Kapitel 9

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Die Party ist längst am Ausklingen, irgendwo jenseits von drei Uhr morgens. Die meisten sind schon gegangen, andere stolpern müde in Richtung Ausgang. Ich bleibe. Nicht wegen der Musik, nicht wegen der Stimmung – sondern, weil die Tanzfläche fast leer ist. Nur noch ein paar Unermüdliche tanzen. Und ja, Nikita ist einer von ihnen.

Ich sitze auf einer der Bänke, trinke mein Bier und realisiere, dass Nikita viel zu gut für mich ist. Ich frage mich, wie ich so dumm sein konnte, jemals zu glauben, dass Nikita mich sehen würde. Neben mir reden Maria und Yele lebendig über irgendetwas, das mit Vertikaltuch zu tun hat. Doch ich bin tief in meinen Gedanken versunken, in Vorstellungen und Träumen, die niemals wahr werden würden. Wenn etwas sicher niemals wahr wird, dann erschaffe ich mir eben eine Traumwelt. Wenigstens in meinem Kopf kann ich meine Träume bildhaft ausleben.

„Maria", tönt eine singende Stimme hinter mir, weich und spielerisch. Ich werde abrupt aus meiner Traumwelt gerissen und drehe mich um. Mein Blick trifft Nikita – er steht plötzlich direkt neben mir, so nah, dass mein Herz für einen Moment aussetzt. Mein Körper spannt sich an, und ich bemühe mich, ihn nicht anzusehen.

Nikita winkt Maria mit seiner Hand zu sich. Gott, er bewegt sich in dieser Welt, als würde sie ihm gehören. Jede Bewegung, jede Bemerkung, die er macht, scheint leicht und spontan, als müsste er sich nie Gedanken über peinliche Stille oder die Meinung der anderen machen. Wie macht er das nur? Ich könnte das niemals. Selbst mit jahrelanger Übung nicht. Neben ihm bin ich einfach nur ... nichts. Ein unsicherer, talentloser Langweiler. Einer von vielen. Leute wie mich gibt es doch tausend Mal und überall.

Als Maria ihn mit einem halben Lächeln und einem „Ich tanze nicht mit Betrunkenen" zurückweist, lacht er einfach – ein weiches, warmes Lachen, das in meiner Brust vibriert. Ihn bringt echt nichts aus der Ruhe. Nicht einmal Ablehnung.

„Betrunkene tanzen am besten." Und dann sieht er mich an. Ganz direkt. Sein Blick trifft mich, und ich bin verloren. Ich sehe sofort weg und blinzle verwirrt. Bleib cool. Er ist nur ein Mensch. Bleib cool, Josh. Mein ganzer Körper verkrampft sich und ich verliere die Kontrolle. „Oder, Josh?"

Ich sehe ihn an. Tomatenrot. „Ich ... Was?" Ich bin ziemlich sicher, dass er mich nur fragt, weil er genau weiß, dass ich zustimmen würde. Bei allem, was er sagt oder tut.

Er schmunzelt – ein leichtes, schiefes Grinsen – und ich weiß, dass er genau merkt, was er mit mir macht. Das enge, halb durchsichtige Shirt, das er trägt, hilft mir jedenfalls nicht, mich zu beruhigen. Mein Blick gleitet automatisch darüber, und ich verfluche mich innerlich. Augen hoch, Josh. Augen hoch. „Ich kann auch nüchtern tanzen."

„Beweist du's mir?"

Yele lacht. „Josh ist weit weg von nüchtern."

„Was?", rufe ich sofort zurück. „Ich hatte nur zwei Bier, Mann! Ich bin vollkommen nüchtern!" Doch bevor ich mich weiter blamieren kann, greift er nach meiner Hand. Gott, der Junge hätte mich überall hinführen können, ich wäre ihm blind gefolgt. Allein das Gefühl seiner Hand in meiner – warm, ein wenig feucht – macht mich vollkommen taub.

Er dreht sich zu mir um und mein Herz setzt aus. Dieses fast schüchterne, aber dennoch selbstbewusste Lächeln – alles an ihm ist perfekt. Zu perfekt. Unerreichbar. Gott, was mache ich hier überhaupt? Was bilde ich mir ein?

Er legt meine Hand an seine Taille, und ich höre auf, rational zu denken. Erst dann, erreicht mich die Musik.

Und plötzlich merke ich nicht mehr, wie sehr ich Paartanz als Kind gehasst habe. Wie ich es damals als Pflicht angesehen habe. Es kommt alles mit Leichtigkeit hoch. 

Alles passiert wie von selbst. Unsere Schritte finden zueinander, als hätten sie das immer getan. Ich sehe seine Augen kurz aufblitzen, und da ist dieser Moment – dieser winzige, unendliche Moment, in dem ich begreife, dass ich es nicht länger leugnen kann. Ich bin sowas von schwul. Es gibt keine Zweifel mehr.

„Du hast keine Ahnung, wie gut du das kannst, oder?"

Mir schießt die Hitze ins Gesicht, und aus einem Adrenalinschub heraus lache ich: „Muss was heißen, wenn's von dir kommt."

Er lächelt, und ein schüchternes, fast verlegendes Lachen entweicht ihm, während er seinen Blick schnell zu Boden senkt. „Josh."

Irgendjemand pfeift und feuert uns an – vielleicht auch mehr als einer – und ich spüre das Adrenalin wie Feuer durch meinen Körper fahren. Es ist Improvisation, und doch fühlt es sich an, als würden unsere Schritte wie von selbst ineinanderfließen. Als wüssten wir genau, was wir hier tun.

Vielleicht hat er recht. Vielleicht tanzen Betrunkene wirklich besser, weil sie sich weniger Gedanken machen – über die Leute um sich herum, was sie sehen und denken könnten. 

Und vielleicht ist Nikita ja stockbesoffen, weil er sich so leicht bewegt, als hätte er diese Bewegungen schon im Bauch seiner Mutter getanzt. Seine Bewegungen sind fließend, leicht, wie Wasser, und dennoch so entschlossen.

Als das Lied endet, bin ich völlig außer Atem. Mein Herz hämmert, mein Körper ist heiß, meine Hand immer noch an seiner. Ich weiß nicht, ob es meine oder seine ist, die schwitzt. Da wache ich auf und fühle alles mal drei – Nikitas Wärme an seinem Rücken, durch sein Shirt, wo er schwitzt. Ich rieche sein Parfüm und Haarspray. 

„Sag ich doch." Er lächelt amüsiert. „Betrunkene tanzen besser."

„Ich schätze mit dir kann jeder plötzlich tanzen."

„Josh." Er zieht mich sanft ein bisschen näher an sich, mein Atem stockt. Ich spüre seinen warmen Atem an meinem Ohr, was mir einen kurzen Schauer über den Rücken jagt. „Wenn du mir noch ein Kompliment machst, zeig ich dir, was ich noch besser kann."

In meiner Brust zieht sich alles zusammen, als ich realisiere, was er gerade angedeutet hat. Ich starre ihn fassungslos an. Mein Mund steht offen, weil ich eigentlich gerade etwas sagen wollte, aber mir fehlen die Worte, und bevor ich sie wiederfinden kann, ist er schon weg.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt