Kapitel 47

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Ich weiß nicht, wie ich in Nikitas Wohnwagen gelandet bin. Das Letzte, woran ich mich erinnere ist, wie ich total besoffen Karo geküsst habe, auf der Party. Ich weiß nicht warum, bitte fragt mich nicht. Ich weiß gerade gar nichts mehr und mein Kopf dröhnt wie verrückt. 

Und jetzt sitze ich hier auf dem Boden, vor meinen Augen dreht sich alles und es braucht eine Weile, bis ich die drehenden Bilder analysieren kann. Der große Kühlschrank am Fenster. Die dunkelgrünen Gardinen des kleinen Mini-Fensters an der Wand.

Okay. Ich bin entweder auf Nikitas Bett, oder in der Nähe von Nikitas Bett.

Ich höre ein Klacken und drehe den Kopf – zu schnell. Es war wie ein Anschub, und alles dreht sich plötzlich noch schneller. Ich mache sofort die Augen zu. „Fuck ..."

„Josh. Hier." Er ist vor mir. Ich höre seine Stimme, aber mein Kopf ist schwer wie Blei und ich kann die Augen nicht öffnen. Ich kann eigentlich so ziemlich nichts machen, außer zu fluchen. Auch das bekomme ich nur flüsternd hin.

„Was is ..." Oh nein. Normal sprechen kann ich auch nicht. Na super, Josh. Das hast du mal wieder toll hinbekommen. Genau das ist der Grund, warum ich mich die letzten Wochen von den Partys ferngehalten habe. Weil ich wusste, dass irgendwas eskalieren wird. Weil ich Nikita nicht in die Augen sehen konnte. Aber eine After-Show-Party darf man einfach nicht verpassen.

Warum habe ich mich eigentlich so zugedröhnt? Ich erinnere mich nicht. Ich glaube, ich hatte einen Grund. „Was is ... passiert ..."

Ich spüre eine sanfte Berührung an meinem Kinn und realisiere dann, dass er mir hilft zu trinken. Ich schlucke das frische Wasser, das kühl durch meine Kehle fließt. Es fühlt sich an, als würde ich verdammt nochmal Leben trinken. Dabei sehe ich ihn an. Er trägt immer noch das Top von der Party, mit dem Leopardenmuster, das sich fast nahtlos in seine sonnengebräunte Haut und das grauschimmernde Blond seiner Haare einfügt. Trägt immer noch die kleinen, goldenen Ring-Ohrringe, die sein Gesicht noch schöner machen. Seine Haare sind mittlerweile lang genug, dass er sie hinter sein Ohr schieben kann, allerdings stehen sie jetzt komisch wild nach oben ab.

Ich schlucke und schlucke bis ich plötzlich nur noch Luft schlürfe. Scheiße. Wie viel Alkohol hab ich denn getrunken?! Ich erinnere mich an Whiskey, und ein paar Shots mit den anderen. Ich erinnere mich an was mit Karo. Wie sie plötzlich bei uns stand. Ja, Nikita hat Karolina's Namen ausgesprochen und ich bin dabei geschmolzen. Und Karo sehr vermutlich auch. Ich meine, wer würde nicht? Karo und Nikita haben geredet. Gelacht, ja. Ich glaube, sie haben sich richtig gut verstanden. Was mir irgendwie ein ungutes Gefühl gegeben hat.

Scheiße. Ich muss mich jetzt verdammt nochmal erinnern, was passiert ist.

Atemlos vom Trinken lehne ich mein Kopf zurück und weiß sofort, wo ich sitze. Auf dem Boden, direkt neben Nikitas Bett. Weil mein Kopf weich landet, auf etwas, das nach Waschmittel und Nikita riecht. Gott, ich liebe diesen Geruch. Ich will in seinem Bett schlafen. Jede Nacht meines Lebens.

„Nikita." Okay, ich bin zwar sehr betrunken, aber ich weiß, dass das nicht von mir kam. Ich bekomme alles verzögert mit, also machen wir das jetzt Schritt für Schritt: Ich bemerke als erstes, dass es an der Tür klopft. Meine Augen sind noch zu. Aber als ich sie öffne, sehe ich in Nikitas Augen. Ich sehe es, bevor ich es spüre: Seine Hand liegt auf meinem Mund. Und ich ziehe verwirrt die Augenbrauen zusammen und frage mich für eine Sekunde, ob wir gerade Sex haben. Was zur Hölle geht hier grad ab? Spielen wir Verstecken?

Nikitas Haare sind ein pures Chaos. Ehrlich, ich hab sie so noch nie zuvor gesehen. Rechts steht eine Strähne wie eine Antenne ab, und an der linken Seite sehe ich Kopfhaut, als hätte sich da unabsichtlich eine Art Scheitelansatz gebildet. Außerdem sind seine wunderschön blauen Augen riesig. Als hätte er Todesangst, erwischt zu werden.

Ich check gar nichts mehr. Aber ich mache keinen Ton. Ich weiß ja nicht mal, wer da überhaupt an der Tür ist. Alles was ich in dem Moment wirklich weiß, ist, was ich fühle. Ich hab Angst. Ich mache mir Sorgen.

Es klopft nochmal. Und nochmal. Und dann höre ich die Stimme deutlicher. Eine dunkle, kratzige Stimme, die irgendwie gestresst klingt. Ist das ...?

Friedo. Heilige Scheiße, ich erinnere mich. Ich habe Nikita mit Friedo gesehen. Ich erinnere mich an die Wut, und wie sie mich von Innen taub gemacht hat. Wie ich die Kontrolle über mich selbst verloren hab, als Friedo ihn am Arm gepackt hat. Scheiße. Was hab ich getan? Ich erinnere mich nur noch, dass ich auf sie zugelaufen bin. Meine Beine haben sich einfach bewegt und mein Körper hat gehandelt. Und dann?

„Nikita, mach die Tür auf." Das Klopfen wird fester. Dringlicher. Kein Klopfen, ein Hämmern, als wolle er die Tür einreißen. „Nikita!"

Fuck", flüstert er panisch, bewegt eigentlich nur seine Lippen und sieht mir in die Augen, wissend, dass er mir nicht wirklich in die Augen sieht, sondern nur einer Version von mir, die gar nichts checkt. Die nur halb anwesend ist. Er wird mich nicht erreichen. Er kann sich jetzt nicht auf mich verlassen.

Und dann passiert etwas ganz absurdes, was sich anfühlt, wie ein Fiebertraum. Er zieht sich sein Shirt über den Kopf. Dann macht er den Knopf seiner Hose auf und steht auf. Läuft zur Tür und schließt sie auf. Die Tür geht mit einem Ruck auf. Als hätte sich Friedo dagegen geworfen.

„Alter", schreit Nikita ihn an und drückt ihn zurück in Richtung Tür. „Wir sind grad beschäftigt."

Ich glaube nicht, dass Friedo mich überhaupt wahrnimmt. Ich beobachte folgende Szene: Er baut sich vor Nikita auf und packt ihn an Kragen und alles woran ich denke, sind Nikitas Worte. Es ist jetzt vorbei. Jetzt ist er der Hilflose.

Und dann kommen die Erinnerungen zurück wie ein Schlag. Ich habe Friedo gedroht. Ich habe ihn ein 'krankes Schwein' genannt. Und gesagt, dass er die Finger von Nikita lassen soll, oder ich rufe die Polizei. Weil er ihn angefasst hat. Und nicht einfach nur so. Ich erinnere mich an die Szene vor mir. Eine Auseinandersetzung von Gliedmaßen – Nikita hat sich gewehrt, geschlagen und geschubst, alles gleichzeitig, während Friedo ihn festhalten und mit sich ziehen wollte.

Ich weiß es sofort. Nikita hat mich angelogen. Er ist sehr offensichtlich nicht stärker als Friedo. Vielleicht ist er es eigentlich, prinzipiell, aber in dieser Situation? Er steht da wie versteinert. Er wehrt sich nicht einmal. Schockstarre. Als könne er sich nicht bewegen vor Angst.

„Du wagst das nicht ..." Friedos Stimme ist leise, fast, als wolle er mich das nicht hören lassen. Er muss nicht schreien, um jemandem Angst einzujagen, das macht seine Präsenz und sein Ruf schon. „Nur ein Wort und ich schwöre dir, Nikita, du wirst nie wieder auf irgendeiner Bühne stehen, hast du das verstanden?"

Ich sehe nur noch in Umrissen, alle Farben verschwimmen vor meinen Augen. Er nickt. Das ist alles, was ich sehe.

„Was wird passieren?" Stille. Die Stimmen verschwimmen auch langsam und ich schreie gegen mein Bewusstsein an. Nicht einschlafen, verdammt. Ich muss ihm helfen. Ich muss ihn beschützen. 

Friedos Stimme klingt, als würde er vor Wut zittern, als müsse er zwischen zusammengebissenen Zähnen reden, jedes Wort peitscht in alle Richtungen. „Sag mir was passiert, wenn das rauskommt, Nikita."

„Das Zirkus wird geschlossen."

Ein Blinzeln und ich verliere Minuten. Ich mache die Augen wieder auf und sehe, dass Nikita auf dem Boden vor der Tür sitzt, auf den Knien, alleine, den Oberkörper vorgebeugt und ich glaube, wenn ich mich nicht verguckt habe, dass er seine Hand gegen die Brust drückt. 

Seine Schultern beben. Ich will etwas sagen. Ich will ihn beschützen. Will ihm helfen. Will aufspringen und einen Krankenwagen holen. Will die Polizei rufen. Irgendwas.

Aber dann bin ich weg. Ein Schalter legt sich um und – Dunkelheit. 

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt