Juni

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Das nenne ich mal perfekt eingeparkt." Sagt Ingo mit einem zufriedenen Lächeln, was bei ihm wirklich selten vorkommt.

Glaubst du, ich schaffe das gleich auch in der Prüfung?" Frage ich unsicher. Ich will nicht noch einmal durchfallen. „Wenn du so parkst, wie in den letzten Fahrstunden, wirst du bestehen. Aber ein bisschen Glückssache ist es immer." Erklärt Ingo, während wir uns wieder auf den Weg zum TÜV machen.

Ich hasse diese Straßen in diesen Stadtteil. Sie erinnern mich immer an Thomas und diese Gedanken kann ich leider nicht ausstellen. Er musste letztes erst wieder wiederbelebt werden. Deswegen bekam Carl Dieter letztens den Anruf. Die Ärzte dachten, es ginge zu Ende mit Thomas. Er war immerhin zehn Minuten lang klinisch tot. Ein Wunder, dass sie ihn überhaupt zurück holen konnten.

Seit über zwei Monaten liegt er jetzt im Krankenhaus und jeden weiteren Tag sinkt die Hoffnung auf Besserung. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie eines Tages die Maschinen abstellen werden. Meint zumindest Ingo. Was bringst denn auch einen toten Körper weiter am Leben zu halten. Diese Ansicht von Ingo kann ich schon gut nachvollziehen, dennoch tut es weh, sowas zu hören. Aber er bleibt wenigstens realistisch.

Alle anderen hoffen noch und ich selbst hoffe noch verzweifelt. Aber wäre es nicht einfacher ihn einfach loszulassen, wie Tia es gesagt hat und sich jetzt mehr auf mich selbst zu konzentrieren. Aber irgendwie kann ich und wollte ich das nie.

Am TÜV angekommen, kommt schon der Prüfer auf uns zu. Es ist dieses Mal ein junger Mann so um die dreißig. Er wirkt recht freundlich. „Ich bin Herr Schneefall, ihr Prüfer heute und Sie müssen Frau Lefebre sein?" Sagt er, während er mit seine Hand zur Begrüßung gibt. „Genau und hier ist mein Ausweis." Erwidere ich freundlich.

Der Prüfer kontrolliert kurz meinen Ausweis, bevor er dann anschließend Ingo noch begrüßt. Dann beginnt schon direkt die Prüfung. Für mich heißt, dass wieder die Motorhaube öffnen muss und zeigen muss, wo man das Motoröl wechseln kann. Zum Schluss dann noch die Warnblinker kontrollieren und dann ist auch schon der technische Teil der Prüfung geschafft. Kurz atme ich erleichtert auf. Aber jetzt beginnt erst der Horror.

Sind Sie bereit loszufahren?" Fragt Herr Schneefall freundlich. Ich nicke und starte nebenbei den Motor. Dann mal los. Vielleicht habe ich ja heute mehr Glück als letztes Mal.

Die Strecke geht anfangs nur die Hauptstraße entlang, bis ich dann sofort auf die Autobahn fahren soll. Heute ist viel Betrieb, was will man aber auch anderes erwarten. Es ist Dienstag und wir haben es jetzt 16 Uhr. Feierabendverkehr. Aber Ingo meinte, dass ist die beste Zeit ist um seine Prüfung zu haben. Viel Verkehr heißt auch, dass es manchmal langsam voran geht und das ist wiederum gut für mich.

Zwar ist die Autobahn sehr voll, aber dennoch fädle ich mich gut ein und überhole anschließend einen LKW. Ingo sieht sehr zufrieden mit meinen Fahren aus.

Zwei Ausfahrten später verlassen wir auch schon die Autobahn. Jetzt soll ich umkehren. Ein Glück, dass ich das Umkehren noch letztes hier mit Ingo geübt habe, deswegen weiß ich genau, wo ich hinfahren muss. Alles klappt bis jetzt perfekt.

Danach soll ich noch seitwärts einparken. Auch das bekomme ich perfekt hin. Das viele üben mit Carl Dieter hat sich wohl doch ausgezahlt. Auch der Prüfer beschwert sich nicht. Er und Ingo unterhalten sich auch gut über VW und das VW Werk in Wolfsburg, wo Ingo letzte Woche mit seiner Frau war.

Jetzt fahren wir auf eine Schnellstraße, die wieder zurück in die Stadt führt und dabei fahre ich kurz etwas zu schnell. Doch keiner sagt etwas. Vielleicht ist es ja keinen von den beiden aufgefallen.

In der Stadt wieder angekommen, fahren ein paar Fahrradfahrer vor mir und ich bin unsicher, ob ich überholen soll. Aber ich lass es sein. Man muss den 1,5 Meter Abstand einhalten und hier wäre es nicht möglich gewesen.

Schon von Weitem kann ich das TÜV Schild sehen. Sind wir etwa schon wieder beim TÜV? Ja, ich soll wieder zum TÜV rechts einbiegen. Dann halten wir an. „Und was glauben Sie, wie sie gefahren sind?" Fragt mich der Prüfer. Ich überlege kurz, was ich darauf antworte. „Ich glaube, ich bin ganz gut gefahren. Habe ich bestanden?"

Ingo guckt mit einem zufriedenen Lächeln zum Prüfer. „Sie haben bestanden. Sie sind richtig gut gefahren. Ich habe an ihrem Fahren nichts auszusetzen." Teilt mir der Prüfer freudig mit. Und ich muss mir meinen Freudentränen zurückhalten.

Nach dieser guten Nachricht steigen wir alle aus und Ingo mit mich freudestrahlend in den Arm. „Herzlichen Glückwunsch Chloe zu deinen Führerschein." Sagt mir Ingo dabei. Und ich bin komplett überwältigt. Es ist so als wenn mir jetzt ein großer Stein vom Herzen fällt. Ich habe einfach endlich meinen Führerschein. Nachdem diesen ganzen vielen Kämpfen und Dramen. Ich kann es wirklich kaum glauben.

Ingo und ich machen uns wieder auf den Weg zur Fahrschule. Von dort holt mich dann mein Vater ab. Während der Fahrt erzählt mir Ingo, dass die anderen Fahrschüler, die er jetzt noch hat alle nichts können und er nicht weiß, wie er sie zum Führerschein kriegen soll. Außerdem teilt er mir mit, dass ich eine gute Fahrschülerin war und dass er glaubt, dass ich später verantwortungsvoll und gut Auto fahren werde. Um mich macht er sich quasi keine Sorgen im Verkehr.

Aber ich mach mir schon Sorgen und Gedanken. Was soll ich jetzt als nächstes tun? Soll ich hier in Braunschweig bleiben und warten, was mit Thomas passiert? Aber ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin. Was wenn ich daran zerbreche? Was wenn er in der nächsten Woche oder in einem Jahr stirbt und ich habe dann hoffnungsvoll und sehnsüchtig auf ihn gewartet. Das könnte ich nicht verkraften.

Ich glaube, ich muss hier weg. Etwas anderes sehen, was mich nicht an Thomas und meine Fahrschulzeit erinnert. Vielleicht sollte ich nach Paris zu meiner Tante reisen, für ein paar Monate, bis ich weiß, was ich will. Ohne Thomas und all das Drama hier. Vielleicht wird das ja ein Neuanfang für mich, wie es meine Schwester Tia gesagt hatte.

Forbidden desireWo Geschichten leben. Entdecke jetzt