Kapitel 8

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Selbst das schönste Abenteuer ist kein Abenteuer, wenn du es mit niemandem teilen kannst.

Ich weiß, dass ich hier ein Außenseiter bin, der Einzige, der das Zirkusleben romantisiert. Für alle anderen ist das hier weniger Abenteuer und mehr harte Realität: harte Arbeit und kein Entkommen, weil es keinen anderen Job gibt, den Leute, die kaum Deutsch sprechen können, bekommen können.

Als ich Vale am Eingang winken sehe, durchflutet mich ein Gefühl der Freude, das mich vollkommen einnimmt. Sie hier zu sehen – an einem Ort, der für uns beide etwas Besonderes ist, jemand, mit dem ich meine Begeisterung für den Zauber des Zirkuslebens teile – fühlt sich fast surreal an.

Meine Schwester und ich liegen an diesem Abend nebeneinander in meinem Abteil und sprechen über alles, was sie in der Show gesehen hat – eine Show, die ich mittlerweile auswendig kenne. Ihre Augen leuchten, und ein Redefluss überkommt mich, zusammen mit einem Gefühl von unkontrollierbarer Freude und Aufregung, auf die ich gewartet habe, seitdem ich meinen ersten Fuß ins Zirkusgelände gesetzt habe.

Sie redet und redet, und ich rede und rede, beide fast atemlos vor Aufregung. Die Artisten, die Akrobatik, das Lichtermeer, die Spannung in der heißen Luft – für Vale ist es genauso magisch wie für mich, und sie staunt über Kleinigkeiten, die für mich mittlerweile ganz normal sind.

Wir reden bis tief in die Nacht. Als sie schließlich auf Nikitas Nummer zu sprechen kommt, versuche ich, meine Begeisterung nicht zu sehr zu zeigen. Doch ich erzähle ihr alles, was ich über ihn weiß – und dass er hier praktisch eine Berühmtheit ist.

Ich sage ihr sogar, dass wir schon ein paar Mal miteinander geredet haben, versuche dabei jedoch, so neutral wie möglich zu bleiben, obwohl mein Herz dabei schneller schlägt. Es tut so gut, all das mit Vale teilen zu können und jemanden zu haben, dem ich mich wirklich öffnen kann – zumindest über das Meiste. Natürlich spreche ich nicht darüber, was Nikita in mir auslöst. Diese Gefühle bewahre ich lieber für mich.


Es ist früher Morgen, die Dämmerung liegt noch am Horizont, und ich bin hochentschlossen, gleich wieder zurück in den Wohnwagen zu gehen und mich in meine Decke zu kuscheln. Ich schließe den Bademantel, den ich anziehe, wenn ich nur schnell zum Toilettenwagen muss, und meine Füße werden nass vom Schlamm, den meine Schlappen nicht abhalten. Egal. Schnell einfach aufs Klo.

Aus dem Zelt kommt Musik, die ich nicht kenne. Entweder probt jemand eine neue Nummer, oder ein neuer Artist übt seine Darbietung. Außerdem habe ich gehört, dass die Artisten oft Quatsch machen, Lieder anmachen und eine Nummer improvisieren. Das würde ich gerne mal sehen. Aber nur, wenn ...

Nikita. Er läuft an mir vorbei, schlaftrunken, seine Haare zerzaust, und kommt gerade aus Robins Abteil. Robin. Mein Kollege, der ständig schlecht über Nikita spricht. Wenn Nikita dich was fragt, ist die richtige Antwort immer nein.

Ich verstehe es nicht. Warum sollte Robin ... Hat Nikita jetzt was mit Robin, oder war das nur... Der kann überzeugend sein, wenn er was will.

Aber es ist nicht nur diese Tatsache, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. Es ist auch der Anblick von ihm: verschlafen, sein Gesicht noch weich und zerzaust, die Augen leicht gerötet, während er sich den Schlaf aus den Augen reibt. Sein Hoodie ist viel zu groß und lässt seine Hände darin fast verschwinden, und er trägt nur eine lockere Boxershorts. Das alles zusammen ergibt ein Bild von ihm, das mir fast den Atem raubt.

Außerdem ist Robins Abteil genau neben meinem. Und die Wände sind so dünn wie Papier.

Als er mich bemerkt, sieht er mich kurz an, und ein kleines, müdes Lächeln huscht über seine Lippen. Kein schiefes Grinsen, kein amüsiertes Lächeln – nur ein sanftes, freundliches Nicken, das mich trotzdem irgendwie berührt. In diesem einen kleinen Lächeln schießt mir nämlich nur ein einziges Bild einer Erinnerung durch den Kopf: sein Kopf in meinem Nacken.


Am Abend steht eine Party an – die Geburtstagsfeier für Simba. Ich nehme Vale natürlich mit, schließlich soll sie das richtige Zirkusleben kennenlernen, nicht nur das Arbeiten und die Show. Einige Leute haben sich in der improvisierten Cafeteria versammelt, und jemand hat Getränke und Snacks bereitgestellt sowie Musik über einen Lautsprecher eingeschalten.

Spätestens nach dem zweiten Glas wird meine Schwester lockerer, lacht und redet genauso mit wie alle anderen. Meine Freunde mögen sie sofort. Kein Wunder – Vale hat diese mitreißende Art, sich für jede Kleinigkeit zu begeistern. Das haben wir beide gemeinsam.

Während die Party tobt, wandert mein Blick immer wieder suchend durch die Menge. Es wäre so cool, wenn meine Schwester Nikita auch mal hinter der Bühne sehen könnte. Aber er taucht einfach nicht auf. Vielleicht weil es Simbas Geburtstag ist.

Später, als die Menge sich etwas gelichtet hat, sitzen wir in einer kleineren Runde zusammen, mit Vale und einigen meiner Freunde. Beim Thema Simba dauert es nicht lange, bis das Thema Nikita aufkommt – und plötzlich dreht sich alles um ihn und Simba und ihre gemeinsame Geschichte.

„Die sollen ja übel aneinander geklebt haben."

„Hä, die waren echt zusammen? Die können sich doch null leiden!"

Simba heißt natürlich nicht wirklich Simba. Irgendjemand hat sich den Spitznamen für ihn ausgedacht, anscheinend, weil er wie ein Löwe aussieht: blonde, rötliche Haare und Sommersprossen überall, nicht nur im Gesicht. Und weil er auch noch zufällig der Dompteur ist.

Das Thema ist mir ja nicht neu, aber ich habe nie die ganze Geschichte gehört, nur Bruchstücke, die oft unterschiedlich ausfallen.

„Ey, Jim meinte, Nikita war damals noch nicht mal 18."

Yele nickt. „Das hab ich auch gehört. Aber da war Simba ja nicht der Einzige."

„Okay, aber wie krass war der Unterschied? Noch okay oder schon übel?"

„Nee, Simba ist nur zwei Jahre älter als er."

„Hat Simba ihn nicht sogar zu irgendwas gedrängt?"

Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Ich sehe meine Schwester an, die fassungslos wirkt und offensichtlich kaum glauben kann, wie gechillt die Leute über so schlimme Dinge reden, als wäre das völlig normal. Doch in ihrer Neugier ist sie wie gefesselt, während die anderen weiterreden.

„Nee, das war ein Missverständnis. Jenny meinte nur, Simba hat ihn extrem genervt, weil er ihn unbedingt zurück wollte. Aber Nikita hat ihn so offensichtlich gehasst. Wahrscheinlich immer noch. Er ist ja nicht mal hier, hat bestimmt kein Bock mehr auf Simba."

Die Gespräche drehen sich weiter im Kreis, immer dieselben Gerüchte, dieselben Andeutungen. Doch je mehr ich höre, desto weniger verstehe ich. Warum fühlt es sich an, als würde hinter all dem noch etwas ganz anderes lauern? Ich wüsste so gern die Wahrheit. Ich wünschte, ich wäre mutig genug ihn einfach zu fragen.

Die Party geht weiter, Gelächter und Musik übertönen das dumpfe Gefühl in meiner Brust. Irgendetwas sagt mir, dass ich von all dem nur die Spitze des Eisbergs kenne – und dass die eigentliche Geschichte viel dunkler und komplexer ist, als alle hier ahnen.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt