Kapitel 15

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After-Show-Partys sind anders als unsere gewöhnlichen Partys. Irgendwie vornehmer. Geladene Gäste und C-Promis in eleganten Anzügen und Kleidern – und sogar Friedo ist da. Statt Shots gibt es Cocktails, Sekt und Wein. Aber natürlich wird auch hier getanzt. Und wir alle wissen, wer immer der Erste und Letzte auf der Tanzfläche ist.

Nikita tanzt nicht, um zu beeindrucken – obwohl er das zweifellos tut –, sondern weil es ihm so selbstverständlich scheint wie Atmen. Es wirkt so mühelos, dass man fast vergessen könnte, wie viel Kraft und Körperbeherrschung dahinterstecken.

Er trägt ein Anzug, das wie maßgeschneidert wirkt. Das Jacket ist am unteren Rücken modisch ausgeschnitten und zeigt einen Teil von Nikita's nackten Rücken – die feine Linie seiner Wirbelsäule. Die schmale Hose aus demselben festen Stoff schmiegt sich um seine Hüfte wie eine zweite Haut, wird nach unten hin lockerer – und ich sollte wirklich aufhören, auf seinen Hintern zu starren.

Ich hole mir einen Cocktail – Matthew hat Caipirinhas gemixt, voll mit Crushed Ice, Minze und braunem Zucker. Nervös trinke ich ihn vielleicht etwas zu schnell. Eigentlich ist Nervosität die zweite Trinkgrund-Sünde. Aber heute will ich für alles bereit sein.

In den letzten Wochen haben wir hart gearbeitet: Drei Shows täglich in Köln, ein gekürztes Wochenende und wir blieben eine Woche länger, weil es so gut lief. Direkt danach folgte der Aufbau in Bremen – für Partys blieb keine Zeit.

Heute ist jeder hier, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Niemand will diese Party verpassen, und es fühlt sich irgendwie vertraut an, weil es uns allen so geht. Weil wir alle überfordert waren und es jetzt endlich besser wird. 

Auch ich habe es mir verdient, mich endlich mal wieder locker zu machen – etwas zu trinken, Spaß zu haben. Heute würde ich tanzen, vielleicht sogar mit Nikita. Ich musste mich nur trauen, ihn zu fragen.

Seit letztens haben wir kein Wort geschrieben. Ich vermisse es. Mit ihm Witze zu machen. Die Art, wie er mich sprachlos macht. Ich vermisse ihn. Aber ich kann mich nicht überwinden ihm zu schreiben oder auf ihn zuzugehen. Es ist wie eine unsichtbare Barriere, die ich mir selbst aufgestellt habe. Und vielleicht will er auch gar nicht reden. Er hat sich schließlich auch nicht bei mir gemeldet.

Ich habe schon einiges intus, als meine Kollegen sich zu Yele, Marco und mir setzen. Heute entscheide ich, nicht sauer auf sie zu sein. Mir Nikitas Rat zu Herzen zu nehmen und zu vergessen, was sie hinter meinem Rücken gesagt haben. Die Dinge einfach an mir vorbeiziehen lassen, wie er es tut. 

Als Gabe dann beginnt, das Spiel 'Ich kann aus jedem Wort eine Beleidigung machen' zu spielen – „Nikita ist wie eine Zahnpasta-Tube. Einmal draußen, kommst du nie wieder rein" – lachen alle. Außer meine Freunde und ich, die irgendwann entscheiden, aufzustehen und zu tanzen.

Doch auf dem Weg dorthin bleibt mir mein Herz nicht nur stehen – es sinkt, so tief, dass ich fassungslos stehen bleibe. Und ich bin nicht der Einzige. Um ehrlich zu sein, ist es ein bisschen lächerlich, wie viele Nikita und Simba anstarren, während sie sich küssen.

Echt jetzt, niemand ist so abgeschottet von der Meinung der anderen, dass er macht, was er will, wie Nikita. Normalerweise finde ich solche Szenen unangenehm – so eine Art von Intimität will keiner in der Öffentlichkeit sehen. Doch bei Nikita ist das ganz anders. Sie stehen abseits, als hätten sie den Raum ausgeblendet. Es wirkt nicht aufdringlich, sondern natürlich und selbstbewusst.

Ich hasse es, der Anblick zerreißt mich – und doch bin ich wie elektrisiert. Der Kuss ist intensiv, langsam, als würden sie den Moment voll auszukosten, und trotzdem so ... verdammt heiß. Gott. Wie er ihn küsst. Sanft und doch sicher.

„Die haben doch grad noch getanzt", sagt Marco. Mein Magen zieht sich zusammen, als ich sie beobachte. Wie Simbas Hände fest auf Nikitas Taille liegen, seine Finger leicht in den Stoff graben, als würde er ihn festhalten wollen, damit er nicht verschwindet. Wenn ich ihn nicht abgewiesen hätte, hätte ich das sein können?

Ich presse die Lippen zusammen, die Enttäuschung setzt sich tief fest. Je länger ich sie ansehe, desto stärker zieht es in meiner Brust, als hätte ich gerade etwas verloren, das nie mir gehört hat. Aber nichts ist so stark wie die Wut. Nicht auf Simba, nicht auf Nikita. Auf mich selbst.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt