Kapitel 22

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Natürlich laufen wir nicht in eine dunkle Ecke, um rumzumachen. Und auch nicht in seinen Wohnwagen. Ich bin einfach viel zu kreativ. Das hier ist nicht eines meiner Bücher, in denen alles nach meinen Wunschvorstellungen verläuft.

Ich lache, als würde mir die Seele aus dem Körper springen. Wärme breitet sich in meiner Brust aus – Nikita schmunzelt vergnügt, mit diesem süßen, so glücklichen Lächeln auf den Lippen – und ich lache so heftig, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Ich bin sowas von betrunken.

Ich weiß nicht, warum ich gerade wegen jedem Scheiß lache. Vielleicht über die Absurdität dieses Moments. Wie betrunken ich bin. Wie frei ich mich fühle. Dass ich alleine mit Nikita auf der Getränkewagen-Treppe sitze, während wir uns gegenseitig intime Geheimnisse erzählen. Nikitas Ehrlichkeit, und wie seine Blicke mein Herz klopfen lassen. Ich hab einfach den Jackpot geknackt. Vielleicht lache ich aus purem Glück und Rausch.

Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, mit Nikita allein zu sein, aber wenn ich mich erinnere, schreibe ich mir das auf. Ich will nie wieder mit jemand anderem allein sein. Den Schlüssel des Getränkewagens habe ich aufgrund meines Jobs. Wir haben uns ein paar Bier gestohlen. Es ist mitten in der Nacht, die Läden haben längst geschlossen, und ich bin so betrunken, dass mir alles egal ist.

Ich glaube, so frei habe ich mich in meinem Leben noch nie gefühlt. Es gibt kein Simba mehr. Keine Leute, die über mich urteilen könnten, wenn sie sähen, dass ich hier mit Nikita sitze. Keine Kirche und keinen Gott, der mich für meine Gefühle verurteilt. Es gibt nur mich, Nikita und die frische, kühle Nacht.

Nach langem Reden und viel Alkohol sind wir in einen abwechselnden Frage-Antwort-Rhythmus verfallen. Und weil Nikita so schamlos ist – ich schwöre, er versucht mit jeder Runde, meine Frage zu übertreffen – muss ich mithalten. Es ist fast zu einem Spiel geworden, und wir wollen beide gewinnen. Die einzigen zwei Regeln: 'Keine Zurückhaltung' und 'Brutale Ehrlichkeit'. Ich muss zugeben, mir gefällt das Spiel.

Als Nikita mich fragt, warum ich im Zirkus bin, erzähle ich ihm eine zehnminütige Geschichte über meine Mutter, die Kirche und die schlimmsten Regeln meines alten Lebens – darunter, dass ich bis vor ein paar Monaten weder WhatsApp noch Außenkontakt hatte und mein Alltag nur aus Kirche und Arbeit bestand. Doch während ich rede, wird mir etwas klar: Eigentlich will ich viel lieber ihm zuhören. Ich will, dass er über sich spricht. Über seine Interessen. Seine Vergangenheit. Seine Familie. Ich will alles über diesen Jungen wissen.

Während er darüber spricht, dass seine Eltern genauso schlimm sind – oder vielleicht sogar noch schlimmer – und dass das wohl ein christliches Russending ist, kann ich nicht anders, als ihn unverhohlen anzustarren. Gott, er ist wunderschön. Und jetzt, wo er so ungezwungen wirkt, fällt mir das noch mehr auf. Er trägt nur einen einfachen Hoodie und Jeans, seine Haare sind zerzaust – und trotzdem sieht er perfekt aus. Er ist sich vorhin umziehen gegangen, weil ihm zu kalt wurde, während ich den Schlüssel geholt habe.

Ich finde es schrecklich – Nikitas Eltern haben ihn ohne Wahl großgezogen, nach dem Motto: Glaub an Gott, oder du bekommst Schläge. Bei mir war das anders. Ich wusste, dass ich den Respekt meiner Mutter verlieren würde, wenn ich ihr sagte, dass ich nicht mehr in die Gemeinde gehen will. Aber von Schlägen war nie die Rede. Meine Mutter hat mich trotzdem geliebt – und tut es immer noch.

Aber das, was Nikita erlebt hat, war keine Liebe mehr. Das war reiner Kontrolldrang.

„Das ist echt grausam", sage ich, nachdem Nikita erzählt hat, dass sein Vater ihn nicht mehr als seinen Sohn sieht, seit er weiß, dass er queer ist. „Und deine Mutter?"

„War enttäuscht, wird es nie verstehen, aber wir haben noch Kontakt. Sie betet ja dafür, dass ich trotzdem eine Frau heirate und Kinder bekomme." Nikita raucht bestimmt schon seine dritte Zigarette. Er bröselt sie neben der Treppe ab und schaut sie an. „Wenn ich jemals Kinder habe, werde ich sie von meinen Eltern fernhalten."

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt