben ankamen, hatte sich die Menschenschar verdoppelt. Woher wussten sie, dass wir heute aufbrechen würden? Der Beginn der Mission wurde aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Haben wir zu viel Lärm gemacht?

Till Forever Falls Apart (Erwin X OC)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt