Kapitel 2

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„Wir sind später in der Kantine. Es gibt neue Geschichten."

Wie fast jeden Mittag treffen sich Marco, Yele und ich hier, an unserem üblichen Tisch in der Zirkuskantine, die nur aus einem improvisierten Wagen neben dem Vorzelt und ein paar Tischen besteht. Hier werden manchmal die Zirkusfeiern veranstaltet, die ich jede Nacht höre, aber zu denen ich mich noch nicht ganz hin traue. Die Luft ist kühl und feucht, es riecht nach Tee, irgendwie nach Winter und nach dem Holz der Bänke und Tische, die vom Regen noch leicht feucht sind.

Obwohl ich mich als ruhigen, eher zurückhaltenden Typ beschreiben würde, fasziniert mich jede neue Geschichte, die ich von den beiden höre. Ich würde niemals über jemanden urteilen oder mich an den Mobbinggeschichten beteiligen, die hier so herum kursieren, aber die Art und Weise, wie Marco und Yele – selbst Artisten – über die anderen Artisten reden, ist zu spannend, um nicht zuzuhören. Es sind nicht bloß Gerüchte, sondern kleine Kunstwerke, die Charaktere lebendig werden lassen.

Dabei geht es in etwa neun von zehn Fällen um Nikita.

Marco kommt aus Italien und ist einen Kopf kleiner als ich. Er tritt in der Show mit der Gruppe im Trapez auf. Er ist außerdem schwul und hat einen riesigen Crush auf Nikita. Was ich verstehen kann. Ich bin nicht mal schwul und habe trotzdem einen Crush auf ihn.

„Er hat seine neue Nummer geübt, als ich heut morgen ins Zelt bin. Und ratet mal, was es war."

„Strapaten! Ich habs schon gehört."

„Nikita macht auch Strapaten?", frage ich, nach sechs Monaten immer noch ein ahnungsloser Neuling.

„Der macht doch alles, scheint so."

„Schon krass, was der alles kann. Egal was er macht, es zieht einen so ein."

„Ja, weil er schauspielert," ergänzt Yelena, eine Drahtseilartistin aus Ukraine. „Er könnte wahrscheinlich sogar einfach nur dastehen und man würde trotzdem nicht wegsehen wollen."

Seine Auftritte sind alles andere als gewöhnlich. Nikita ist bekannt dafür, fast jede zweite Woche mit einer neuen Nummer aufzutreten – und es geht dabei nicht nur um kleine Variationen. Während andere Artisten oft Monate brauchen, um eine neue Show zu erarbeiten, die am Ende kaum von der letzten zu unterscheiden sind (was bei Yele der Fall ist, die auf ihrem Drahtseil nicht wirklich viel Variation einbringen kann), bringt Nikita stets etwas völlig Unerwartetes und Überraschendes auf die Bühne.

Ein Teil von mir hat in letzter Zeit eine Art übermäßigen Respekt vor Nikita entwickelt, fast schon eine ungesunde Ehrfurcht. Und das nicht nur, weil er der Adoptivsohn von Friedo ist und dadurch eine gewisse Macht besitzt. Alle wissen, dass Nikita nur ein Wort zu Friedo sagen müsste – dann wärst du entweder gefeuert oder befördert worden.

Ich bin fast froh, dass ich nichts mit ihm zu tun habe, weil ich dann nichts falsch machen kann. Abgesehen davon, könnte ich ihm sowieso nie in die Augen sehen.

Nein. Er wäre einfach zu hoch für mich, und ich wüsste ohnehin nicht, was ich ihm sagen sollte. Es ist besser so. Denn tief in mir weiß ich, dass ich ihm nie auf Augenhöhe begegnen könnte.

Ich lausche und sauge jedes Detail auf, das mir Yele und Marco erzählen. Ein Teil von mir beneidet Nikita. Wie gerne würde ich auch so ein schillerndes, glänzendes Leben führen wie er – täglich auf der Bühne stehen, etwas tun, das ich liebe, und damit genug Geld zum Leben verdienen.

