„ Ich möchte auch einmal fliegen.", sagte ich, während mein Blick auf einem Vogel lag. „ Ich stelle mir das unheimlich befreiend vor."
„ So befreiend ist das gar nicht, wenn du mit hundert anderen Menschen in einem stickigen Flugzeug sitzt."
„Nein, das meine ich nicht. Ich möchte durch die Luft fliegen. Nur ich. Nicht irgendein Flugzeug."
Harry schaute mich verständnislos an.
„Wie genau willst du das bewerkstelligen. Du hast keine Flügel. Ich meine, du könntest von einer Klippe springen, aber dann hättest du nicht viel von deinem Sprung, außer einem Patz auf dem Friedhof."
„Ich meinte einen Fallschirm. Mit einem Fallschirm kann man aus einem Hubschrauber springen und fühlt sich wenigstens Minuten wie ein Vogel. Auf jeden Fall glaub ich das."
„ Das habe ich noch nie gemacht, aber ich denke, dass du recht hast. Das muss befreiend sein, zumindest wenn man sich vor Angst in die Hose scheißt."
„Du bist ein Idiot.", äußerte ich und tat so, als ob ich schmollen würde.
„ Aber ein toller Idiot.", fügte er hinzu und grinste mich an. Seine Grübchen wurden sichtbar und ich schmolz dahin.
„Sag ich doch. Ich bin ein toller Idiot."
Darauf erwiderte ich gar nichts mehr und wir kamen zur Themse. Es war mittlerweile dunkel und nur noch die Straßenlaternen erhellten die Umgebung. Zu unserer linken konnte ich die Tower Bridge wahr nehmen, und obwohl es schon dunkel war, waren noch immer viele Leute unterwegs. Das Wetter war aber auch schön. Es war angenehm warm und man merkte, dass es langsam Sommer wurde.
Harry und ich blieben am Rand der Themse stehen und schauten beide aufs Wasser.
„ Es ist perfekt.", murmelte ich unbemerkt.
„Nein.", hauchte Harry, der meine Worte vernommen hatte. Überrascht schaute ich ihn an. Er fand
es nicht perfekt? Sofort schlichen Zweifel in mir auf. Was hatte ich falsch gemacht?
Bevor sie sich weiter ausbreiteten konnten trat Harry einen Schritt näher und stand mir damit so nah, dass ich seinen Atem in meinem Gesicht spüren konnte. Währenddessen vergaß ich selbst beinah zu atmen.
Unsere Blicke trafen sich und Harry beugte sich langsam vor. Dabei beobachtete er mich, ob ich meinen Kopf abwendete, und ihm so symbolisierte, dass ich das Kommende nicht wollte.
Doch ich wollte es. Mehr als alles andere, deswegen bewegte ich meinen Kopf keinen Zentimeter.
Und dann trafen seine Lippen auf meine. Seine perfekten, rosa Lippen. Erst streiften sie nur leicht die meinen, dann mit mehr verlangen, und ich ließ mich darauf ein. Nahm all die Gefühle, die sich in mir ausbreitete, auf und schwor mir diesen Moment nie zu vergessen.
Ich schlang meine Arme um Harrys Oberkörper und er streifte mit seinen Händen erst meine Wange und dann meinen Hinterkopf. Es fühlte sich an wie Stromschläge, die durch meinen Körper jagten.
Sekunden verstrichen und keiner von uns beiden löste sich vom anderen.
Erst nach gefühlten Ewigkeiten löste Harry sich von mir und grinste mich wieder an.
„ Jetzt ist es perfekt.", flüsterte er und ich schwöre, in dieser Sekunde war ich das erste Mal in meinem Leben kurz davor zu quieken. Zum Glück fiel mir rechtzeitig auf, dass ich damit die Stimmung gewaltig zerstört hätte.
