Kapitel 36

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Die Luft knistert als es dunkel wird. Die Gespräche verstummen, zurück bleibt eine Beinahe-Stille, in der man das leise Summen der Verstärker hört, das Kratzen von Bewegungen auf dem rauen Zeltboden, ein paar gedämpfte Huster. Jede Stimme klingt plötzlich zu laut, jedes Flüstern bekommt Gewicht, als würde die Luft selbst zuhören.

Nikita hat eine neue Nummer. Und diesmal bleiben die Gespräche darüber nicht im Zirkus. Sie gehen bis in die Stadt, in die Zeitung, mitten auf Seite eins: „Zirkusartist oder Stripper? Zu heiß für die Manege?" Ja, so skandalös ist die Nummer anscheinend. War ja klar, dass es irgendwann so weit kommen würde. Dass Nikita zu groß wird für diese kleine Manege. Dass er explodiert.

Ich habe die Nummer noch nicht gesehen. Immer wenn sie läuft, stehe ich hinten beim Kühlwagen und schleppe Getränkekisten. Seit dem Artikel ist das Zelt jeden Abend rappelvoll. Und die Leute saufen wie bekloppt, weil Sommer ist, weil alles heiß ist.

Außerdem habe ich Angst. Ich habe zwar schon hundert Mal gesagt, dass ich nicht schwul bin, aber wie würde das bitte aussehen, wenn ich verschwinde wenn Nikitas Nummer anfängt und erst wiederkomme, wenn sie vorbei ist?

Heute holt Gabe die Getränke. Und ich nutze die Gelegenheit sofort.

Ich stehe oben hinter der hintersten Reihe, wo mich keiner sehen kann. Wo ich unbeobachtet seine neue Nummer genießen kann. Hier oben ist es staubiger, die Luft heißer.

Kontakt haben wir immer noch nicht, und auch kein Wort geredet seit letzte Woche. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass er nicht auffallen will. Vor allem bei all den Gerüchten, ist es besser, wenn wir zwei nicht miteinander gesehen werden. Und dass er sein Interesse an mir verloren hat. Ich gehe zwar nur noch selten auf die Zirkusfeiern, aber letztes Mal durfte ich beobachten, wie heftig Nikita mit Misha flirtet. Schamlos wie immer.

Wie er ihn beim Tanzen ansieht. Der Blick, als wüsste er schon, was heute Abend passieren wird, wenn die beiden endlich allein sind. Wie er ihm ins Ohr geflüstert hat, als gäbe es Dinge, die die Welt nicht hören darf. Sein Lächeln frech und verschmitzt, als würde er gerade etwas Unanständiges sagen. Und dann diese Berührung am Arm, einfach so. Beiläufig. Aber Nikita macht nichts beiläufig. 

Ich bin zum Entschluss gekommen, dass er ein bisschen Spaß mit mir hatte, aber niemals Misha für mich aufgeben würde. Vor allem, wenn ich an ihre Geschichte denke. Wie sie sich kennengelernt haben. Und wie lange sie sich schon kennen. Und lieben. Sie sind glücklich. Und das will und werde ich nicht kaputt machen.

Es fällt mir schwer das zu akzeptieren. Wahrscheinlich habe ich das immer noch nicht ganz. Und ich versuche auch zu verhindern, an Nikita zu denken, oder wiedermal sein Instagram durchzuschauen. Aber das hier will ich mir nicht entgehen lassen. Seine neue Nummer soll krass gut sein. Und außerdem – Pole? Niemals verpasse ich Nikita an der Stange.

Die Lichter gehen aus. Mein Herz hämmert wie verrückt. Ich nehme eine Bewegung neben mir wahr. Ein Parfum, das wie scharfer Pfeffer riecht. Ich zucke zusammen.

Ich sehe ihn zum ersten Mal seit ich es weiß. Seit ich weiß, was er Nikita angetan hat. Man begegnet ihm an sich selten, aber wenn, dann erdrückt einen fast die Aura aus Respekt. Auch wenn Respekt das letzte ist, was ich für diesen Mann empfinden sollte. Aber die Angst ist trotzdem da.

Der Mann ist wie aus einem Katalog gefallen: Hemd, Weste, gebügelte Hose. Kein Haar liegt falsch. Als wäre er ständig bereit für ein Pressefoto. Die Fassade steht. Makellos. Er ist immer tadellos perfekt gekleidet.

Friedo nickt höflich, als er mich sieht. Ich nicke automatisch zurück. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich denke an Nikita. An das, was zwischen ihnen passiert ist. Wie redet man nach so etwas miteinander? Wie existiert man in einem Raum mit seinem Täter? Ob da überhaupt noch eine Beziehung ist? Oder ob sie nur noch über sachliches reden. Ich kann mir das nicht vorstellen.

Er holt ein altes Handy aus der Tasche und beginnt zu filmen. Der alte Ekel kriecht mir hoch. Es kommt alles wieder hoch. Er hat mich festgehalten. Dann hat er es wieder getan. Die Duschen kann man nicht abschließen. Er bezahlt mich. Und dieses Foto, das er gemacht hat, als Nikita noch ein unschuldiges Kind war.

Ich versuche ihn auszublenden. Die Scheinwerfer gehen an, grell, beißen mir in die Augen. Der Nebel tanzt darin wie Geisterstaub. Die Musik beginnt: ein tiefer, pulsierender Beat, der bis in mein Brustbein dröhnt.

Als ich ihn unten stehen sehe, und die Leute anfangen zu applaudieren – als hätten sie auf diese Nummer nur gewartet, als wären sie dafür hergekommen – muss ich richtig breit lächeln. Nikita übrigens auch. Sein Lächeln scheint wie die Sonne. Er bewegt sich zur Musik, als wäre sie in ihm. Man sieht ihm an, dass er für das Publikum tanzt, aber dass es ihm trotzdem verdammt Spaß macht. Dass er es liebt gesehen zu werden. Bewundert zu werden. Er gibt echt volle Power. Hundert, nein Hundertfünfzig Prozent.

Mann, dieser Junge ist einfach für die Bühne gemacht. Er blüht auf. Er schauspielert, spielt mit seinen Blicken, seinen Augen, spielt mit dem Publikum. Er bringt das Lied mit jeder Zelle seines Körpers ans Publikum, den Beat, den Text, die Bedeutung.

Die Zeitung berichtet darüber, wie skandalös die Nummer ist. Um ehrlich zu sein, ist das einzige Skandalöse, das ich sehe, wie unverschämt er mit dem Publikum flirtet, wie verdammt dehnbar er ist und — Gott, diese Bodywaves. Als würde seine Brust die Musik atmen. Keine Ahnung, wie man sowas trainiert, aber er hat's perfektioniert. Und wie er dabei lächelt ...

Vielleicht ist es auch sein Kostüm. Er trägt eine glitzernde Shorts, die so eng ist, dass sie mir den Atem raubt. Unten ausgefranst, schmiegt sie sich fest um seine Hüften.

Ein halb nackter Junge an der Stange, hat die Zeitung geschrieben. Sollte man Kindern das wirklich zeigen? Braucht ein Zirkus inzwischen eine Altersfreigabe?

Ich mein, das ist eben Pole, was erwarten die Leute denn? Ohne nackte Haut rutscht man an der Stange doch ab. Vielleicht ist der wahre Skandal an dem Ganzen, wie frei er sich in der Manege auslebt und dass er macht, was er will.

Die Choreographie ist anspruchsvoll. Wenn er kopfüber an der Stange hängt, nur mit dem Knie eingehakt, und seinen Rücken so weit nach hinten biegt, kann man sehen, wie sich sein Bauch bei jedem viel zu schnellen Atemzug hebt und senkt. Er bewegt sich so flüssig mit der Stange, dass es fast aussieht, als wäre die Stange kein hartes Metal. Die Bewegungen fließen ineinander über, als wäre er eine Schraube, die sich gleichmäßig in die vorgesehene Mutter dreht.

Als ich wegen einer Bewegung neben mir zu Friedo blicke, zerreißt sich mein Herz in zwei: Die erste Hälfte schmilzt, weil Friedo so glücklich lächelnd und stolz in sein Handy schaut, während er aufnimmt, als wäre er stolz auf seinen Sohn. Auf sein Werk. Auf was er aus Nikita gemacht hat. Und was Nikita auf die Bühne bringt. Das ist so verdammt süß.

Wäre da nicht die andere Seite. Die andere Hälfte meines Herzens, die sich fühlt, als würde sie auf dem Boden unter einem Schuh zerdrückt werden, wenn ich daran denke, mit was für Hintergedanken er Nikita zuschaut und mich frage, ob diese Hintergedanken noch existieren, oder ob er nur ein Pedophiler ist, der jetzt kein sexuelles Interesse mehr an ihm hat. Was die ganze Sache auch nicht besser macht. Vielleicht begehrt er Nikita nicht mehr – aber das macht ihn nicht weniger gefährlich. Ein Monster, das wie ein Vater aussieht. Wie soll man so jemand erkennen? Wer schützt die Kinder, wenn das Böse freundlich lächelt?

Ich spüre Gänsehaut an meinen Armen. Kalten Schweiß im Nacken.

Der Applaus donnert los. Lauter als je zuvor. Das ganze Zelt bebt. Nikita verbeugt sich – lächelnd, glänzend, strahlend. Mein Herz geht auf, wenn ich ihn so glücklich sehe. Unnahbar. Unerreichbar, wieder. Und das, obwohl ich ihm so nah gewesen bin.

Und doch lächele ich breit und klatsche mit. Er bekommt endlich das Publikum und die Anerkennung, die er verdient. Friedo pfeift durch die Finger. Stolz. Laut. Das Geräusch hallt durchs Zelt wie ein Ruf.

Und als Nikita von der Bühne verschwunden ist, sehe ich es, und es zerstört mich endgültig: Als Friedo sich umdreht, um zu gehen und mir noch ein letztes Mal in die Augen sieht, ein stolzes Lächeln in Gesicht, hat er Tränen in den Augen.

Und ich frage mich: Ist es Reue? Oder nur das Echo seiner Macht, die schwindet?

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt