06 | blutergüsse

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M a t t h e w

Was für ein Montag. Erschöpft verlasse ich das Krankenhaus und bin einfach nur froh, das meine Schicht für heute vorbei ist. In der Notaufnahme gab es heute mal wieder ein paar äußerst anstrengende Patienten. Ich war seit heute morgen um sechs hier und jetzt ist es schon Mittag und ich hatte bisher tatsächlich keine freie Minute, sodass ich jetzt nur noch nach Hause will, wo ich hoffentlich etwas essbares finde und mir eine ausgelassene Dusche genehmigen kann.

Gerade als ich bei meinem schwarzen BMW M4 ankomme, fängt mein Handy an den Refrain von ‚Little Sister' von Mobilée zu spielen. Ich bin kein sonderlich großer Fan des Songs oder der Band, aber trotzdem kann ich mir ein träges Lächeln nicht verkneifen, als ich den Klingelton höre. Wie der Titel des Songs schon verrät, ruft nämlich Eliza an, die den Klingelton vor Jahren mal breit lächelnd und mit den Worten, dass ich dann immer gleich wüsste wer mich Anruft, eingestellt hat. Das es dafür eigentlich die Anruferkennung gibt, scheint ihr dabei allerdings entgangen zu sein.

„Hey, Elli !", gehe ich ran, nachdem ich das Handy aus meiner Hosentasche gezogen habe und schließe gleichzeitig den Wagen auf, um mich schonmal hinters Steuer fallen zu lassen.

„Hallöchen, Bruderherz !", flötet meine kleine Schwester Diabetes erregend süß in den Hörer. Sofort werde ich hellhörig, denn ich erkenne schon allein an diesem verräterischen Tonfall, dass das hier kein geschwisterlicher Routine ‚wir-haben-uns-schon-zwei-Tage-nicht-gehört' Anruf ist.

„Was willst du ?", frage ich die deshalb direkt und kann nicht verhindern, dass ich ein wenig misstrauisch klinge. Aber hey, wem will ich hier was vormachen, ich bin Misstrauisch !

„Wie kommst du darauf, dass ich etwas von dir will, Matt ? Darf eine kleine Schwester ihren großen Bruder nicht auch mal ohne Hintergedanken anrufen und sich nach seinem befinden erkundigen ?", entgegnet sie unschuldig, sodass man meinen könnte ihr wäre ein paar Engelsflügel gewachsen und auch wenn ich ihr all das zu gerne glauben würde, tue ich es doch nicht. Denn die Erfahrung hat mir ganz klar gezeigt, dass sie mich mit diesem Tonfall früher oder später um etwas bitten wird, das mir höchstwahrscheinlich ganz und gar nicht gefallen wird.

„Du weißt, dass du mich jederzeit anrufen darfst, Elli...", seufze ich und fahre mir mit der freien Hand müde über die Augen, ehe ich mit nachdrücklicher fortfahre. „Aber immer wenn du etwas von mir willst oder mich um etwas bittest, hast du da diesen unverkennbaren Tonfall drauf. Also was ist es ? Was willst du ?"

„Okay !", gibt sie sich geschlagen und ich bleibe auffordernd stumm, damit sie endlich mit der Sprache rausrückt. „Würdest du mir eventuell einen winzigen, -klitzekleinen, Gefallen tun ?"

„Was für einen Gefallen ?", hake ich nach und sehe dabei zu, wie die verschiedensten Menschen das Krankenhaus durch den Haupteingang betreten und wieder verlassen. Wenige als Patienten, die meisten als Besucher oder Angestellte.

„Hannah hatte heute Nachmittag einen Termin bei Mateo und wollte danach noch bei mir im Büro vorbeischauen, aber sie ist nicht aufgetaucht.... Wir haben noch gestern Vormittag miteinander telefoniert und Hannah hat mir versprochen, dass wir nach ihrem Termin zusammen Mittagessen oder einen Kaffee trinken gehen-"

„Sie hat dich also versetzt.", unterbreche ich sie murmelnd.

„Ja, Matt !", schnauzt sie mich passiv an, was mich dazu veranlasst den Mund zu halten. „Erst habe ich mir dabei nicht viel gedacht, aber dann hat mir Mateo gerade erzählt, dass sie auch zu ihrem Termin mit ihm nicht erschienen ist.", erzählt sie schließlich weiter, hörbar besorgt und auch wenn ihre beste Freundin und ich uns nur bedingt leiden können und meisten unterschiedliche Meinungen vertreten, weiß ich, wie viel Hannah meiner Schwester bedeutet.

Bittersweet EnemiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt