Kapitel 25

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Es ist zehn Uhr morgens, mir brennt die Müdigkeit in den Augen. Ich habe noch nichts gefrühstückt, nur der schwarze Kaffee kurbelt mich an, und ich bin schon dabei, die Kisten zu schleppen. Es wird zwar schon kälter draußen, aber heute scheint aus irgendeinem Grund die Sonne durch den Frost und treibt mir den Schweiß auf die Stirn.

Jedes Mal, wenn wir ins Vorzelt zurückkommen, checke ich mein Handy, aber noch keine Nachricht. Nikita und ich schreiben uns fast täglich, finden irgendwie immer einen Grund, eine zufällige Nachricht zu schicken. Insider. Bilder von witzigen Situationen. Möglichkeiten für einen flirty Joke.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, was er mir erzählt hat. Irgendwie sehe ich ihn als eine andere Person als den Nikita, von dem er mir berichtet hat. Der, der all das durchgemacht hat – den erkenne ich nicht in ihm. Manchmal vergesse ich es beim Schreiben mit ihm, bis es mir plötzlich wieder einfällt und mich erschaudern lässt.

Letztens konnte ich kaum schlafen, weil mir so viel durch den Kopf ging. Also habe ich ihn mitten in der Nacht angerufen, nur um zu fragen, ob es immer noch passiert. Ob es ihm inzwischen besser geht. Ob er sich selbst schützen kann. Er musste mich eine ganze Weile überzeugen, dass Friedo ihn schon lange nicht mehr angefasst hat. Seine ruhige, sanfte Stimme hat mich schließlich beruhigt. Aber wie kann es sein, dass er mich beruhigen muss?

Letztens hat er ein Bild von mir bei der Arbeit gemacht – ich war im Stress, dabei jemanden abzukassieren, und mir war in der Hektik so warm geworden, dass ich die Jacke meiner Uniform aufgemacht und die Ärmel hochgekrempelt habe. Dazu schrieb er einfach nur: heiß.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf solche Hints reagieren soll. Weil es sich einerseits falsch anfühlt mit ihm zu flirten, mit dem Wissen, das ich jetzt habe. Aber andererseits, falle ich automatisch zurück in mein Muster. 

Low, Nikita. Diese Uniform ist grässlich.

wenn das grässlich ist will ich mehr davon

An dir würde sie bestimmt süß aussehen

Nikita schickte mir daraufhin ein Bild von sich – in der Verkäufer-Uniform. Er steht vor dem Spiegel, so entspannt, als hätte er das Bild einfach im Vorbeigehen gemacht. Die weiße Uniform, die ich immer verachtet hatte, sieht an ihm plötzlich ganz anders aus. Das Weiß mit den goldenen Knöpfen, die Uniform etwas zu groß, locker an seinen Schultern – bei ihm würde einfach alles gut aussehen. Gott, ich kann nicht aufhören, das Bild anzustarren.

Wo muss ich mich anstellen um von dir kassiert zu werden?

hinten anstellen josh

Ich weiß nicht, ob ich noch das Recht habe, rot zu werden, aber ich kann mich nicht kontrollieren. War das eine Andeutung? Keine Ahnung. Wer wusste schon, wann Nikita etwas ernst meinte?

Woher hast du die?

kostümwagen

Heute entscheide ich, ihm selbst zu schreiben. Aus dem Hauptzelt kommt Musik, die keine Performance-Musik ist. Wir kennen jedes Lied unserer Show auswendig. Nikita hat erzählt, dass sie sich oft gemeinsam aufwärmen, zu Musik, die der Erste, der morgens im Zelt ist, aussuchen darf.

Wirklich? JLO?

josh, antwortet er mir kurz später, als die Musik gerade aufgehört hat. das war mein song.

Ich muss grinsen und lehne mich an die Theke, um zu antworten.

Hätte ich mir ja denken können. Dein Musikgeschmack ist so vorhersehbar.

und deiner erst. hozier?

Hozier ist verdammt gut.

take me to church?

Immer noch besser als Ed Sheeran

Ed Sheeran ist classic

Kitschig

das ist ja das schöne

nicht alles muss sich immer nur um sex drehen. wie bei hozier.

Das ist so süß und unerwartet von dir

pass ja auf, josh, ich weiß was du da andeutest :)

Ich glaube, dass ich ohne diese Nachrichten gar nicht mehr leben kann. Nikitas Nachrichten sind das Einzige, das mich durch meinen nervigen Routine-Alltag bringt.

Die Sache ist, Nikita ist völlig unempfindlich. Ich habe seine Grenzen getestet – und keine gefunden. Ich kann bei ihm so frei sein und sagen, was auch immer ich will, er nimmt nichts persönlich. Er wird nie wütend, angepisst oder traurig.

Er erzählt mir außerdem sehr, sehr persönliche Sachen, bei denen ich mich frage, warum er mir sowas erzählt und wie er bei so intimen Informationen so schamlos und unvorsichtig sein kann. Ich dachte immer, Nikita wäre wie eine Schatztruhe, die du endlich öffnen willst, und dass er den Schatz nur preisgibt für Leute, die es wirklich verdienen – die mit ihm zusammen sind, etwas mit ihm haben. Aber er gibt diese Informationen so leichtfertig raus, dass mir manchmal echt die Worte wegfallen.

Ich bin unendlich glücklich, die Möglichkeit zu haben, jemanden wie ihn kennenzulernen. Nikitas Charakter ist einfach zu beschreiben: Alles, was er will, ist Spaß haben und das Leben genießen – tun, was sich gut anfühlt. Zumindest der Nikita von heute. Über den, wie er damals so war, habe ich bisher noch nicht viel herausgefunden. Ich habe das Gefühl, dass er abblockt und das Thema wechselt, weil er nur über Sachen reden will, über die er gerne spricht.

Was ich noch herausgefunden habe: Er hat noch mehr Tattoos. Und ein Piercing, von dem ich „noch nichts weiß" und vielleicht auch „nie wissen werde". Kopfkino – lebhaft.

Jede weitere Information, die ich über ihn herausfinde, ist wie ein Stück Kuchen. Ein Stück Belohnung. Ein kleines Geschenk. Eine Droge. Und ich will immer mehr. Es macht süchtig, ihn kennenzulernen, denn je mehr ich herausfinde, desto mehr realisiere ich, wie toll er ist.

Und jedes Mal denke ich mir, besser geht's nicht, und dann kommt wieder etwas Neues dazu. Die Tatsache, was für ein liebevoller Mensch er eigentlich ist, hinter all den Gerüchten, die zwar teilweise stimmen, aber ihn niemals ausmachen werden, weil er so viel mehr ist. Seine unerwartet starke Schwäche für Kinder. Verborgene Talente, wie dass er Sprachen sehr schnell lernt, weil er mit drei Sprachen aufgewachsen ist – Russisch, Deutsch und Spanisch, das ihm Karmen beigebracht hat, die er übrigens schon seit Ewigkeiten kennt und die für ihn eine sehr wichtige Bezugsperson ist.

Angewohnheiten, die er hasst – auch wenn es scheint, dass es bestimmt nichts gibt, was jemand so Perfektes an sich hassen kann: das Rauchen, der Alkohol, dem er nicht widerstehen kann, oder sein unglaublich starker Kontrolldrang, den er versucht abzulegen.

Und dann kommen so Informationen, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Also, eigentlich schon, aber ich sollte es nicht. Was ihm im Bett gefällt. Er ist zwar ein Kontrollfreak, aber im Bett will er loslassen. Die Kontrolle abgeben. Er will kontrolliert werden. Dominiert ...

Und ich frage mich nun, ob er sich deswegen manchmal als schüchtern gibt, obwohl er es gar nicht ist – weil er will, dass jemand anderes die Kontrolle übernimmt, den ersten Schritt macht. Das lässt mich realisieren, dass ich niemals mit Nikita zusammenpassen würde. Das bin nämlich absolut nicht ich. Ich bin hier der Schüchterne. Aber in letzter Zeit frage ich mich, ob es mir nicht schon ausreicht, einfach mit ihm befreundet zu sein.

Nikita hat mir einfach so erzählt, dass ihn die Vorstellung, schmutzig oder nass zu werden, während des Sex, des Todes antörnt. Einfach so. Als wüsste er genau, was er mir damit antut. Oder es in der Öffentlichkeit zu machen. Also, schon versteckt, aber an freien Orten. Er hat es mal mit jemandem auf der Zuschauertribüne getan. Natürlich nachts, wenn alle schon weg waren.

Ich weiß nicht, was ich mit diesen Informationen anfangen soll. Echt, es macht mich kirre. Aber ich würde alles dafür tun, um mehr zu wissen.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt