Die Luft schwirrt von Stimmen und Gelächter, während sich die Zirkusleute auf der großen Wiese im Backstage-Bereich versammeln. Es ist eine dieser Nächte, die direkt aus einem Sommerfilm stammen könnten: schwach beleuchtete Tische und Bänke, dazwischen Girlanden aus Lichterketten, die ein warmes Licht auf die Menge werfen. Der letzte Hauch des Tages verweilt noch in der Luft, wie ein leiser Nachklang.
Ich habe zwei Gläser Sekt intus und kann nicht aufhören, an das Buch zu denken, das ich vor zehn Minuten noch gelesen habe. Ich bin total anfällig für Besessenheiten. Mich erwischt so etwas einfach zu sehr, sodass mir das echte Leben manchmal fast unwirklich und langweilig erscheint. Aber genau deshalb lesen wir doch, oder? Wenn das Leben zu fade ist, muss man eben selbst für Spannung sorgen.
Ich lasse den Blick über die Menge schweifen und klammere mich an das kalte Glas in meiner Hand. Ich suche nach Yele und Marco, die mir das Ganze überhaupt erst eingebrockt haben. Normalerweise gehe ich nicht zu den Zirkusfeiern – nur ein paar Mal war ich bei den After-Show-Partys nach den Premieren, in meiner Anfangszeit. Aber ich fühle mich dort einfach immer unwohl. Noch mehr, wenn ich allein bin.
Die Stimmung ist locker und elektrisierend, aber ich bin überall angespannt; die erste Show der neuen Saison ist gerade erfolgreich gelaufen, und das muss gefeiert werden.
Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach loslassen und so frei sein, wie alle hier. Wie die Leute, die einfach zur Musik tanzen und sich frei bewegen. Manchmal frage ich mich, ob ich das jemals erreichen werde.
Um meine Nerven zu beruhigen, schnappe ich mir einen zweiten Gin Tonic, den Matthew, einer der Mitarbeiter aus dem Büro, zusammenmixt. Matthew hat es sich zur Mission gemacht, bei jeder Aftershow-Party einen neuen Cocktail für die Gäste vorzubereiten, und er scheint mit jedem Mal noch kreativer zu werden. Die Gin-Tonic-Gläser sind mit Limetten und Minzblättern verziert. Ich muss schmunzeln, denn solche Details machen ihn irgendwie sympathisch.
Mal ehrlich, habt ihr schon mal jemanden tanzen sehen, der es richtig draufhat? Einen Profi? Das ist wie ein Magnet für die Augen. Reine Befriedigung für die Sinne. Diese Leute bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit und Eleganz, die vollkommen mühelos wirkt. Scham? Fehlanzeige. Und warum auch? Sie haben keinen Grund dafür.
Die fühlen die Musik. Sie verkörpern sie. Jede Bewegung strahlt Freiheit und Selbstbewusstsein aus, so viel, dass es schwer ist, nicht mitgerissen zu werden. Es ist elektrisierend, ihnen zuzusehen.
Solche Menschen sind die glücklicheren. Weil sie sich frei in der Welt bewegen dürfen. Sie machen, was sie wollen. Sie sind nicht beeinträchtigt durch Grenzen, wie 'das darf man nicht' oder 'vielleicht ist das komisch'. Ich sehne mich so sehr danach so zu sein.
Ich stehe mit meinem Glas in der Hand in der Ecke und weiß nicht, wohin ich schauen soll. Am Ende starre ich nur auf eine Person, weil ich nicht anders kann.
Er trägt weiß. Wie ein Engel. Eine fließend lockere Anzugshose und ein wunderschönes, irgendwie edles Top mit einer Andeutung von Puff-Ärmeln. Sein Körper bewegt sich selbstbewusst, nicht nur in dem Outfit, auch in seiner Haut. Er könnte alles anhaben und trotzdem gut dabei aussehen.
Ich gebe mir wirklich Mühe, hin und wieder auch woanders hinzusehen. Aber es ist schwer, wenn jemand so tanzt, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
Durch einen Lautsprecher läuft Musik, die mir durch die Knochen geht und in mir das Bedürfnis weckt, mitzutanzen. Ich trete an die Theke, nutze den Moment, das Treiben um mich herum verblasst, und plötzlich gibt es nur noch ihn. Sein Blick trifft mich, weil ich gerade neben ihn getreten bin und ich spüre, wie sich alles in mir verlangsamt, als würde die Zeit stillstehen. Ich hatte mir so oft ausgemalt, was ich sagen würde, doch jetzt, in diesem Moment, fallen mir keine Worte ein.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romance„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
