Kapitel 6

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Während der Arbeit finde ich mich oft dabei, ins Zelt zu schleichen, um die Show zu sehen. Es ist nicht nur die Darbietung selbst, die mich anzieht, sondern vielmehr die Möglichkeit, ihn in seinem Element zu beobachten - die Art, wie er seinen Körper bewegt, oder wie er mit den anderen Artisten interagiert.

Es ist schrecklich offensichtlich, aber ich leugne es immer noch: Ich bin besessen von diesem Jungen, und ich weiß nicht einmal warum, denn ich kenne ihn ja kaum. Und das Schlimmste daran ist, dass ich nicht der Einzige bin. Ich bin nur einer von vielen.

Ich fühle mich, als würde ich auf der anderen Seite einer unsichtbaren Barriere stehen. Nikita ist der unerreichbare Star, und ich bin nur einer von vielen Zuschauern.

Eines Abends wird ein Lagerfeuer im Backstagebereich organisiert. Ich setze mich zu meinen Freunden, die bereits fröhlich um das Feuer sitzen und vermutlich schon einiges intus haben. Die Stimmung ist ausgelassen, und ich lasse mich schnell von der Atmosphäre mitreißen.

Wir setzen uns auf die feuchten Picknickdecken, die bereits vom Gras durchtränkt sind, aber das stört niemanden. Das Lachen, die Musik und das warme, knisternde Feuer sind alles, was zählt.

Irgendjemand schlägt vor, „Never Have I Ever" zu spielen, und da nicht jeder der Artisten und Arbeiter gut Deutsch spricht, wird das Spiel auf Englisch gespielt. Fast alle machen mit und setzen sich in einen Kreis.

Die ersten Fragen sind harmlos und witzig. Ich lache mit, fühle mich wohl und werfe ab und zu einen Blick zu Nikita, der offensichtlich Spaß hat. Sein Engelslächeln zieht mich in den Bann. Und wie ungezwungen er aussieht, in Hoodie und Jeans.

Doch dann beginnen die Fragen, die Grenzen des Anstands zu streifen. Sie werden immer intimer, und ich kann nicht anders, als seine Reaktionen genau zu beobachten, um mehr über ihn zu erfahren.

„Ich hatte noch nie Sex." Ich nehme meinen Shot und beobachte, wie Nikita seinen Shot ebenfalls trinkt. Das war ja eigentlich zu erwarten. Es hätte mich bei all den Gerüchten überrascht, wenn er nicht getrunken hätte.

„Ich hab mich noch nie prostituiert." Zunächst passiert gar nichts. Doch es ist unübersehbar, dass fast alle wartend zu Nikita blicken. Auch ich habe die Gerüchte natürlich schon von allen Seiten gehört, sie aber stets für erfundene Geschichten von zu kreativen Mitarbeitern gehalten. Oder ... könnte doch etwas dran sein?

Nikita scheint gedacht zu haben, er könne die Frage aussitzen. Aber alle scheinen auf ihn zu warten. Und er trinkt seinen Shot.

Dann fällt die Frage, die die Stimmung völlig kippt: „Ich hatte noch nie Sex mit Friedo." Ich denke zuerst, ich habe mich verhört, oder es war ein dummer Witz, weil, wer würde schon Sex mit Friedo, unserem Zirkusdirektor haben? Ich meine, er ist bestimmt hundert Jahre alt.

Ich habe bisher versucht, nicht zu auffällig mit meinen Blicken auf Nikita zu sein, aber jetzt gebe ich auf, denn nun starren alle auf ihn.

Nikita trinkt den Shot.

Mein Magen zieht sich zusammen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glauben kann oder will. Nicht einmal vorstellen möchte ich es mir. Ich kenne Nikita nicht gut genug, um mir eine Meinung zu bilden, aber die Vorstellung, dass so ein ... perfekter, hübscher Junge etwas mit diesem alten Sack hatte, ist einfach unerträglich.

„Alter ..." murmelt jemand, und die Stille danach ist ohrenbetäubend. Ich starre zu Nikita, dessen Gesichtsausdruck unverständlich ist. Ist er schockiert? Gelangweilt? Und während ich die anderen anstarre, fühle ich mich wie ein Fremder in einer Welt, die ich nicht wirklich verstehe. „Das ist so eklig."

Ich will einfach nur, dass Nikita mit seinem süßen Lächeln die Lage auflockert, dass er die Frage mit einem Scherz abtut. Doch stattdessen folgt eine weitere Frage, die mir den Atem raubt: „Ich hab noch nie Drogen an Gäste verkauft."

