Prolog

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In meiner ersten Nacht im Zirkus habe ich einen Engel gesehen.

Ich habe mein Leben lang versucht, an Engel zu glauben. Jahrelang habe ich mich selbst davon überzeugt, dass es sie gibt. Doch als sich meine Eltern trotz meiner verzweifelten Gebete trennten, brach ich mit dem christlichen Glauben.

Bis ich ihn sah.

Er hatte mittelblonde Locken und tanzte – allein, zwischen einem Toilettenwagen und dem Rand des Waldes, mit diesen Kabel-Kopfhörern, die heutzutage keiner mehr trägt. Die Augen geschlossen, der Kopf wippte im Takt und seine Lippen murmelten etwas, das ich bis heute nicht entschlüsseln kann.

Mein erster Gedanke: Oh, das wird gleich peinlich, wenn er merkt, dass er nicht allein ist. Dass hier noch ein Typ steht und auf die Reihe besetzter Toiletten wartet.

Aber er erschrak sich nicht einmal, als er mich bemerkte (was ich versucht habe offensichtlich zu machen. Fremdscham und so.) In seinen Augen änderte sich nichts. Nur ein beiläufiges, kurzes Zwinkern.

Licht erhellte die Umgebung, als endlich eine der Kabinen frei wurde und ich sah sein Gesicht.

Natürlich weiß ich, dass er kein Engel war. Aber die mühelose Schönheit dieses Jungen war unfassbar. Die sonnengeküsste Haut, als käme er frisch aus Spanien oder sonst wo, wo die Sonne stärker als in Deutschland ist. Die Sommersprossen, die dagegen sprechen, dass er wirklich aus dem Süden kommt. Die Haare mit einem schwarzem Haarband zurückgebunden, kam sein schönes Gesicht voll zur Geltung. Sein strahlendes, selbstbewusstes Lächeln. Und diese verdammt süße Stupsnase.

Wer auch immer auf der Toilette war, sprang uns entgegen und machte die Kabine frei. Aber ich achtete gar nicht darauf, wer. Meine Augen klebten an dem Jungen. Ich starrte ihm entgeistert hinterher, fasziniert von seiner Aura:

Als wäre ihm alles egal. Als würde er nur vor sich hinleben. Einfach irgendwie. Als Mensch, der sich keine Sorgen um Dinge wie Meinungen und Öffentlichkeit macht. Als hätte er vergessen, dass echte Menschen manchmal zusehen. Als lebte er zwischen Realität und Film.

Echt, ich weiß nicht, ob ich gerade einen Menschen gesehen habe oder eine Metapher für all das, was mir fehlt. Dabei geht er verdammt nochmal nur auf's Klo.

Wie übersieht man einen Stern im Dreck? Wie vergisst man die erste Sternschnuppe, die man gesehen hat? Nicht möglich. Der Grund, warum ich oft dachte, dass ich das geträumt habe, ist, weil ich ihn danach nie wieder gesehen habe. Ich erwischte mich noch Wochen danach dabei, wie ich mir in stillen Momenten auf der Arbeit Geschichten darüber ausmalte, wie der Junge plötzlich durchs Vorzelt unseres Zirkus läuft und mich wieder so süß anlächelt.

Manchmal denke ich heute noch, dass dieser Fremde der Grund ist, warum ich meine Anfangsphase im Zirkus überlebt habe. Meine Kollegen sagen immer, in den ersten drei Monaten verlässt du das Zirkus entweder, weil du merkst, dass du doch nicht für das Zirkusleben geschaffen bist und Luxus einfach zu sehr gewohnt bist; oder du bist jemand, der länger bleibt. Vielleicht sogar Wurzeln schlägt.

Zwei unserer Mitarbeiter haben sich in meiner Zeit hier bereits durch andere ersetzt, weil der eine nach seiner ersten Woche einfach nie wieder kam, und der andere anscheinend Heimweh hatte. Es wird sich aber rum erzählt, dass er eigentlich Stress mit Friedo hatte. Dass Friedo ihn rausgeworfen hat. Warum? Da gibt es so einige Theorien.