Andererseits wäre das für jemanden wie mich der blanke Albtraum. Ich könnte niemals im Rampenlicht stehen. Selbst wenn ich den spektakulärsten Trick beherrschen würde, würde mich niemand bemerken. Und davon abgesehen würde ich mental untergehen, wenn so viele Leute über mich reden würden.

Ich bin lieber der, der beobachtet. Der auf Distanz bleibt. Und irgendwie ist es ja auch schön, mich in diesem kleinen Kreis mit Marco und Yele sicher zu fühlen.

Von hinter mir dringt eine ruhige Stimme herein. Sie lässt mich automatisch aufhorchen. Ich kann nicht sagen, ob es das Selbstbewusstsein ist, das mitschwingt, oder etwas anderes, aber man hört es, wenn jemand Artist ist. Diese bestimmte Weichheit. Diese entspannte Selbstverständlichkeit. Und da Artisten hier die interessantesten Menschen sind, drehe ich sofort den Kopf nach rechts.

Mein Herz setzt aus, als hätte es sich verschluckt. Diese Locken. Dieses lässige, fast überirdische Lächeln. Nikita. Von so nah sehe ich zum ersten Mal, dass er Piercings hat. Zwei goldene Ringe glitzern mit seinem Lächeln an der Unterlippe. 

Ich habe ihn zu plötzlich angesehen. Sein Blick trifft meinen, als würde er denken, ich hätte ihn absichtlich angestarrt. Als wolle ich was von ihm. Was vielleicht auch stimmt, weil ich wirklich gerne mit ihm befreundet wäre.

Oh Gott. Mein Gesicht brennt. Wie peinlich.

Ich sitze starr in meinem Stuhl und weiche sofort aus. Mein Herz wärmt sich wie ein Handwärmer, dessen Klipp du gerade geknickt hast. Ich nippe an meinem schwarzen Kaffee, der mir warm durch die Kehle läuft. Nikita läuft an uns vorbei.

Er sieht mich immer noch an. 

Und erst da erlaube ich es mir – weil, wenn er mich anstarrt, darf ich ja wohl auch.

Sein Lächeln ist Zucker. Und ich glaube, ich habe ihn noch nie nicht lächeln gesehen. Gott, dieser Junge ist so makellos schön, dass ich nicht genug bekomme. Sein Gesicht ist wie Kunst – du bezahlt Eintritt in einem Museum um deinen Augen mal was Schönes zu gönnen.

„Alter." Marco lehnt sich zu mir vor, als er vorbei ist. „Hat er dich grad angelächelt?"

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. „Was?"

„Oh mein Gott", sagt Yele. „Josh. Ich glaube, er hat gerade deine Existenz bemerkt."

Ich lache. „Hört auf, der lächelt doch immer. Nur weil er mich dabei angesehen hat." Ich lasse mal die Tatsache weg, dass er mich angezwinkert hat. Damals. Zwischen Toilettenwagen und Waldbeginn. 

Oh Gott. Was ist mit meinem Herz los? Es wird heiß in meiner Brust. Und warum war Nikita überhaupt beim Toilettenwagen, wenn er ein eigenes, richtiges Wohnwagen hat? Hat er ... wo anders geschlafen?

Das Gespräch geht weiter, doch ich fühle mich plötzlich abwesend. Marco erzählt gerade von einem Clown aus einem anderen Zirkus, der eine neue Feuershow plant, bei der er sich selbst in Flammen setzt – was natürlich für allgemeines Gelächter sorgt.

Doch ich bin in Gedanken ganz woanders; mein Kopf schwirrt von diesem kurzen Moment, in dem Nikita mich angesehen hat, als wäre ich wirklich ein Teil dieser Welt und nicht nur der stille Beobachter am Rand. Als hätte er mich wahrgenommen.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt