„Gott, nicht einmal anständiges Salz hast du," schnaubt meine Mutter und knallt den Topfdeckel auf die winzige Kochplatte.
Ich koche normalerweise nicht zu Hause. Was sowas angeht, bin ich verdammt faul. Aber jeder muss eben selbst entscheiden, wie er sein Geld ausgibt. Ich brauche kein Geld für teure Klamotten oder eine schöne Einrichtung. Klar, mein Zimmer sieht aus wie eine Bruchbude, aber dafür habe ich jeden Mittag und Abend ein gesundes und leckeres Essen, das ich normalerweise in irgendeiner örtlichen Mensa (weil es da billiger ist) besorge und als Meal Preps im Gefrierfach lagere.
Bevor meine Mutter noch ausrastet, bestellen wir also Pizza. Die Pizzaschachteln stapeln sich auf meinem schmalen Bett – dem einzigen Sitzplatz, den mein Wohnwagen-Abteil bietet. Die Kartons auf meinem Schoß wärmen meine Beine. Fettflecken bilden sich auf meiner Jeans. Über uns schwirren die unausgesprochenen Worte meiner Mutter: Bring doch dein Leben unter Kontrolle. Mach doch endlich was aus dir. Du kannst doch nicht so leben.
Sie spricht über unseren Vater. Über die Scheidungspapiere, die Anwaltskosten, darüber, wie er ihr Leben ruiniert hat. Ich will das alles gar nicht hören und drifte ziemlich schnell ab.
Mein Blick driftet zur Wand. Dort hängt das letzte Programmheft des Zirkus. Nikitas Silhouette ist darauf zu erkennen. Ich habe seine neue Nummer noch nicht gesehen, nur den Musikwechsel mitbekommen. Und gehört, was die Leute dazu sagen: Kontorsion machen doch nur Frauen. Hat der überhaupt Knochen? Ich wusste gar nicht, dass ein Mensch sich so verbiegen kann. Unnormal. Faszinierend. Schwul.
Meine Mutter geht sich waschen, und ich bleibe mit Vale in meinem Wohnwagen, die mich irgendwie anstarrt, als wollte sie mich etwas fragen, sich aber nicht traut.
„Was?"
„Schon komisch", beginnt sie, „dass du derjenige von uns dreien bist, der am wenigsten zu erzählen hat. Bei so einem aufregendem Leben."
Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Was, wenn das der einzig richtige Moment ist? Ich atme tief aus. Soll ich? „Val, ich ... muss dir was sagen. Es ist ein bisschen peinlich."
Sie reagierte sofort, grinsend, kreischend: „Ich wusste es. Du hast was am Laufen oder? Wie heißt sie?"
Ich schüttele den Kopf. „Nein ..."
„Kenne ich sie? Ist sie auch hier im Zirkus?" Sie schnappt theatralisch nach Luft. „Ist es diese Neue? Die Hübsche, die Kontorsion macht?"
„Nein." Vale lehnt sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, ihr Gesicht eine gespannte Erwartung. Meine Hände pressen sich gegen meine Augen, als könnte ich mich dahinter verstecken. Gott, wie sagt man so etwas überhaupt? „Val", beginne ich schließlich. „Ich ... glaub, ich steh auf Typen."
Die Worte verlassen mich ungewohnt leicht, und dann herrscht Stille. Mein Herzschlag zählt die Sekunden. Eins. Zwei. Drei. Vale versteinert, ihr Mund formt ein unhörbares Wort. „Was?" Ich Lächeln verblasst ein wenig. „Warte, scheiße, was?" Ich halte mir die Hände vor dem Mund. „Aber ... du hattest doch Freundinnen?"
Jeder Muskel in meinem Körper spannt sich an. Ich kann nicht ausmachen, ob ihre Stimme Verwirrung, Sorge oder Abscheu transportiert. Vielleicht alles auf einmal.
„Ja," erwidere ich nur, während meine Finger sich in die Pizzaschachtel krallen. Mit einem Mal schmecke ich eine bittere Reue. Wie habe ich glauben können, dass jemand, der mit Bibelsprüchen aufgewachsen ist, plötzlich anders denken würde?
„Und ... bist du dir sicher? Also, wie kommst du darauf?"
Ich beiße die Zähne zusammen. Vales Meinung ist mir nicht nur unglaublich wichtig, sie bestimmt mich auch ein bisschen. Wenn sie das nicht gutheißt, dann ist es auch nicht gut, basta. Ein Dazwischen gibt es für mich nicht. „Ich hab einen Jungen geküsst."
Es ist kurz still. Meine Schwester sieht aus, als müsste sie diese Verbindung in ihrem Kopf erstmal schließen. Schließlich: „Es ist dieser Nikita, oder?" Ich kann ihr nicht in die Augen schauen, nicke aber stumm, als wäre ich ein Schuldiger bei einer Strafbefragung. „Aber ... er hat doch einen Freund?"
In mir kommt plötzlich alles hoch, was ich die letzten Monate im Zirkus vergessen wollte. Die Erinnerung trifft mich wie ein Schlag. Auf einmal bin ich wieder zurück, stehe in der Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters, sehe zwei ineinander verschlungene Gestalten auf dem Sofa. Eine fremde Frau, seine Hände an ihrem Körper. Die zerschmetterten Gesichter meiner Eltern, als ich es meiner Mutter erzähle, weil ich weiß, dass es das Richtige ist.
Ich bin wie er. Die Erkenntnis schnürt mir die Kehle zu. Ich bin genau wie mein Vater.
Natürlich hat Nikita es ihm erzählt. In jeder Hinsicht ist das die einzig richtige Entscheidung.
Meine Mutter betritt den Raum. Die Stille zwischen Vale und mir schreit. Sie wendet sich meiner Mutter zu, lacht über etwas, das nicht lustig ist. Ihre Augen huschen an mir vorbei, als wäre ich ein Geist.
Etwas in meinem Inneren zerbricht. Wieder fällt mein Blick auf Nikitas Silhouette, und ich realisiere, dass ich der Arschloch in meiner Geschichte bin.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romansa„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
