KAPITEL 6

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HURRICANE

Der Sand unter meinen Füßen lässt meinen sicheren Stand in dem Moment wackeln, indem ihre Hand kraftvoll meine Wange trifft. Die nächsten zwei Sekunden verschwimmen in meiner Erinnerung zu einem sanften Nebel. Anschließend stampft sie über den Strand davon. Hendrix steht mir gegenüber, gluckst in seinen mit Bier gefüllten Becher und zieht die Augenbrauen in die Höhe. Natürlich amüsiert er sich köstlich. Bereits jetzt stehen meine Locken wirr vom Kopf ab, allerdings komme ich nicht umhin, erneut hindurchzufahren.

»Puta«, zischelt Thaís. Wirklich leiden konnte ich sie noch nie, allerdings ist sie greifbar gewesen, um das Lämmchen zu provozieren. Wieso ich sie auf die Palme bringen wollte, kann ich selbst nicht sagen. Langsam löse ich meinen Arm von ihrer Schulter und trete einen Schritt zurück. »Wusstet ihr, dass sie mit Kerlon in einem Hörsaal gevögelt hat? Billiger geht es kaum«, fügt sie hinzu und schnalzt mit der Zunge.

»Sie hatten keinen Sex«, korrigiert Rix an meiner statt. »Soweit ich weiß, haben sie geknutscht.« Gelassen nimmt er einen Schluck von seinem Bier.

»So oder so. Es ist armselig.« Thaís winkt ab und wirft sich ihre - neuerdings - blonden Haare über die Schulter. »An dieser Universität geht es schließlich nicht darum, wer am Ende des Semesters am häufigsten flachgelegt worden ist. Nicht, dass ich etwas gegen diesen Freigeist hätte, dennoch können sie in einem der Wohnheimzimmer herummachen. Wie nötig muss man es haben, sowas direkt auf dem Campus, noch dazu in einem Hörsaal auszuleben?« Sie kichert los, woraufhin ihre Freundinnen einstimmen.

»Es reicht, Thaís«, brumme ich. Sofort verstummt ihr Kichern und sie schenkt mir ihren besten es-tut-mir-leid-wenn-ich-dich-geärgert-habe-Augenaufschlag. »Sie kann machen, was sie will und mit wem sie will. Wir dürfen und sollten uns darüber kein Urteil erlauben. Es ist ihr Leben.«

»Wie du meinst«, antwortet sie seufzend. »Habt ihr Lust zu tanzen?« Umgehend glättet sich der zickige Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie lässt ihre Hüften kreisen, worauf Hendrix natürlich sofort anspricht. Während ich den Kopf schüttle und mich nach einer Sitzgelegenheit umsehe. Es fuchst mich, weil ich noch immer nicht ihren Namen kenne. Doch Thaís will ich danach wirklich nicht fragen. Dieses zickige Mädchen geht schließlich davon aus, ich kenne die gesamte Universität und bin per du mit den Professoren, weil meine Mutter eine von ihnen ist.

Rix verschwindet auf die provisorische Tanzfläche und ich geselle mich zu einigen Jungs aus meinem Geschichtskurs. Sie haben es sich am Lagerfeuer bequem gemacht, trinken Bier und schwelgen in Erinnerungen aus den letzten Semestern. Bedauerlicherweise finde ich auch Kerlon Pereira unter ihnen.

»Hey Cane«, begrüßt mich einer der Jungs und deutet auf den Platz neben sich. »Bier?«

»Danke, nein. Ich muss meine Schwester noch bei einer Freundin abholen«, lehne ich ab. Ich lasse mich auf den freien Platz sinken, stütze die Ellenbogen auf die Knie und starre für einige Sekunden ins Feuer.

»Willst du einen neuen Trend einführen oder ist heute dein großes Outing?«, ertönt die Stimme von Kerlon. Gelangweilt sehe ich in seine Richtung, geradewegs in das nervige Grinsen, welches Frauen - merkwürdigerweise - anziehend finden. »Ich hab' wirklich nichts dagegen, wenn du dich outest, immerhin bleiben dann mehr mulheres für mich.«

»Rede keinen Schwachsinn, Lon, und komm auf den Punkt«, grunze ich. Ich nehme einen Schluck von der Limonade und ziehe sie gluckernd durch meine Zähne.

»Du hast ein glitzerndes Feen-Pflaster im Gesicht, irmão«, klärt er mich lachend auf und deutet auf meine Wange. Oh cordeirinho. Frech sein hast du tatsächlich drauf. Bevor ich reagieren kann, blitzt das Licht einer Handykamera auf.

HATE ME HARDERWo Geschichten leben. Entdecke jetzt