Der tiefe Bass der Musik vibriert in meiner Brust. Stimmengewirr, das Klirren von Gläsern und hin und wieder ein schrilles Lachen. Die Luft ist schwer von Rauch und Parfüm, von Schweiß und Hitze.
Die After-Show-Party ist in vollem Gange, und während sich die meisten ausgelassen amüsieren, zieht es mich in eine ruhigere Ecke, abseits des Gedränges. Irgendwie fühle ich mich heute deplatziert. Vielleicht bin ich einfach zu erschöpft von den beiden Shows.
Nikita ist auf der Tanzfläche. Er trägt eine enge, schwarze, nadelgestreifte Weste – nichts darunter. Dazu eine locker flatternde Hose, deren Stoff so dünn ist, dass man alles sehen kann. Jeden Muskel. Jede Rundung. Jede Bewegung seiner Hüfte, während er tanzt.
Es ist einfach angenehm, ihm zuzusehen. Er kann das so gut. Aber warum macht es mich heute nicht so glücklich wie sonst? Irgendwie ist gerade alles einfach nur beschissen. Die Sache mit dem Foto. Dass ich ihm nicht helfen kann. Der Stress auf der Arbeit. Meine Mom, die sich beschwert, weil ich mich zu selten melde. Und dann noch dieses ständige Aufpassen, dass niemand herausfindet, was ich wirklich bin. Und dass ich wohl nie mutig genug sein werde, ich selbst zu sein.
Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Seit ich Nikitas Nummer heute Morgen gesehen habe, versinke ich in Selbsthass.
Matthew hat sich heute entschieden, Whiskey Cola für alle zuzubereiten. Die Gläser sind mit Eiswürfeln und Orangenschalen gefüllt, und der Whiskey schlägt echt hart zu. Ich sollte nicht trinken. Nicht, wenn ich eh schon traurig bin. Aber ich wollte den Drink wenigstens einmal probieren. Das ist wie Routine – eine After-Show-Party ohne Matthews Drinks zu probieren, geht nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass Whiskey Cola so krass wirkt und mich sofort benebelt.
Ich muss was essen. Wasser trinken. Ich muss wieder nüchtern werden. Ich sehe mich schon in meinem Wohnwagen, heulend in meinem Bett. Das darf ich mir nicht antun.
Auf dem Weg zur Theke werde ich auf die Tanzfläche gezogen. Und plötzlich ist alles anders.
Nikita tanzt mir gegenüber, sein Lächeln so hell und glücklich, dass ich ihn für den Bruchteil einer Sekunde anstarre. Wie kann ein Mensch, ein Lächeln mich in so kurzer Zeit so viel glücklicher machen?
Mein Herz wird warm, und das Lächeln, das sich langsam auf meinen Lippen bildet, lässt mein Blut heiß durch meine Adern fließen. Dieser Junge ist doch echt unglaublich.
Es ist kein Lied für einen Partnertanz, wozu wir normalerweise tanzen. Er möchte einfach, dass ich mit ihm auf der Tanzfläche bin. Mit ihm Spaß habe. Er will, dass ich ihn sehe. Oder vielleicht will er mich auch nur aufmuntern. Oder vielleicht dachte er: 'Oh, ein russisches Lied. Wo ist Josh?'
Auch wenn mich das aufgemuntert hat, ist mir immer noch nicht nach Tanzen zumute. Ich trete einen Schritt näher an ihn, damit er mich hören kann, und ... Gott, riecht er gut ...
Nikita zieht den Kopf zurück und sieht mich direkt an, ein überraschtes Lächeln auf den Lippen. „Hast du gerade an mir gerochen?"
„Ja", sage ich ganz plump und einfach. Es bringt jetzt auch nichts mehr, das zu verstecken. Ich Dummkopf, musste das natürlich auch noch so offensichtlich machen. „Ich wollte eigentlich etwas sagen, aber du riechst überraschend gut für jemanden, der schwitzt." Er schmunzelt, so lieblich. Oh Gott, mein Herz ... „Mir ist nicht nach Tanzen."
Nikitas Lächeln verblasst ein wenig. „Geht's dir nicht gut?" Und die Art, wie er das fragt, ist irgendwie unglaublich süß und fürsorglich, weil seine Stimme ganz weich wird. Als würde er sich ernsthafte Sorgen machen. Nur weil ich schlechte Laune habe.
Ich schüttele den Kopf und drehe mich um. Seine Hand greift sanft nach meinem Arm, gleitet langsam in meine, und ich drehe mich wieder zu ihm. Ich starre auf unsere Hände, die nun ineinander verschränkt sind, ohne dass es die Absicht von einem von uns war. Seine warme, leicht feuchte Haut an meiner. Es ist nur eine winzige, sanfte Berührung – aber sie fühlt sich so verdammt richtig an.
Unsere Augen treffen sich, und dieser Blick. Wie er mich von unten heraus ansieht, unschuldig, und beinahe, als wäre irgendwas dahinter, was mehr bedeutet. Als würde er dasselbe, wie ich denken. Mir bleibt die Luft weg. Etwas in mir zieht sich zusammen – eine Mischung aus Nervosität und Hoffnung.
Verdammt nochmal. Was macht dieser Junge mit mir?
Da fällt es mir zum ersten Mal auf. Es ist zu offensichtlich, und ich halte in allem, was ich tue inne, auf Nikitas Dekolleté starrend. Es geht gar nicht anders, weil die ersten paar Buchstaben des kleinen Schriftzugs auf seinem Brustbein von Stoff verdeckt sind und ich kurz brauche, um die Worte in meinem Kopf zusammenzusetzen.
Prizhmi menya. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich froh bin, einer der wenigen zu sein, die verstehen, was dieses Tattoo bedeutet.
Prizhmi menya bedeutet so viel wie 'Drück mich an dich'. Es kann aber auch 'Halt mich fest' bedeuten. Und ich bin mir fast sicher, dass Nikita das in einem sexuellen Kontext meint.
Gott, ich muss sofort aufhören, mir das bildlich vorzustellen. Sofort.
Nikita legt einen Finger sanft an mein Kinn, als wollte er meinen Blick hochziehen, aber mein Kopf zuckt sofort hoch. Als er mir noch näher kommt, halte ich den Atem an. „Du stellst es dir vor, oder?"
Ich schüttele den Kopf und muss lachen. „Du bist echt schamlos, Nikita."
„Gib's zu", grinst er. „Die Vorstellung gefällt dir."
„Das hättest du gerne, oder?" Nikita lacht. So süß und hell ... Wow. Ich bin überraschend gut darin, so zu tun, als wäre ich hetero. Ich meine, ich habe es ja mein Leben lang lernen müssen.
„Komm." Er nimmt meine Hand fest in seine und zieht mich von der Tanzfläche. Plötzlich wird mir heiß bei der Vorstellung, wohin er mich führt. Meine Fantasie spielt total verrückt. Mein Kopf ist jetzt voll von Gedanken, von der Vorstellung, was als Nächstes passieren könnte. Mein Körper reagiert schon, ohne dass ich es wirklich kontrollieren kann.
Was, wenn er mich jetzt in eine dunkle Ecke führt? Was, wenn ich derjenige bin, der ihn da hinführt? Mein Herz schlägt gegen meine Brust.
Ich folge ihm in Trance. Ist mir jetzt auch egal. Führ mich überall hin – ich komme mit. Wohin auch immer er will.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romance„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
