Kapitel 27

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Songempfehlung: Chris Brown - Under the influence

Nun war er also gekommen.

Der unausweichliche Moment, in dem wir uns der Wahrheit stellen mussten. Einer Wahrheit, die so sicher war, wie Ozeane tief oder Himmel die Farbe blau trugen. Eine Wahrheit, die uns zurück in die Realität katapultieren würde. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann wollte ich nicht zurück in diese Realität. Ich wollte weiterhin in dieser Blase verharren, in die wir uns heute begeben hatten. Denn in dieser Blase war Julian nicht mein Professor und ich war nicht todkrank. In dieser Blase waren wir zwei stinknormale Menschen, die sich unheimlich zueinander hingezogen fühlten und sich kennenlernten. Dates hatten. So, wie es jedes andere Pärchen auch tun würde.

»Du weißt, Laney, dass das was wir heute getan haben, falsch war, oder?« Und einfach so, im Nullkommanichts, nahm Julian eine Nadel zur Hand und ließ meine kleine Seifenblase, in der ich bis eben noch geschwebt war, zerplatzen.

Ich wusste, dass er mit seiner Aussage nicht nur den Kuss meinte, sondern den gesamten Tag. Alles daran. Unsere gemeinsam verbrachte Zeit war vollkommen und unwiderruflich falsch.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und ließ mich tiefer in den Sitz sinken.

Mein Hals wurde ganz trocken, während Julians Worte sich anfühlten, als würde Säure durch meine Adern fließen.

»Ich weiß, dass das nicht hätte passieren dürfen. Schon klar«, meine Stimme klang etwas trotziger, als beabsichtigt. Dabei konnte Julian im Grunde genommen ja nichts dafür. Er sprach nur das aus, wovor ich zu viel Angst hatte, es laut auszusprechen. Ich verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und blickte stur durch die getönten Scheiben hinaus in den Nachthimmel. Eine geschlagene Minute herrschte betretenes Schweigen zwischen uns. Dann beschloss ich allerdings, da wir ohnehin gerade Klartext sprachen, erneut die Frage aufzugreifen, die ich ihm vorhin im Restaurant schon gestellt hatte.

»Wieso hast du das alles dann überhaupt für mich getan, wenn es so falsch ist?«, flüsterte ich betroffen in die Stille, die uns wie wie ein dunkler Mantel in der schwarzen Nacht einhüllte. »Weil ich krank bin? Aus Mitleid?«

Schweigen.
Langes, unschlüssiges Schweigen.

Aber dann, als ich bereits glaubte keine Antwort mehr zu erhalten, sagte Julian schließlich etwas, das mich überraschte.

»Weil du Recht hattest mit deiner Vermutung.«

Ich warf ihm einen verwirrten Seitenblick zu.

»Welcher Vermutung?«

Julian schaute noch eine ganze Weile lang aus dem Fenster, ehe auch er sich mir zuwandte und mich direkt ansah.

»Dass ich dich mag«, seine Augen begannen zu glühen. »Ich mag dich, Laney Taylor. Und zwar nicht auf die Art, wie ein Professor seine Studentin mögen sollte, sondern auf eine ziemlich unangebrachte und unanständige Art.«

Mein Herz setzte einen ganzen Schlag lang aus, ehe es in schwinderlerregendem Tempo seinen Dienst wiederaufnahm. Julians Worte hallten in meinem Kopf wider und es dauerte eine ganze Weile, bis ich den Inhalt seiner Aussage verarbeitete. Im Bruchteil einer Sekunde wurde mir so heiß, als befänden wir uns inmitten einer achtzig Grad Sauna und nicht im Inneren seines Wagens. Die Stimmung zwischen uns veränderte sich schlagartig. Lud sich elektrisch auf. Die Spannung war so heftig, dass ich fürchtete, sie könnte sich jeden Moment mit aller Macht entladen.

»Auf eine unangebrachte und unanständige Art?«, wiederholte ich mit kratziger Stimme, die so gar nicht nach mir klang.

Julian sprach, ohne den Blick von mir abzuwenden.

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