Ich schrecke zusammen, als mein Handy vibriert. Alles andere vergesse ich im selben Moment, greife automatisch nach dem Gerät und laufe noch ein bisschen weiter vom Haus der Herberge weg, um auch ja nicht belauscht zu werden. Ein Anruf. Unbekannte Nummer. Andre. Wer sonst sollte es sein?
Oh Gott. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Ich starre nur drauf und weiß schon, dass es gleich richtig unangenehm wird. Ich setze mich in meinem Bett auf – mittlerweile sind wir zurück in die Wohnwägen eingezogen und ich war gerade noch dabei, alles wieder aufzustellen und aufzuräumen, weil wir für den Umzug immer alles flach hinlegen müssen. Schränke und deren Inhalte.
Ich atme tief durch. Dann hebe ich ab. „Hallo?"
„Hey." Seine Stimme klingt jünger, als erwartet. Und irgendwie zu nett für das, worüber wir jetzt reden wollen. „Ich bin Andre. Wir haben auf Insta geschrieben." Er klingt so lieb und sanft wie Honig. Und er hat einen leichten Akzent, ich vermute irgendwas Nordländisches. „Du bist Josh?"
„Ja, hey." Gott, ich bin viel zu angespannt. „Danke für deine Nachricht."
„Freut mich echt dich endlich mal kennenzulernen. Nikita redet sehr viel über dich."
Warte – was?
Ich spüre, wie mir warm wird. Ganz langsam schleicht sich das Lächeln in mein Gesicht. „Echt?", höre ich mich verwirrt sagen. „Er redet über mich?"
Andre lacht sanft. „Ja, ziemlich oft sogar."
Oh Gott. Ich kann nicht aufhören zu grinsen. Chill, Josh. Nur weil er über dich redet, heißt das noch lange nicht, dass er Gutes redet. Vielleicht hat er Andre erzählt, wie schlecht ich im Bett bin.
Und trotzdem – mein Bauch fühlt sich an wie ein warmer Sonnenaufgang. Ganz warm und weich. So, als hätte jemand mitten in mir ein Licht angeknipst.
„Schade, dass ihr keinen Kontakt mehr habt. Das hat er mir gar nicht erzählt?"
„Ja", beginne ich vorsichtig. „Also, vielleicht solltest du wissen, dass wir was miteinander hatten." Meine Schultern verspannen sich. Das ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich mich so offen oute – ausgerechnet vor jemandem, den ich kaum kenne. Es fühlt sich an, als stünde ich bloß da. Aber diese unerträglich unangenehme Stille lässt mich einfach weiterreden. „Anscheinend hat er dir das nicht erzählt. Er ist gerade mit Misha zusammen, also... ist es besser, wenn ich mich von ihm fern halte."
Es ist weiterhin still in der Leitung und ich will meine Worte zurücknehmen. Ich sollte einem Fremden nicht so viel erzählen. An sich hat er mir ja auch noch nichts wirklich Greifbares erzählt. Vielleicht verarscht er mich auch nur. „Oh", sagt er plötzlich. „Er ist noch mit Misha zusammen?"
„Ja?" Diesmal halte ich mich zurück. Ich neige leider oft dazu, zu viel zu erzählen, wenn ich nervös bin. Gott, und wie ich diese unangenehme Stille hasse. Und telefonieren hasse ich noch viel mehr.
„Okay." Kurz ist es schon wieder still. Und ich versuche die Worte zu finden, die ein Gespräch beginnen, das vermutlich noch unangenehmer als unangenehme Stille ist. „Gott, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll."
Ich lächle erleichtert. Wenigstens bin ich nicht der Einzige, der den Faden verloren hat. „Also, Nikita ist ein bisschen jünger als ich", beginnt er dann. „Wie viel hat er dir von seiner Ankunft im Zirkus erzählt?"
„Ähm..." Ich denke kurz nach. „Er hat von seiner Familie erzählt und dass Friedo ihn aufgenommen hat, dass er das Sorgerecht bekommen hat, nachdem das mit seiner Familie rausgekommen ist."
„Ja", sagt er. „Also die Sache mit seiner Familie, davon wusste ich zumindest erst noch gar nichts. Es war aber sehr offensichtlich, dass Nikita von seinen Eltern geschlagen wurde."
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I Chose Sin (Deutsch)
Romans„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
