HURRICANE
Abends sitze ich an meinem Schreibtisch. Vor mir drei Bücher ausgebreitet, zwei Collegeblöcke und einige Notizen der letzten Vorlesungen. Hendrix lümmelt auf meiner Couch herum und ist völlig ins Lernen vertieft. Ich starre auf den Bildschirm meines Handys, weil ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Schon unzählige Male habe ich anfangen, einige Worte in das leere Chatfeld zu tippen, habe jedoch alles wieder gelöscht, sobald ich meinen Namen unter die Nachricht gesetzt habe.
Es scheint mir nicht richtig. Obwohl ich im Augenblick nichts mehr wollen könnte. Heute Nachmittag habe ich versucht, mich mit Thaís abzulenken, was natürlich nicht funktioniert hat. Ich mag sie, weil sie echt witzig und cool ist, aber ihre schnippische Art und die Besitzansprüche, von denen sie denkt, sie hätte sie, gehen mir auf den Geist. Hendrix ist sie schon lange ein Dorn im Auge. Letzten Sommer hatten wir eine wirklich tolle Zeit mit ihr und ihren Freundinnen. Der letzte Sommer scheint mir ewig her. Beinahe wie ein anderes Leben.
Stirnrunzelnd tippe ich wieder einige Worte in das Textfeld. Auch die lösche ich wieder und seufze stumm. Rix wühlt in einer Tüte mit Garoto herum. Das Geräusch des Plastiks scheuert an meinen Nerven. Trotzdem würde es nichts bringen, wenn ich jetzt meckere. Schließlich ist mein bester Freund nicht die Ursache meiner Gefühlslage.
»Hast du hier irgendwo das Buch über Strömungsmechanik?«, fragt Hendrix kauend.
»Nachttisch«, lautet meine einsilbige Antwort. Wieder fliegen meine Finger über das Display und wieder lösche ich jedes einzelne Wort. Dieses Mal lasse ich allerdings das ›Olá‹ stehen. Immerhin muss ich irgendwie anfangen.
»Mit wem schreibst du?« Es war klar, dass meine trübselige Art die Aufmerksamkeit meines besten Freundes wecken würde.
»Niemandem«, brumme ich und sperre das Display. So wird das nie was.
»Deshalb brummst und stöhnst du in einer Tour?« Die Belustigung schwingt in einem Unterton deutlich mit. »Na los. Erzähl mir endlich, wieso du jedes Mal blass wirst, wenn du wieder zwei Minuten auf dein Handy gestarrt hast«, fordert er und lässt sich auf den freien Stuhl neben mir sinken. Vor zwei Jahren habe ich einen zweiten Stuhl gekauft, weil er regelmäßig zum Lernen bei mir ist. Dass er ihn niemals wirklich benutzt und eher auf meiner Couch liegt, um dort die Bücher zu wälzen, gehörte nicht zum Plan.
»Ich möchte jemanden um ein Date bitten und weiß nicht wie«, gebe ich ehrlich zu. Hendrix hebt die Augenbrauen. Sein wuchtiger Körper lässt diese Geste der Verwunderung fast schon zierlich wirken.
»Jemanden? Also reden wir nicht explizit von einer Frau? Moment, bist du etwa bisexuell und ich wusste bisher nichts davon?« Jetzt wächst sich die Verwunderung in absolute Ahnungslosigkeit aus.
»Não. Ich bin nicht bisexuell, Rix.« Ich grinse breit, als er sich schnaufend durch die Haare streicht.
»Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, okay? Jeder soll machen, was er will, deshalb auch du. Ich bin ein Verfechter der freien Lieben und sowas, aber es hätte mich wirklich umgehauen, wenn ich es die letzten fünfzehn Jahre nicht bemerkt hätte«, plappert er und schüttelt wieder den Kopf. »Alles klar. Von vorne. Du möchtest ein Mädchen um ein Date bitten?«
Zaghaft nicke ich und ziehe angespannt die Nase hoch. »Genau.«
»Und wo genau liegt nun das Problem?«
»Wie ich bereits gesagt habe, weiß ich nicht, wie ich sie fragen soll«, wiederhole ich. Frustriert lasse ich das Kinn in die Hände sinken und starre aus dem Fenster in den Garten der Nachbarn hinaus.
»Leben wir neuerdings in einer Parallelwelt, in der Hurricane Sousa Muffensausen hat? Was ist los mit dir, hm? Frag sie doch einfach?« Sein Vorschlag lässt mich wieder seufzen.
»Sie einfach fragen. Hey, du hast vollkommen recht. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin, könnte daran liegen, dass sie mir vermutlich die Augen auskratzt, wenn auch nur das Wort Date fällt«, gebe ich sarkastisch zurück.
»Ah!« Hendrix atmet tief durch, ehe ein Zischen über seine Lippen kommt. »Es geht also nicht um irgendein Mädchen, sondern um Arla Oliviera«, schlussfolgert er.
