A. Die gesellschaftliche Dimension:
Es war - wenn ich mich recht entsinne - inzwischen vor einigen Jahren, als ich einem Technik-Podcast der FAZ lauschte und in etwa dieser Satz fiel: "Verzichten ist uncool." Die beiden Gesprächspartner waren sich einig, dass eine technische Lösung für all die Probleme her muss. Es kann nicht sein, dass wir bei unserem Lebensstandard und Konsumverhalten Abstriche machen müssen. Und wenn ich es richtig sehe, hat eben diese Stimmung in einem Teil der Bevölkerung die FDP in die Regierung gespült.
Unwissenheit:
Christian Lindner glänzte in TV-Wahlkampfschlachten sinngemäß mit dem Versprechen: "Es wird alles gut! Ihr braucht euch überhaupt nicht ändern oder umstellen. Wir werden natürlich unsere Klimaziele erreichen - aber bitte - technologieoffen! Vertrauen wir doch einfach unseren genialen Ingenieuren." (Inzwischen spielt diese Rolle - mit etwas anderem Spin und wesentlich erfolgreicher - Sarah Wagenknecht und am anderen Ende des politischen Spektrums Markus Söder und Alice Weidel, um nur einen kleinen Teil der relevanten Akteure zu nennen)
Aus seiner Sicht war schon der Verzicht auf den Verbrennermotor oder ein Tempolimit des Teufels und ein eindeutiges Zeichen dafür, dass da jemand nicht an technischen Fortschritt glaubt.
Wenn jemand ihn fragte, wie er sich das denn konkret vorstelle, sagte er lächelnd und überlegen, er habe keine Ahnung. Und ehrlich gesagt, das war auch mein Befund vor meinem digitalen Endgerät: Der Typ hat keine Ahnung und davon jede Menge - Container-Schiff-Weise. Mindestens. Und er verkaufte diese Ahnungslosigkeit mit großem Geschick und in großen Mengen an Leute, die genau diese Botschaft brauchten: Es wird sich nichts ändern. Es braucht sich nichts ändern. Wir können bleiben, wie wir sind, machen, was wir wollen und es wird sich schon jemand finden, der unsere Probleme für uns löst.
Das Fernsehen damals und heute wieder quillt geradezu über von Scheindebatten unter Leuten, die keine Ahnung haben und sich um Fakten nicht kümmern über Pseudo-Lösungen, die in der Praxis nicht funktionieren. Es ist schon kompliziert genug, wenn Fachleute mit unterschiedlichem Hintergrund und ideologischen Präferenzen sich streiten. Aber wenn diejenigen, die wirklich was zu sagen haben, die theoretisch wie praktisch täglich mit den Fakten zu tun haben, gar nicht erst gefragt werden und politisches Handeln, das in der Praxis katastrophale Folgen hatte, nicht hinterfragt wird, vage Behauptungen aus der Märchenwelt einfach stehen bleiben, dann haben wir ein Problem. Denn die Politik der Märchen und großen Versprechen hält derzeit überall Einzug. Sie hat Konsequenzen. Und die heißen Krieg, Verelendung, Zerstörung und maximale Unsicherheit.
Angst:
Die Angst vor der Veränderung, davor dass die eigenen Coping-Mechanismen nicht mehr greifen, dass sich unser Gehirn in der Welt, in der wir leben, nicht mehr zurecht findet, ist offenbar so groß, dass viele Politiker aller Parteien damit auf Stimmenfang gehen, statt etwas anzubieten, was wirklich Substanz hat. Das gilt als zu verwegen, zu riskant.
Es scheint viele Menschen zu geben, die verzweifelt hören wollen, dass die Zumutungen des Lebens aufhören, wenn wir nur einigen einfachen Rezepten folgen: noch mehr Ressourcen aus dem Boden holen, noch mehr in Großprojekte investieren, noch mehr Macht denjenigen übergeben, die ohnehin schon übermäßig mächtig sind, die Rechte und das Einkommen von einfachen Menschen noch mehr einschränken, auf Umwelt und Gesundheit und Verbraucherrechte noch weniger Rücksicht nehmen und uns allein auf das verlassen, was im Interesse großer Konzerne und, oder dominanter Staaten ist.
Das Märchen geht in etwa so: Wenn wir alle Macht denen übergeben, die versprechen, uns vor allen Gefahren dieser Welt zu schützen, und anschließend das eigenständige Denken, Wollen und Beobachten am besten gleich sein lassen, dann kommt auf magische Weise die alte Zeit zurück, wo alles verständlicher und überschaubarer war. Oder es bricht - ebenso magisch - ein neues Zeitalter an, wo alle Probleme gelöst sind und alle von allem genug haben.
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Die Fülle des Lebens
Non-FictionEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