Gossip ist hier so eine Sache – das merkte ich gleich zu Beginn. Jeder spricht über jeden, und jeder weiß, dass über ihn gesprochen wird. Jeder weiß, wer mit wem was hatte, wer wessen Exfreund oder -freundin ist. Das Zirkus ist wie ein kleines Dorf. Da musste ich mich erst einmal einfinden. 

Ich nahm mir vor, mich von Anfang an richtig zu verhalten, damit, wenn über mich gesprochen wird, wenigstens etwas Gutes dabei herauskommt. Witzige Geschichte: Es gibt immer etwas Schlechtes, wenn die Leute stark genug suchen. Und Leute reden nicht gern über Gutes.

Aber es gibt hier Leute, die machen wörtlich Schlagzeilen in diesem Zirkus. Die sind andauernd in aller Munde. Und das möchte ich nicht sein. Ich habe zu viel Aufmerksamkeit schon gehasst, seit ich damals in der Schule am Fuße einer Treppe mit einer Flasche Sprite überschüttet wurde, weil ich zu anders war. Und in der Kirche wurde mir auch nichts anderes als Demut beigebracht.

Über Friedo, den Zirkusdirektor, gibt es natürlich am meisten zu sagen. Um euch eine kleine Einführung in die Welt der unbewiesenen Gerüchte zu geben: Friedo Hansen ist ein Pädophiler, der nicht mit Geld umgehen kann und dauerhaft auf Drogen ist. Und natürlich folgt ihm gleich auch der Prinz: Nikita, der schwule Sohn von Friedo – auch bekannt als die Matratze des Zirkus; einer, der Geld für orale Befriedigung nimmt, ob von Frauen oder Männern. 

Friedo habe ich noch nie gesehen, aber fair, ich arbeite ja auch erst seit vier Monaten hier, und er hat bestimmt ein Luxuswohnwagen mit eigener Toilette und Dusche. Genauso wie sein Sohn. Aber ich weiß zumindest ganz genau, welche Nummer der in der Show hat. Wir hören jedes Lied täglich zwei Mal – wenn es in einer Stadt besonders gut läuft sogar drei Mal. Sein Lied ist eine instrumentale Nummer, die ich mittlerweile wie jedes andere Lied der Show in- und auswendig kenne. Leider bin ich zuvor noch nie dazu gekommen, den Teil der Show zu sehen, weil ich zu dem Zeitpunkt immer mit Getränkekisten schleppen beschäftigt bin.

Allerdings höre ich meine Kollegen über ihn reden, jedes Mal, wenn seine Nummer beginnt.

„Hast du gesehen," sprechen sie zum Beispiel heute, als wir gerade die eiskalten, tropfenden Getränkeflaschen in die Mini-Kühlschränke einräumen müssen, was ich für eine sehr meditative Aufgabe halte. Und nicht nur, weil ich dabei den neuesten Gerüchten zuhören kann, weil mein Kühlschrank zufällig gleich neben Gabriels steht, der anscheinend alles weiß. Der hat Augen und Ohren überall im Zirkus. „Er hat gestern einem Gast sein Insta gegeben."

„Was glaubst du, wie er an tausend Follower gekommen ist?" Sie lachen über einen Jungen, über den ich mir noch nie mein eigenes Bild machen durfte. Ich kenne Nikita nur von Worten.

„Der macht echt, was er will, nur weil er Friedo's Liebling ist."

„Ich glaube, er ist mehr als nur sein Liebling." Gabriel lacht. „Farrell. Hast du noch Fanta?"

Ich mag meinen Job. Er ist wirklich okay. Aber das Einzige, was mich bei der alltäglichen Routine bei Verstand hält sind die Gerüchte. Die Stimmen, die hinter meinem Rücken flüsterten, während meine Hände mechanisch Flaschen sortierten. Ich involviere mich nicht. Unter anderem, weil ich der Neue bin, der am wenigsten weiß und noch keine Ahnung von nichts hat, höre aber gerne zu.

Aber was ich damals noch nicht wusste: Gerüchte sind harmlos, solange man selbst nicht involviert ist.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt