08 | ersatzschlüssel

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H a n n a h

Während ich aus dem leichten dösen gleite und blinzelnd die Augen aufschlage, fühle ich zum erneuten Male die verschiedensten Gefühle auf mich einprasseln. Um es zusammenzufassen könnte man aber auch einfach sagen, dass es mir beschissen geht und ich mich fühle, als hätte mich ein LKW erfasst, nur um den Rückwärtsgang einzulegen und mich nochmal zu überrollen.

Fast sofort tauchen wieder Bruchstücke und Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf und es ist, als würde ich jeden Schlag von vorgestern erneut spüren und zucke merklich zusammen.Vorsichtig berühre ich mein Gesicht und taste meine linke Wange ab. Schmerzhaft zucke ich zusammen, als sich wie zu erwarten ein stechender Schmerz meinen Wangenknochen breit macht. Eigentlich tut mir der gesamte Kopf höllisch weh, genauso wie die angeknacksten und geprellten Rippen, die sich bei jedem neuen Atemzug bemerkbar machen.

Die ganze Nacht habe ich zwischen unruhigen Halbschlaf und noch unruhigerem Wach sein verbracht, wobei ich jedesmal wenn ich eingeknickt bin von Ian geträumt habe. Es waren Albträume, die mein Unterbewusstsein aus neuen und alten Erinnerungen zusammensetzt und mich dabei so sehr in Panik versetzt hat, das ich mehrmals hochgeschreckt bin und senkrecht im Bett saß.

Da ich die Sonne mittlerweile hinter meinen dunkelblauen Vorhängen erkennen kann und schlafen jetzt sowieso keinen Sinn mehr macht, schlage ich stöhnend meine Decke zur Seite und versuche mich behutsam aufzuraffen. Jede Bewegung ist beschwerlich und kräftezehrend. Aber ich kann schließlich nicht den ganzen Tag im Bett verbringen und mich im Selbstmitleid suhlen, auch wenn dieser Gedanke mal wieder viel zu verlocken ist und ich den verpassten Schlaf der letzten zwei Nächte dringend gebrauchen könnte.

Plötzlich höre ich ein dumpfes, aber nicht zu überhörendes, krachen und halte sofort in meiner Bewegung inne. Auch Kleo, die sich am fußende zusammengerollt hat und sich bis dato nicht von mir hat stören lassen, öffnet ihre grünen Augen und spitzt die Ohren. Scheiße. Panik durchflutet augenblicklich meinen Körper, bringt meinen Puls zum rasen und der erste Gedanke, der mir immer wieder durch den Kopf schießt ist: Es ist jemand in der Wohnung ! Er ist in der Wohnung !

Reflexartig springe ich aus dem Bett und fasse mir im gleichen Atemzug mit der rechten Hand an die Linke Seite meines Oberkörpers. Genauso schnell wie das schmerzhaft ziehen mir die Luft aus den Lungen gepresst hat, so schnell erfasst mich auch eine Welle des Schwindels. Es Tanzen schwarze Punkte bedrohlich durch mein Sichtfeld und ich muss mich trotz der Geräusche aus dem Nebenraum dazu zwingen, erstmal tief ein- und auszuatmen.

Nachdem sich der Raum nicht mehr all zu schnell dreht, suche ich mit den Augen nach dem erstbesten Gegenstand ab, mit dem ich mich verteidigen könnte. Doch ernüchternd muss ich feststellen, das mein Schlafzimmer bis auf meine Tiffany-Nachttischlampe, die ich mal auf einem Flohmarkt erstanden habe, keine auch nur ansatzweise geeignete Waffe gibt. Außer natürlich, ich will den Eindringling mit der fast schon obszönen Menge an verschiedensten Lederjacken, die sich in meinem Kleiderschrank befinden, zu Boden ringen. Oh man...

Verdammte scheiße ! Da mir bewusst ist, dass mich meine zittrigen Beine im Moment noch nicht unendlich lange halten werden und die Geräusche auch nicht verstummen, mache ich das nächst beste und reiße kurzerhand den Stecker der Nachttischlampe aus der Steckdose. Das Ding ist zwar nicht ideal, aber ich könnte sie wenigstens jemandem an den Kopf werfen, und es ist immer noch tausendmal besser, als gar nichts dabei zu haben.

Konzentriert schleiche ich durch das Zimmer, lege meine freie Hand an die Klinke und mein rechtes Ohr an die Schlafzimmertür, um zu lauschen. Doch nichts. Einen Moment zweifle ich an mir, doch nach dem ich noch ein letztes mal durchatme, drücke ich so geräuschlos wie nur irgend möglich die Klinke runter und mit einem, in meinen Ohren viel zu laufen, Klick, geht die Tür auf. Vorsichtig spähe ich in den kleinen Flur, halte gespannt die Luft an, doch durch den Türspalt kann ich niemanden erkennen. Das ist gut, naja, jedenfalls nicht schlecht.

Bittersweet EnemiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt