Songempfehlung: The Wombats, Oliver Nelson - Greek Tragedy
Es musste ein Traum sein. Einbildung. Oder ein lächerlicher Scherz, dessen Pointe ich nicht verstand. Doch immer wieder flogen meine Augen über diesen einen Satz.
Sechs Worte.
Siebenunddreißig Buchstaben.
Eine Bedeutung.
Doch welche?
Warum ist der letzte Punkt durchgestrichen?
»Ich fasse es nicht«, hörte ich Caya plötzlich sagen. »Julian Wright flirtet mit dir!«
Mein Kopf schoss hoch und ich starrte sie an. Auf Cayas Gesicht spiegelte sich dieselbe Fassungslosigkeit, die ich nun verspürte.
»Unsinn!«, ich tat ihre Aussage mit einem hastigen Kopfschütteln ab. Dann schaute ich wieder auf den Zettel, den ich in den Händen hielt und Zweifel kamen in mir auf. Zugegeben, man hätte durchaus annehmen können, dass Professor Wright flirtete. Jedenfalls klang es beim ersten Mal Lesen sehr verdächtig. Jedoch war ich mir absolut sicher, dass dies niemals seine Intention gewesen war. Sicher hatte ihn das Ganze nur verwundert. Er war ein Mann, der durch und durch fähig erschien. Ein Mann, der sehr viel Wert auf Ordnung, Struktur und Professionalität legte. Er wäre niemals so dämlich, mit seiner Studentin anzubändeln. Das wäre glatter Selbstmord. Professor Wright wäre seinen Job schneller los, als er die zehn größten Philosophen der Antike aufzählen konnte.
Und auch meine Tage am Yale College wären gezählt. Ganz abgesehen davon, dass meine Tage ohnehin schon gezählt waren. Würde ich mich in jemanden verlieben, ganz gleich in wen, würde mein Entschluss mich nicht mehr operieren zu lassen, gefährlich ins Wanken geraten. Dessen war ich mir absolut sicher. Denn die Liebe war etwas Mächtiges. Sie war stark und unerschütterlich und sie gab den Menschen Hoffnung. Hoffnung auf eine Zukunft. Hoffnung auf ein schönes Leben. Hoffnung auf mehr.
So oft schon hatte ich große Zuversicht in verschiedene Therapiemöglichkeiten gehabt, die sich letzten Endes doch wieder nicht bewehrt hatten. Mein Leben bestand aus einer Aneinanderreihung von Enttäuschungen und ich hatte nicht vor, aus meinem letzten Wunsch, dem Wunsch in Yale zu studieren, eine weitere Enttäuschung zu machen. Ich wollte selbst bestimmen, wie es für mich endete. Ich wollte nicht wieder Ewigkeiten im Krankenhaus verbringen und mich den bestialischen Nachwehen einer Herz-OP ausliefern. Aber vor allem wollte ich mich nicht der Angst aussetzen, nach der OP doch zu sterben, weil mein Körper das Spenderherz abstieß. Oder mit der Hoffnung zu sterben, bestenfalls weitere zehn Jahre leben zu können. Denn waren wir mal ehrlich, bei meinem Glück würde das Spenderherz sicherlich nicht mehrere Jahrzehnte seinen Dienst tun.
Mit dieser Erkenntnis nahm ich einen tiefen Atemzug und sah Caya tief in die Augen.
»Er flirtet nicht mir mir«, sagte ich eindringlich, legte den Zettel beiseite und wandte mich ab. Es war nicht so, dass ich mir nicht gewünscht hätte, mich zumindest einmal im Leben zu verlieben. Ganz im Gegenteil. Zu gerne hätte ich gewusst, wie es sich anfühlte, wenn die Sehnsucht einem den Schlaf raubte. Wenn man nur noch an diese eine Person denken konnte, die einem nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich hätte auch gerne gewusst, wie es sich anfühlte jemanden zu küssen, dem man mit Haut und Haaren verfallen war. Einen Kuss, den man schon so lange herbeisehnte und der vor Leidenschaft nur so glühte. Einen Kuss, bei dem einem das Herz beinahe aus der Brust sprang und der einem den Boden unter den Füßen wegriss. Und ich war neugierig darauf zu erfahren, wie es sich anfühlte, mit dieser Person zu schlafen, sie zu berühren und ihr nahe zu sein. Ich wollte wissen, wie es war, diese eine Liebe zu erfahren, die man nur auf der Leinwand sah oder von der man in Büchern las. Diese eine Liebe, die einen um den Verstand brachte. Womöglich war ich auch deswegen so eifersüchtig gewesen, als Josh mir erzählte, dass er auf einem Date gewesen war. Das Wissen, dass ich diese Erfahrung niemals machen würde, tat weh. Denn unglücklicherweise war es auch diese eine Liebe, die ich niemals erleben würde, die mir in meinem kurzen Leben nicht vergönnt war. Solch eine Liebe würde mich alles kosten. Und mit diesem Gedanken musste ich mich abfinden.
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Her Heart
RomanceDer erste Band der Hearts-Reihe! Laney Taylor ist schwerkrank. Schon von Geburt an leidet sie an einer Herzschwäche und wartet seit einigen Jahren vergeblich auf ein Spenderherz. Während ihre Eltern täglich auf ein Wunder hoffen, hat Laney ihr Schic...
