KAPITEL 9

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ARLA

Müde verlasse ich am Mittwochabend das Labor und gähne ausgiebig. Allmählich geht die Sonne unter. Lua ist heute auf einem Date, weshalb ich die Wohnung zwar für mich, aber keine Lust nach Hause zu gehen habe.

Ich schlendere durch die Gassen der Stadt, tippe auf meinem Handy herum und kaufe mir eine Flasche Wasser. Schlussendlich setze ich mich mit meinem Rucksack unter eine Laterne an der Promenade. Einige Studenten gehen an mir vorüber, unterdessen ziehe ich mein Notizbuch heraus und eines meiner Biologiebücher. Die Wasserflasche landet in meinem Schoß und ich verknote meine Beine zu einem Schneidersitz. Mein Rücken sinkt gegen das Metall der Laterne und ich schlage das Buch auf. Ich blättere durch die Seiten, bis ich das Kapitel finde, und lese noch einmal die letzten Absätze.

Eine Stunde kann ich in Ruhe arbeiten und lernen. Nebenbei schreibe ich die wichtigsten Punkte für meinen Aufsatz zusammen, den ich in zwei Wochen abgeben muss, bevor ich mir die letzten Themen noch einmal ansehe. Biologie mag für viele Personen ein Hassfach sein, allerdings ist meine Liebe dazu bereits in der Schulzeit entbrannt. Lua findet mich deshalb oftmals schräg, aber davon lasse ich mich nicht verunsichern. Zwar weiß ich noch nicht, was genau ich nach dem Studium machen möchte, aber für diese Entscheidung bleibt mir auch noch ein wenig Zeit, schließlich habe ich noch ein paar Semester vor mir.

»Hey Wodka-Bitter-Mädchen«, reißt mich eine männliche Stimme aus meiner Konzentration. Ich klemme den Stift zwischen die Seiten meines Buches und hebe den Kopf. Vor mir steht der riesige Freund von Hurricane Sousa und lächelt mich frech an. Postwendend verdrehe ich die Augen und schaue wieder auf die Texte in meinem Buch. »Wie gehts den Augen?« Augenscheinlich bemerkt er nicht, dass ich keine Lust habe, mit ihm zu sprechen, denn er lässt sich neben mich auf die Steinplatten der Promenade sinken. Er dreht einen Volleyball in den Händen und an seinen Schienbeinen klebt Sand. Neugierig hebt er das Buch in meinen Fingern an und studiert den Einband.

»Meinen Augen geht es prächtig. Danke«, antworte ich und schiebe seine Finger von meinem Buch. Ich lasse es wieder auf meinen Schoß sinken und betrachte ihn abwartend. Hendrix ist ein hübscher Mann. Sein Gesicht oval und mit einem gepflegten Bart abgestimmt. Kurzgeschorene Haare, die sicherlich dunkelbraun sind. Die Frisur steht ihm, obwohl sie bei seiner Statur schnell prollig wirken könnte. Er hat ein sanftes Lächeln, wodurch er freundlich und offenherzig erscheint.

»Wundervoll. Gesunde Augen und begabt in Erster-Hilfe. Gute Kombination«, grinst er. Für einen Moment bin ich verwirrt, bis mir Hurricanes Schramme wieder einfällt.

»Tja, was soll ich sagen? Ich gebe mir Mühe, ein vielseitiger Mensch zu sein«, antworte ich. Nebenbei klappe ich das Buch zu und stopfe es zurück in meinen Rucksack. Hendrix wird vermutlich nicht so schnell wieder verschwinden. Mein Blick huscht über den Fußweg, aber er scheint allein unterwegs zu sein. Zu meinem Glück schleppt er Hurricane nicht überall mit hin.

»Und vielseitige Menschen sitzen mittwochabends allein am Strand und lernen?«, erkundigt er sich und dreht den Ball zwischen seinen Fingern. Mit einem Kopfnicken deutet er auf meine Bücher. Auch an seinen Unterarmen klebt Sand, der ihn allerdings nicht stört.

»Du bist auch allein am Strand. Allein mit einem Volleyball. Was ist nun trauriger? Eine Frau, die allein lernt oder ein Kerl, der keinen anderen zum Spielen findet?« Hendrix blinzelt perplex, schaut auf den Ball und wieder in mein Gesicht. Dann schallt ein lautes Lachen über den Strand. Einige Passanten drehen sich neugierig zu uns um.

»Touché«, grinst er und legt den Ball zwischen seine Füße in den Sand. »Allerdings hatte ich vorhin noch jemanden zum Spielen. Aber sie wollten auf eine Party und ich habe morgen eine wichtige Vorbereitung für ein Kolloquium, deshalb habe ich mich abgekapselt. Dann habe ich dich hier sitzen sehen.« Er deutet auf meine ausgebreiteten Materialien. »Und bin traurig geworden, weil du allein bist. Deshalb habe ich gedacht, dass ich mich zu dir setzen könnte.«

HATE ME HARDERWo Geschichten leben. Entdecke jetzt