Zwei Artisten heben die Arme um zu trinken, und ich fühle, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Scheiße, was ist hier los? Wo bin ich hier gelandet? Wie kann ich das nicht wissen? Bei so vielen Gerüchten?

Schockiert blicke ich zu Marco neben mir, der nur ebenso verwirrt die Schultern zuckt. Yele, die schon länger hier ist, presst stattdessen entschuldigend die Lippen zusammen.

Die nächste Runde kommt, und dann ist Maria dran. Sie zögert nur kurz. „Ich wurde noch nie vergewaltigt." Mein Herz bleibt stehen. Allein dieses Wort in einer so großen Runde zu hören, lässt mich weghören wollen, doch stattdessen werde ich hellhörig.

Nikita lacht leicht, und ich bin mir sicher, dass es ein Witz ist. Also, zu hundert Prozent. Leute, ich lache fast mit. Dann bemerke ich die Stimmung – Stille. Und mir wird klar, dass das kein Witz war. Nikita hat gerade aus Wut gelacht. Er schüttelt den Kopf. Aber niemand sagt etwas. Alle starren nur, warten. Und Nikita trinkt seinen Shot.

Da begreife ich, dass das hier nicht mehr lustig ist. Es ist erniedrigend, verletzend. Ich will aufstehen und gehen, doch meine Füße sind wie festgefroren. Ich kann nicht gehen. Nicht jetzt. Und so geht es wahrscheinlich jedem anderen hier, der nichts verpassen will.

Die Leute nutzen die Situation vollkommen aus um ihre Neugierde zu stillen. Und ich kann auch nicht anders, als sitzen zu bleiben. Ich will es auch wissen.

Chloe ist an der Reihe, und ich spüre, wie die Anspannung sich weiter aufbaut. „Ich hatte noch nie was mit Nikita." Fast alle trinken ihren Shot. Alle, stelle ich fest, außer mir und meinen Freunden. Die meisten hier sind Artisten, und von meinen Kollegen ist auch keiner hier, also war es vielleicht ein gemeiner Zufall?

Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm keiner was anhaben.

„Solltest du nicht auch trinken, Nika?"

Ich sehe, wie sich sein spielerisches, zuckersüßes Lächeln noch weiter ausbreitet. „Im Gegensatz zu dir muss ich's mir nicht selbst machen."

Die Reaktion kommt sofort: Ein Aufschrei von Gelächter. Alle lachen und johlen, doch ich spüre, wie mein Herz still bleibt. 

Das Feuer knistert neben mir, und die Wärme davon steht in starkem Kontrast zu der Kälte der Nacht. Neben mir redet jemand weiter, aber ich höre kaum hin. Mein Blick bleibt auf Nikita haften.

Der Schein des Feuers wirft tanzende Schatten auf seine Züge, und plötzlich wirkt er so fern und doch so nah, als könnte ich ihn mit einem einzigen Schritt erreichen. Als könnte ich einfach zu ihm hingehen und fragen, 'aber bist du okay?' Wenn ihm das wirklich passiert ist, dann ist hier absolut gar nichts zum Lachen gerade. Ich finde es sogar absurd, dass die Leute lachen können, nachdem sowas gerade thematisiert wurde.

Als die Fragen und Provokationen weitergehen, fühle ich mich wie ein Zuschauer in einer Welt, zu der ich niemals gehören werde. Weil ich zu viel nachdenke. Weil ich nicht frei bin. Weil ich nicht mutig bin. Weil ich diesen einen Schritt niemals gehen könnte – ganz zu schweigen davon, ob ich es überhaupt will oder nicht. Und der Gedanke, dass er so respektlos behandelt wurde, lässt mich innerlich schaudern.

„Ich hab mich noch nie selbst verletzt," sagt Simba.

Plötzlich steht Nikita auf und geht. Ohne weiteres. Kein Abschied, kein 'Ich geh ins Bett'. Ich sehe ihm nach, als er in die Dunkelheit verschwindet. Und in der Runde wird einfach weitergeredet, als wäre es nicht komisch, dass er gerade einfach gegangen ist.

„Scheiße," murmle ich leise zu meinen Freunden, deren Gesichter mit Entsetzen und Neugier gefüllt sind. Die Gespräche um uns herum gehen weiter, aber zwischen uns bleibt es still. Und das einzige, was in meinem Kopf widerhallt, ist die Frage: Was ist hier gerade passiert?

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt