Ich stehe vor dem Eingang des Backstagebereichs, die Finger um den schweren Samtvorhang gekrallt. Meine Beine sind taub. Schweiß perlt meinem Nacken hinab. Ich öffne die oberen Knöpfe meines Kragens.
Der Gedanke, dass er da drin ist ...
Es ist krank. Seit zwei Tagen kann ich an nichts anderes denken als an seine weichen, warmen Lippen auf meinen und an sein gottverdammtes Zungenpiercing - hart und metallisch inmitten all der Wärme. Ein Piercing, von dem ich nichts wusste und von dem ich niemals hätte erfahren sollen.
Seitdem haben wir weder geschrieben noch geredet. Ich wüsste auch gar nicht, was. Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich mich Nikita gegenüber verhalten soll. Vorhin habe ich eine Flasche Bier exen müssen, weil ich so nervös war. Nicht, als könnte Alkohol mir jetzt noch helfen.
Hinter mir höre ich gellendes Lachen. Ich reiße den Vorhang zur Seite - der raue Stoff gleitet durch meine feuchten Finger - und trete in die stickige, verrauchte Luft. Bässe vibrieren durch meine Brust, die Lichter schneiden durch die eben noch einhüllende Dunkelheit.
Die Weihnachtsfeier im Zirkus ist immer eine große Sache. Der Stress der Shows und das Chaos der Saison fallen für eine Nacht ab, und jeder nutzt die Gelegenheit, sich einfach fallen zu lassen. Weihnachtslieder laufen in Dauerschleife, und alle singen - oder besser gesagt, grölen - mit, mehr aus Gewohnheit und zum gemeinsamen Spott als aus festlicher Stimmung. Schließlich hören wir dieses Gedudel jeden Tag, und erträglich ist es nur noch betrunken. Das ist unser Weihnachten - eine Nacht in der Wärme der Party, bevor der Alltag uns wieder einholt.
Mein Blick huscht über die Tanzfläche, mein Herz hämmert so laut, dass ich meine, es in der Musik zu hören. Keine Spur von Nikita. Stattdessen erkenne ich Karmen und Aimar an einem Tisch.
Erstmal ein Drink. Das wird mich beruhigen. Mein Hals ist schon ganz trocken. Es ist zwar keine After-Show-Party, aber Matthew bereitet heute wieder Drinks vor - diesmal: Glühwein. Ich habe noch nie zuvor Glühwein getrunken, aber Matthew meint, der hat es echt in sich. Ich soll langsam machen, weil Wein ziemlich stark ist und er auch noch warm serviert wird - ergo, man merkt den Alkohol nicht sofort.
Auch wenn ich das anders sehe, denn meine ganze Kehle brennt, als ich den ersten Schluck nehme. Aber umso besser für mich. Diese Nervosität treibt mich nämlich in den Wahnsinn.
„Hey, Leute."
Heilige Scheiße. Ist Nikita gerade zusammengezuckt?
„Josh", ruft Karmen und rückt zur Seite. „Na endlich. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie Nika ständig nach dir Ausschau hält."
„Karmen!" Nikitas Tonfall ist eine Mischung aus Schock und Genervtheit. „¿Qué carajo?"
Meine Wangen glühen. Ich zwinge mich zu einem Schmunzeln, hoffe, dass es nicht auf meinen Lippen zittert. Die Stille, die sich über den Tisch legt, fühlt sich dicker an als die Luft hier drinnen.
Ich setze mich gegenüber Nikita, der meinen Blick konsequent ausweicht. Ich meine, wir reden hier von Nikita. Blickkontakt war für ihn noch nie ein Problem - im Gegenteil, er hat damit immer gespielt. Ich räuspere mich, vertreibe die Stille, die nur wir zwei verstehen.
„Aimar", sage ich und sehe ihn an. Er sitzt neben Nikita, die Schultern entspannt, das Gesicht offen. „Ich wollte mich noch entschuldigen. Wegen letztens."
„Ah." Er winkt ab. „Ich muss mich entschuldigen. Karmen hat mir gesagt, dass du nicht auf Männer stehst."
„Ja."
Noch nie in meinem Leben habe ich einen Blick so deutlich auf mir gespürt wie jetzt. Als würde er Löcher in meine Haut brennen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Nikitas Augen gerade um jeden Preis meiden will.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romance„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
