H a n n a h
Mit meiner Kameratasche über der Schulter, köstlich duftendem Chinesischem essen in der Hand, einer leichte note Entwickler Chemikalien, die jedesmal an mir haftet wenn ich ein paar Stunden in meiner Dunkelkammer verbracht habe, und einem unüberhörbaren Knurren meines Magens, stoße ich die Tür zu meinem Wohnhaus auf und mache mich daran die Treppe hochzustapfen. Ich war den ganzen Tag unterwegs. Gleich nachdem ich heute morgen aufgestanden bin, war ich das erste mal seit langem richtig motiviert und mit einem nicht zu leugnendem Schaffungsdrang konfrontiert, der seit Anbeginn der Zeit Männer und Frauen dazu bewegt die menschliche Existenz voranzutreiben und mich in Rekordzeit aus meinen vier Wänden getrieben hat.
Ich habe es heute morgen gerade so geschafft eine Schale kunterbunter Cornflakes in mich reinzuschaufeln, die Matt mit Gewissheit als den stillen Killer bezeichnet hätte, unter die Dusche zu springen und mich anzuziehen, bevor ich mit meiner Kamera bewaffnet die Wohnung verlassen und mich in der morgendlichen Rush-hour-Verkehr gewagt habe.
Keine Ahnung woran es lag. Ob nun an dem ungewöhnlichem Licht oder den recht milden Temperaturen für den Chicagoer Februar oder ich doch einfach nur einem Lagerkoller näher stand als gedacht, sodass mein Unterbewusstsein mir einen gepfefferten Arschtritt verpasst hat. Aber im Endeffet ist es auch vollkommen egal, denn nur das Ergebnis ist wichtig.
Ich bin mit Elizas Jeep, von dem man wohl behaupten kann, dass er jetzt offiziell mir gehört, Richtung Chinatown gefahren. Dort habe ich den Wagen abgestellt und bin zu Fuß weiter spaziert. Immer wieder musste ich stehen bleiben, wenn mir etwas ins Auge gestochen ist, um den Moment festzuhalten. Ich konnte mich zwischen den zur Arbeit hetzenden Anzugträgern, den langsam zum Leben erwachenden Läden, Müttern mit ihren Kindern und allen übrigen Chicagoern, verlieren.
Nach Wochen des Nichtstun und, -ich gebe es zu, versteckens, war es schön mich mal wieder meiner Leidenschaft zu widmen, mit der ich zufälligerweise meinen Lebensunterhalt bestreite, und den ganzen anderen Scheiß, der mir gerade mein Leben schwer macht, einfach verdrängen. Je länger ich die Welt durch meine Kamera betrachtet habe, desto einfacherer wurde es.
Ein erneutes und diesmal fast schon bedrohlich wirkendes knurren meines Magens, reist mich aus den Gedanken an diesen wirklich schönen Vormittag und im Nachhinein betrachtet, war es wohl nicht meine beste Idee das Mittagessen einfach auszulassen. Okay, zugegebenermaßen wusste ich schon heute Mittag, dass die fehlende Mahlzeit ein großer Fehler ist und sich im Nachhinein wahrscheinlich rächen wird, obwohl mir der Gedankengang, dass Essen gewissermaßen eigentlich nur eine unnötige Ablenkung ist und ich die Zeit sinnvoller nutzen könnte, früher am Tag, durchaus plausibel vorkam.
Jetzt jedoch bereue ich es zuteilst, vor allem da der Hungertod eines in seine Arbeit vertieften Künstlers, nicht mal außergewöhnlich originell wäre !
Trotzdem stand es heute Mittag einfach nicht zur Debatte, die neuen Bilder nicht sofort zu entwickeln. Ich war einfach wie gebannt von meiner Arbeit und deshalb musste ich aus zeitlichen Gründen, das Mittagessen auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben. Doch wie sollte es anders sein, habe ich in meiner Dunkelkammer vollkommen die Zeit vergessen und jetzt ist es draußen dunkel, wir haben halb elf abends und ich habe seit heute morgen um sechs Uhr nichts Essbares mehr zu mir genommen und verdammt nochmal, ich sterbe gleich vor Hunger !
Ich könnte glatt ein halbes Schwein auf Toast essen oder eben mein Abendessen, von dem ich sicherlich noch die nächsten zwei Tage essen werde. Andererseits stört mich das wenig, denn die verschiedenen gefüllten Taigtaschen, die unzähligen Frühlingsrollen und die zwei unterschiedlichen Sorten gebratener Nudeln, die mich mit ihrem verlockendem Duft schon seit ich das China-Restaurant verlassen habe, zu foltern scheinen, werden gewiss auch nochmal aufgewärmt himmlisch schmecken.
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Bittersweet Enemies
RomanceSie sind wie Hund und Katz oder Feuer und Benzin, -höchst explosiv und immer Gefahr laufend, sich gegenseitig umzubringen. *** Auf den eigenen Beinen zu stehen, ist für die toughe, manchmal etwas kühle und grundsätzlich sehr direkte Hannah Collins...
