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Ein paar Monate zuvor

Ich habe eine genau Vorstellung davon, wie dieser Abend ablaufen wird. Wir sind auf dem Weg zu einer Hausparty, die jemand aus der Abschlussklasse gibt. Das Problem ist nur, dass wir dort niemanden kennen und uns auch niemand eingeladen hat. Somit wird der Abend damit enden, dass man uns, noch bevor die Party für uns begonnen hat, vor die Tür setzen wird. So wie die vielen Male zuvor auch. Der einzige Grund, warum ich mich überhaupt immer wieder darauf einlasse, ist der Wunsch meiner Freunde einmal zu den coolen Kids zu gehören.

Doch an diesem Abend lassen mich meine hellseherischen Fähigkeiten anscheinend im Stich, denn es interessiert offensichtlich niemanden, dass ein paar uncoole Typen aus der Unterstufe die Party crashen. So stehen wir nach kurzer Zeit schon mit unseren roten Plastikbechern – dem Symbol der Coolness – im Garten und trinken ein fürchterlich süßes Gesöff. Aber der Zucker kann nur schwer den Alkoholgehalt des Getränks übertünchen.

Schon bald fühlt sich für mich alles so leicht und schön an. Die Stimmung wird immer ausgelassener, je später der Abend wird, während das Niveau stetig sinkt. Meine volle Blase treibt mich schließlich auf die Toilette, doch als ich wiederkomme, sind meine Freunde verschwunden. Auch im Haus kann ich sie nirgends finden.

Deshalb habe ich mich jetzt in einen der ruhigeren Zimmer zurückgezogen, dort wo man nur noch den Beat der Musik hört. Ein stetiges monotones Brummen im Hintergrund. Ich lasse mich auf einem Sofa nieder. Leicht sinke ich darin ein und fahre mit der Hand über den samtenen Bezug. Eine Welle der Müdigkeit überkommt mich und dann noch eine. Eine Weile noch kämpfe ich dagegen an, doch dann kippt mein Kopf zur Seite auf die Lehne.

Ein „die Party ist zu Ende" lässt mich hochschrecken und mein Magen dreht sich, durch das ruckartige Erwachen, einmal um sich selbst. Verschlafen fahre ich mir über die Augen, meine Brille ist verrutscht und mein Nacken schmerzt fürchterlich. Ich richte mich wieder auf und realisiere, dass ich immer noch auf der Party bin. Meine Reflexe sind vom Alkohol benebelt und deshalb bemerke ich erst jetzt, dass jemand neben mir sitzt. Ein kurzer Blick und ich erstarre zur Salzsäule. Kein geringerer als Alexander Henderson, der Mädchenschwarm des Colleges, sitzt zu meiner Rechten.

Ungewöhnlich dicht sitzt er neben mir. So nah, dass sich unsere Knie berühren. Und das ist nicht das Einzige, was merkwürdig ist, denn seine Hand ruht auf meinem Oberschenkel. Erst lasse ich meinen Blick durch den leeren Raum schweifen, bevor ich den Mut finde ihn erneut anzusehen. Auch er schaut mich direkt an, aber sein Blick ist unergründlich. Doch das heißt nicht, dass er nicht meinen ganzen Körper in Aufruhr versetzt. Seine Augen sind gerötet und er scheint genau so betrunken zu sein wie ich.

Vielleicht liegt deshalb immer noch seine Hand auf meinem Oberschenkel. Oder aber hat er die Gunst der Stunde genutzt und will mich tatsächlich berühren?

Ich warte auf den Moment, wenn er auf meine Bein klopft, sich dann auf diesem abstützt, aufsteht und alle meine anderen Interpretationen – durch diese freundschaftliche Geste – Lügen straft.

Doch jetzt fährt er mit der Hand über meinen Oberschenkel und der Stoff der Hose reibt über meine Haut. Ich halte die Luft an, während sein Atem gegen meine Haut prallt. Wir sind uns viel zu nah. Jetzt verstärkt sich der Druck auf mein Bein und er steht doch auf.

„Zimmer 305. Studentenwohnheim. In einer halben Stunde", sagt er halb flüsternd, halb lallend.

Nur dein schmutziges GeheimnisWo Geschichten leben. Entdecke jetzt