»Woher kennst du bitte ihren Nachnamen?«
»Reinstes Können, mein bester Freund«, zwinkert er. »Darf ich fragen, warum du die ganze Zeit auf dein Handy starrst, wenn du sie um ein Date bitten möchtest? Suchst du im Netz etwa die bescheuertsten Ideen zusammen, um dir die Schlimmste für sie raus zu picken? Denn ich bezweifle stark, dass sie dir ihre Handynummer gegeben hat.«
Hendrix stopft sich wieder ein Garoto in den Mund und kaut genüsslich. »Sie nicht. Aber ihre Freundin Lua«, antworte ich kühl. Hendrix verschluckt sich und beginnt lautstark zu husten. Fest klopfe ich ihm auf den Rücken, bis er mit den Händen wedelt.
»Das wird Ärger geben, wenn sie es ohne Arlas Zustimmung gemacht hat.« Gibt er heiser von sich. Gierig greift er nach einer der Wasserflaschen auf meinem Regalbrett und kippt sich die Hälfte in den Rachen. »Dann hast du vor, ihr eine Nachricht zu schicken, um sie nach einem Date zu fragen?«
»So sah zumindest mein Plan bislang aus, aber dein angewiderter Ton lässt vermuten, es wäre eine blöde Idee«, erwidere ich nachdenklich. Mein bester Freund dreht die Flasche zu.
»Wenn Lua nicht mit ihr abgesprochen hat, dass sie dir Arlas Handynummer aushändigen darf, solltest du dir gut überlegen, ob du sie benutzen möchtest. Du könntest damit der Zünder für eine Bombe sein. Dir könnte alles um die Ohren fliegen, verstehst du?« Langsam nicke ich, während ich das Handy an den oberen Rand meines Schreibtisches schiebe.
»Vielleicht hast du recht«, stimme ich ihm zu.
»Vielleicht irre ich mich aber auch?«, vermutet er. Verwundert blinzle ich ihn an. Als ich den Mund öffne, hebt er die Hand. »Lass mich ausreden. Sie benimmt sich, wie eine wütende Frau es nun einmal tut. Du bist ihr Zunder. Du bist der Grund, der ihr Feuer entfacht. Der sie toben und wüten lässt. Womöglich würde sie austicken, wenn du sie persönlich fragst. Es könnte also sein, dass Arla zustimmt, wenn du ihr eine Nachricht schickst. Dann steht sie nicht vor dir und muss nicht in dein Gesicht gucken, dass sie anscheinend fürchterlich wütend macht. Welchen Grund es dafür gibt, würde mich brennend interessieren. Aber, als ich mit ihr am Strand gesessen habe, und wir über dich geredet haben, wirkte sie nicht mehr ganz so überzeugt. Bis sie dir zum nächsten Mal gegenüberstand.«
»Du hast mit ihr über mich gesprochen?«
»Das ist doch gerade überhaupt nicht das Thema. Was hast du bisher geschrieben?« Hendrix angelt sich mein Handy und entsperrt das Display. Seitdem wir Handys besitzen, kennen wir immer den Code des anderen. Für den Fall der Fälle.
Seine Augen scannen für einige Sekunden den leeren Chat. »Ernsthaft?« Mit beinahe enttäuschtem Blick schaut er mich an. Ich zucke verzweifelt die Schultern. »Mit wie vielen Mädchen hattest du bisher Dates?«
»Mit einigen«, erwidere ich. Hendrix legt das Handy auf den Tisch und nickt.
»Und wie viele von ihnen hast du um ein Date gebeten?« Kurz grüble ich, ehe ich seufzend den Kopf gegen die Stuhllehne sinken lasse.
»Fast alle.«
»Genau. Und du hast bisher nichts Besseres als ein verfluchtes Hallo? Sind wir noch in der fünften Klasse? Komm schon, Cane, dir fällt doch wohl was Besseres ein.« Auffordernd deutet er auf mein Handy. »Ich werde jetzt nach unten gehen und deine mamãe, um eine ihrer Köstlichkeiten bitten. Und wenn ich wieder nach oben komme, dann hast du gefälligst eine brauchbare Nachricht zustande bekommen.« Damit steht er auf und verlässt mein Zimmer.
Als ich ihn unten mit mamãe sprechen höre, greife ich nach meinem Handy.
H.: Olá.
Geh' bitte auf ein Date mit mir, Arla.
H.
Und drücke ich mit rasendem Herzen, schweißnassen Händen und zusammengekniffenen Augen auf senden. Merda. Sie wird nie im Leben zustimmen. Was habe ich mir dabei nur gedacht?
*****
Hier ist das Sonntagskapitel! Ich hoffe es hat dir gefallen?
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Love, K.❤️
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HATE ME HARDER
RomanceCOLLEGE-ROMANCE Als die Biologiestudentin Arla Oliveira in einer wilden Partynacht von ihrem Knutschpartner plötzlich mit seinem Drink überschüttet wird, hätte sie mit allem gerechnet. Nur nicht damit, dass ausgerechnet der Uni-Schwarm und Womanize...
