Den restlichen Tag verbrachten Caya und ich gemeinsam. Wir schlenderten an den zahlreichen Ständen vorbei, wo diverse Clubs und Mannschaften für sich warben, naschten von leckeren Essensständchen, die extra für den heutigen Tag errichtet wurden und Caya zwang mich sogar, auf der berühmten grasgrünen Wiese des Old Campus' zu den Songs, die das Yale Orchester zum Besten gab, zu tanzen. Unter normalen Umständen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, als einzige hier inmitten auf dem Rasen das Tanzbein zu schwingen. Doch Cayas offene und lebenslustige Art war ansteckend. Noch nie zuvor hatte ich jemanden wie sie getroffen. Jemand, der so herzlich war und bei dem ich das Gefühl hatte, ihn schon ewig zu kennen - und das obwohl wir uns heute Morgen zum ersten Mal begegnet waren.
Caya nahm mich bei der Hand und wirbelte mich durch mehrere Drehungen, was mir ein Lächeln nach dem anderen aufs Gesicht zauberte.
Schon lange hatte ich mich nicht mehr so frei und lebendig gefühlt, wie in diesem Moment. Bisher hatte mein ganzes Leben nur daraus bestanden, Lernen, außerschulischen Aktivitäten und Klinikaufenthalte unter einen Hut zu bekommen. Doch hier, auf der Wiese des Old Campus' und an Cayas Seite, fühlte sich plötzlich alles unbeschwert und leicht an. Denn ich war angekommen. Ich war endlich angekommen. Ich hatte es tatsächlich nach Yale geschafft. Nur mit Mühe konnte ich in diesem besonderen Augenblick die Tränen unterdrücken.
Ich war glücklich.
Ich lebte.
Kurz legte ich mir die Hand aufs Herz.
Es schlug.
Eins, zwei.
Eins, zwei.
Eins, zwei.
Caya beförderte mich in eine weitere Pirouette und ich lachte aus tiefster Seele. Ich liebte das Tanzen. Schon immer. Früher hatte ich in einer Tanzschule Contemporary Dance getanzt. Aufgrund meiner Herzerkrankung jedoch musste ich meine Leidenschaft auf Eis legen. Das hatte mich schwer getroffen. Aber hier, auf dem Rasen der Yale University, spürte ich meine frühere Leidenschaft wieder aufflammen. Spürte, wie sehr ich es vermisste, mich zu bewegen, der Musik hinzugeben, den Beat zu fühlen.
Leider ging mir viel zu schnell die Kraft aus. Mein Herz schlug wie verrückt, der Schweiß begann mir über die Stirn zu rinnen und allmählich kündigten sich auch die ersten Kreislaufprobleme an.
»Was ist los? Hast du keine Ausdauer, du faule Socke?«, lachte Caya, aber natürlich entging ihr meine heftige Reaktion auf das bisschen Tanzen keineswegs, dazu war sie viel zu aufmerksam.
»Hey, ist alles in Ordnung?«, sie zog die Stirn kraus und ein besorgter Ausdruck huschte über ihr Gesicht, als mich ein heftiger Hustanfall packte. Ich litt unter der sogenannten Linksherzinsuffizienz, die durch einen genetischen Defekt hervorgerufen wurde. Dies hatte zur Folge, dass meine linke Herzkammer nicht mehr in der Lage war, das Blut adäquat in meinem Körper zu verteilen. Dadurch kam es zu einem Rückstau des Blutes, das bis zur Lunge reichen konnte. Dem Körper fehlte es dadurch an Sauerstoff und so entstanden typische Symptome wie Husten, Atemnot, verminderte Leistungsfähigkeit und Kreislaufprobleme. Alles Symptome, die ich nur allzu gut kannte. Tja, und deshalb stand ich nun hier und keuchte mir die Seele aus dem Leib. Dieses verdammte Herz gönnte mir aber auch nicht einmal einen klitzekleinen Moment der Freude...
»Alles gut, geht gleich wieder. Ich habe mich nur etwas übernommen«, verharmloste ich die Situation. Caya warf mir einen skeptischen Blick zu. Einen Blick, der viel zu scharfsinnig war. Nun gut, es war auch nicht sonderlich schwierig zu erraten, dass mit mir etwas nicht stimmte, wenn mir gerade mal nach einer Minute schon die Puste ausging. Auch wenn ich mein Bestes gab, um mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte keine Sonderbehandlung, nur weil ich todkrank war.
»Komm, setz dich mal«, Caya führte mich zu einer Bank ganz in der Nähe, wo ich eine kleine Verschnaufpause einlegen konnte. Ich versuchte ruhig zu atmen, während ich mir immer wieder die Hand aufs Herz presste, um meinen Herzschlag zu fühlen.
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Her Heart
RomanceDer erste Band der Hearts-Reihe! Laney Taylor ist schwerkrank. Schon von Geburt an leidet sie an einer Herzschwäche und wartet seit einigen Jahren vergeblich auf ein Spenderherz. Während ihre Eltern täglich auf ein Wunder hoffen, hat Laney ihr Schic...
