Die Perser tauchten in meinem Geschichtsunterricht am Rande der antiken griechischen Welt auf, breiteten sich aus, wurden zu einer Gefahr und schließlich von Alexander von Mazedonien um 330 vor Christus besiegt. Das riesige Perserreich, das bis nach Indien reichte, fiel dem jungen Eroberer zu, der wenige Jahre später starb. Er hinterließ eine afghanische Gemahlin, einen kleinen Sohn und eine Schwester. Alle drei wurden von seinen ehemaligen Gefährten umgebracht, das Land aufgeteilt. So jedenfalls hatte ich es anhand neuerer Auskünfte aus unterschiedlichen Quellen in Erinnerung. Doch wie meistens im Leben sind die Gegebenheiten bei näherem Hinsehen komplexer. (James So. Romm widmet der spannenden Zeit nach dem Tod Alexanders mit 'Ghost on the Throne' ein ganzes Buch.)
Mit dem besiegten persischen Herrscher und dem verstorbenen Alexander verschwanden auch die Perser aus meinem Geschichtsunterricht. Ihr Gastspiel war beendet. Doch seltsamer Weise gibt es heute noch, beziehungsweise wieder einen persischen Staat. Die uralte persische Sprache und Kultur florieren und die Mullahs im Iran betrachten sich als Teil einer weltweiten 'Achse des Widerstandes', die den dominierenden westlichen Staaten und Kulturen Deutungsmacht und Herrschaft über das moderne Weltgeschehen abjagen wollen.
Haben wir etwas übersehen? Ich denke, ja. Und zwar einige Jahrtausende Geschichte, die in den betroffenen Ländern - anders als bei uns - alles andere als vergessen sind.
Ägypten:
Ägypten, das unter persische Herrschaft geraten war, kam nun unter die Herrschaft von Ptolemäus und seinen Nachkommen. Der baute entsprechend den Visionen seines früheren Chefs an der Mittelmeerküste als neue Hauptstadt Alexandria mit ihrer berühmten Bibliothek, in der alles Wissen der Zeit gesammelt werden sollte.
Moderne Ausgrabungen und alte Texte belegen, dass die Bibliothek wohl eine Universität mit Hörsälen und umfassender Büchersammlung war. (Archäologische Ausgrabungen werden gezeigt in einer Folge von Timeline, die auf YouTube verfügbar ist.) Hier wurde Wissen zusammen getragen, weiter gegeben und Forschung in Bereichen wie Medizin und Astronomie voran getrieben.
Dass die Ägypter tausende Jahre ihre Toten bearbeitet haben, um sie auf die Reise in ein anderes Leben vorzubereiten, half der medizinischen Forschung. Dass Astronomie im Orient lange von hoher Bedeutung war, schuf einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Forschung in diesem Fach.
Claudius Ptolomäus, ein Ägypter, benannt nach den inzwischen verschwundenen griechischen Herrschern von Alexandria und einem römischen Kaiser, wurde über Jahrhunderte zur maßgeblichen Autorität in den Bereichen Mathematik, Geographie und Astronomie. Die Araber verehrten ihn quasi als den Größten. Das ptolomäische Weltbild, das sich ab dem 13. Jahrhundert auch in Europa verbreitete, wurde erst durch Galileo, Kepler und Kopernikus abgelöst. Und - kleine Bemerkung am Rande: Es ist mindestens ein Fall einer prominenten Wissenschaftlerin belegt, die dort gearbeitet hat - Hypathia.
Ägypten geriet unter Augustus unter römische Herrschaft und wurde später zusammen mit dem römischen Reich christlich. Noch heute sind gut 10 Prozent der Bevölkerung Christen - Kopten.
Im Rahmen der großen arabischen Eroberung geriet das Land unter arabische Herrschaft und die neue Stadt Kairo wurde zur Hauptstadt. Später regierten türkische Sultane das Land. Franzosen und Engländer spielten eine Weile Kolonialherren. Und nach der Unabhängigkeit hatte man in Kairo zeitweise den Ehrgeiz, einen arabischen Superstaat unter ägyptischer Führung zu schaffen. Das fand damals in der arabischen Welt Anklang, aber außer einer zeitweisen Vereinigung von Syrien und Ägypten wurde nichts daraus. (Die moderne Geschichte Ägyptens vom Kampf gegen die Kolonialnacht Großbritannien bis in die Gegenwart schildert Fawas A. Gerges in 'Making the Arab World')
Morgenland:
Das persische Kernland inklusive dem heutigen Irak geriet unter die Herrschaft der Seleukiden. In Baktrien und im Seleukidenreich währt die griechische Oberherrschaft weniger lange als in anderen hellenistischen Staaten. Aber der Einfluss der hellenistischen Phase auf die weitere Entwicklung der Region und darüber hinaus auf das heutige Europa ist groß. Und zwar gar nicht in erster Linie, weil die griechische Kultur da eingewandert ist - wichtiger und einflussreicher Einwanderer war Aristoteles - , sondern weil die Griechen einfach alles Wissen, was sie vorgefunden haben, gesammelt und weiter entwickelt haben. Das wurde später zur Grundlage der arabischen Hochkultur und der europäischen Renaissance.
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Die Fülle des Lebens
NonfiksiEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...