In meinem Kopf bildeten sich schon wieder eine Milliarde Fragen, doch ich wollte keine von ihnen Stellen. Ich wollte einfach nur den Moment genießen und den Anblick von Harry, welcher seinen Kopf wieder der Themse zugewendet hatte. Immer noch trug er seinen Pulli mit den Bärenohren.
Was machten wir hier nur? Was machte ich nur hier? Wie sollte das weiter gehen?
Mein Blick glitt von den Bärenohren auf sein Gesicht und seine Wange. Da Harry schon wieder lächelte, zeichnete sich auf der Wange schon wieder ein Grübchen ab, welches in mir das Verlangen auslöste, einfach meine Hand auszustrecken und seine Wange zu berühren. Ehe ich mich davon abhalten konnte tat ich das auch. Vorsichtig fuhr ich mit meiner Fingerspitze über seine Wange. Er ließ es geschehen.
„ Was machen wir hier?", fragte ich leise.
„Du streichelst meine Wange und ich fühle mich wie ein Zootier, das ziemlich glücklich auf die Themse schaut."
„Nein, das meine ich nicht. Was machen wir hier? Was soll das werden?"
„ Vielleicht eine Beziehung.", seine Worte warfen mich kurz aus der Bahn. Eine Beziehung. Er wollte also wirklich eine Beziehung mit mir haben.
„ Willst du das wirklich? Ich meine, ich bin ich und du bist du. Ich verdiene mein Geld mit ach und krach auf der Straße und bin ein niemand und du bist Harry Styles. Du könntest so viele Mädchen haben, die besser sind."
„ Ich weiß, dass ich dich noch nicht sehr gut kenne, aber ich weiß, dass du kein niemand bist. Und es ist mir egal, mit was du dein Geld verdienst, solange du keine Drogen schmuggelst. Aber dir scheint es nicht egal zu sein."
„Nein, so ist das nicht. Ich verstehe es bloß nicht. Warum ich so viel Glück habe. Warum ausgerechnet ich."
„ Das weiß ich nicht. Aber hinterfrag es nicht. Genieß es einfach.", und mit diesen Worten küsste er mich erneut. Und ich, ich genoss es einfach.
Wenige Stunden später lag ich meinem Bett und ließ in Gedanken den Abend Revue passieren. Während ich das machte kamen auch die Zweifel wieder. Warum ich? Ich konnte es mir einfach nicht erklären, und egal wie sehr ich darüber auch nachdachte, die Frage blieb unbeantwortet.
Mit Tränen schaute ich sie an. Die Frau, die sich meine Mutter nannte, und die mir gerade sagte, dass er mich verlassen hatte. Dass er einfach gegangen war und nie mehr zurück kommen würde. Und während sie das sagte blieb ihr Gesicht hart wie Stein. Nicht eine Emotion war ihm zu entnehmen. Keine Träne, nein, nicht einmal Mitleid. Gar nichts. Leere Augen und ein fahles Gesicht. Aber das hatte sie immer. Leere Augen und ein fahles Gesicht gehörten zu ihr. Anders kannte ich sie nicht. Ihr Gesicht blieb leer, doch meins zerbrach. Heiße Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Mein Mund war verzogen und in meinen Augen spiegelte sich Schmerz wieder. Warum ich? Warum musste mir das passieren? Womit hatte ich das verdient?
Meine Mutter verließ das Zimmer und ließ mich allein mit meinen Fragen und dem Schmerz, von dem ich wusste, dass er gekommen war um zu bleiben. Er hatte sich langsam aber sicher in mein Herz geschlichen und würde dieses nicht eher verlassen, bevor er es zerstört hatte.
Warum ich? Warum musste mir das passieren? Womit hatte ich das verdient.
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Different (Harry Styles)
FanfictionHope und Harry. Der gleiche Anfangsbuchstabe und ihre Liebe zur Musik ist wohl das Einzige, was sie verbindet. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Sie, die arme Straßenmusiker, die das Wort glücklich nur aus Geschichten kennt. Er, d...