Songempfehlung: Sleep Token - Jaws
Hatte ich mir das nur eingebildet?
Es musste Einbildung sein.
Oder ein Traum.
Oder beides.
Doch noch bevor sich plötzlich eine Hand neben mir auf dem Tresen abstützte, wusste ich, dass Julian hinter mir stand. Er ragte hinter mir auf, wie eine unverrückbare Macht in meinem Rücken.
Ich drehte mich um und - da stand er. Wie der wahr gewordene Traum, nach dem ich mich schon seit Tagen so schmerzhaft verzehrte.
Er trug eine dunkle Hose und einen grauen Hoodie, dessen Kapuze über einer schwarzen Base Cap lag, die tief in sein Gesicht gezogen war und ihn vor fremden Blicken schützte.
Ich starrte geradewegs in seine giftgrüne Augen, die im Schatten lagen und meinen Blick nicht erwiderten. Stattdessen fixierten sie Joe, der hinter der Theke stand und starrten den Barkeeper mit einer solchen Intensität nieder, wie ein Löwe seine Beute kurz vorm Sprung.
Julian hatte noch nie einen bedrohlichen Eindruck erweckt. Nie.
Bis jetzt.
Seine Größe, seine Kleidung, ja, die Art und Weise, wie er sich hinter seiner Cap und der Kapuze versteckte, verlieh ihm etwas Gefährliches. Etwas Geheimnisvolles. Er wirkte fast schon einschüchternd. Ich hatte ihn noch nie so wütend erlebt, wie in diesem Moment. Seine Augen schienen regelrecht Pfeile zu spucken. Pfeile getränkt in grünem Gift.
»Julian?«, krächzte ich und fragte mich ein weiteres Mal, ob das gerade ein Traum war.
»Ah«, hörte ich Joe mit einem leichten Lächeln in der Stimme hinter mir sagen. »Lass mich raten, du bist der besitzergreifende Freund, der MMA macht.«
Julian wirkte kurz überrascht, fing sich aber direkt wieder.
»Und du solltest deine Hände bei dir lassen, wenn sie dir lieb sind«, knurrte er.
»Wow«, erwiderte Joe ironisch und wandte sich an mich. »Deine Freundinnen haben nicht übertrieben, er ist echt besitzergreifend.«
»Sprich sie noch einmal an und es werden nicht nur deine Hände sein, die du verlierst«, Julian machte drohend einen Schritt nach vorne, aber ich schaltete schnell und legte ihm hastig eine Hand auf die Brust, um ihn davon abzuhalten, einen unnötigen Streit vom Zaun zu brechen.
»Alter, schon gut, schon gut«, Joe hielt kapitulierend sein Geschirrtusch in die Höhe, ehe er sich kopfschüttelnd abwandte und seine Arbeit ein paar Meter weiter verrichtete.
Unterdessen drehte ich mich wieder zu Julian um. Seine Brust hob und senkte sich heftig unter meiner Handfläche. Er war richtig wütend.
»Was sollte das denn bitte?«, zischte ich aufgebracht und schaute zu ihm hoch. »Und was tust du hier überhaupt?«
Und dann - endlich - richtete er seinen Blick auf mich. Er sah auf mich hinab, aus diesen unglaublichen Augen, die allmählich an Härte verloren, kaum dass sie mich ansahen. Diese Augen, die ich so sehr vermisst hatte. Alles um mich herum hörte auf zu existieren. Die Zeit stand still. Die laute, basserfüllte Musik, die den Club noch immer mir Leben erfüllte, rückte in den Hintergrund, war nur noch eine stumme Erinnerung. Selbst die Partygäste, meine Freunde, die ein paar Meter entfernt auf der Tantfläche tanzten und auch die Gefahr, dass man uns erwischen könnte - nichts war mehr von Bedeutung.
Mit einem Mal war meine Wut wie verflogen. Meine Unsicherheit. Mein Kummer. Alles, was mich die Woche auf Trab gehalten und mich um den Schlaf gebracht hatte, war einfach verschwunden. Löste sich in Luft auf. Mein Magen kribbelte heftig und während wir uns ansahen, fühlte es sich an, als prallten wieder einmal zwei Welten aufeinander.
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Her Heart
RomanceDer erste Band der Hearts-Reihe! Laney Taylor ist schwerkrank. Schon von Geburt an leidet sie an einer Herzschwäche und wartet seit einigen Jahren vergeblich auf ein Spenderherz. Während ihre Eltern täglich auf ein Wunder hoffen, hat Laney ihr Schic...
