Das Lebensgefühl meiner persischen Freunde drang tief in mein Leben ein und entfachte eine Sehnsucht nach dem Eigentlichen, dem Wesentlichen. Es trug dazu bei, dass ich die vergiftete Erde meines Zuhauses hinter mir ließ und mich in etwas günstigere Gefilde verpflanzte. Doch es waren die Überlebenden, die mich gerettet haben.
Überleben:
Der erste Überlebende, der mir begegnet ist, war kein Jude, sondern ein Zeuge Jehovas, der das Konzentrationslager Dachau überlebt hatte. Er stand eines Tages vor unserer Tür und wollte uns seinen Glauben nahe bringen. Mein Vater kannte und schätzte ihn seit langer Zeit und ließ ihn herein. Die Gespräche dauerten ewig und waren mühsam. Nur mein Vater hielt bis zum Ende durch. Doch inmitten der rigiden Glaubenssätze, die mich eher in die Flucht schlugen, öffnete sich ein Tor in eine andere Welt:
Dieser Mensch erzählte mir zum ersten Mal von Dachau, von dem Leben als Häftling. Ich verstand kaum, was er sagte, denn es war Lichtjahre entfernt von meiner Vorstellung, die ich von so einem Lager hatte. Das Lager in seiner Erzählung war kein hermetisch abgeschotteter Komplex, sondern ein Ort, von dem aus des Morgens die Häftlinge mit ihrem Capo und den Wachen auszogen.
Was er erzählte, war konkret, lebendig und berührend, ganz anders als die ritualisierten Berichte meiner Eltern, an die ich gewöhnt war. Was sie mir sagten, war nicht echt, ging mich nichts an.
Wenn er dagegen erzählte, wie er mit einem Trupp aus Dachauer Häftlingen nach München zog, um dort die Bomben zu räumen, war seine wenig emotionale Beschreibung so konkret, dass ich sofort verstand und mich mit seinem Schicksal verbinden konnte.
Veränderung:
Interessanterweise wurde von diesem Zeitpunkt an bei uns zu Hause die wahre Funktion der nazionalsozialustischen Konzentrationslager und der Massenmord an den Juden nicht mehr geleugnet. Hatten zuvor meine Eltern und mein Bruder versucht, mir zu beweisen, dass alles nicht so schlimm war und der große Wahnsinn gar nicht stattgefunden hatte, so hörte nun dieser Unfug auf. Stattdessen besorgte sich mein Vater eine Bibel der Zeugen Jehovas, las und überdachte sie inbrünstig und schien seine Sünden zu bereuen. Meine Mutter war erbaut.
Ich empfand das eher als großes Theater, registrierte aber dankbar, dass ich mich nicht mehr mit dem Problem der Holocaust-Leugnung auseinandersetzen musste. Zwar kannte ich damals weder den Begriff noch seine strafrechtliche Relevanz. Aber ich war erleichtert, dass meine Familie aufhörte, geschichtliche Tatsachen zu leugnen, weil sie unbequem waren und das eigene Selbstbild in ein schlechtes Licht rückten.
Allerdings liefen meine Versuche, aus diesen verbitterten Menschen mehr über ihre wirklichen Erfahrungen, Gefühle und Handlungen als junge Menschen unter NS Herrschaft heraus zu bekommen, weiter gegen eine Wand. Wie sehr diese Konstellation meine emotionale Entwicklung beeinträchtigt hat und mich daran hinderte, in meinem Leben anwesend zu sein, begriff ich erst im Laufe der Zeit.

DU LIEST GERADE
Die Fülle des Lebens
No FicciónEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...