Kapitel 31

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Die Lautsprecher krächzen „Last Christmas" zum dritten Mal an diesem Vormittag durch das Vorzelt. Ich presse meine Lippen zusammen und schiebe mit mehr Kraft als nötig den Getränkewagen durch den schmalen Durchgang. Er bleibt im Matsch stecken.

Früher ließ Weihnachten mein Herz höher schlagen. Zu Hause hangen die Lichterketten schon Ende November, und den Tannenbaum hatten wir schon, bevor die ersten Schneeflocken fielen. Abends saßen meine Schwester und ich mit Tee und Kakao im Wohnzimmer und schauten uns diese furchtbar kitschigen Weihnachtsfilme an, über die wir uns heimlich lustig machten, aber die wir insgeheim liebten. Tagsüber lief immer Weihnachtsmusik, und meine Mutter backte am Wochenende Plätzchen.

Dieses Jahr bin ich im Ich-hasse-alles-und-jeden-Modus. Hier bedeutet Weihnachten Chaos. Meine Kollegen und ich sind alle genervt, schieben den Ärger aber auch aufeinander. Ab und zu gönnen wir uns ein bisschen Spaß, werfen uns Schnee in den Nacken, aber die schlechte Laune hat sich bereits in meinem Herzen festgesetzt – und ich trage sie, sobald ich morgens aufstehe, bis ich abends im Bett liege. Es gibt nichts mehr, worauf ich mich freue.

Es war für mich fast offensichtlich, dass Nikita es Misha erzählt haben muss, als ich anfing, die Gerüchte über mich zu hören. Mindestens zehnmal musste ich meinen Kollegen versichern, dass ich nicht schwul bin – und dabei die Lüge verbreiten, dass Nikita mich geküsst hat, nicht ich ihn, weil ich zu feige bin, es zuzugeben. So entstehen wohl Gerüchte. Durch Feigheit und Angst.

Außerdem erzählt man sich überall, dass Misha mich verprügelt hat. Und ausnahmsweise stimmt dieses Gerücht, das sich sehr erfunden anhört, diesmal sogar. Das war nämlich der Moment, der es für mich offiziell machte:

Misha kam letztens auf mich zu – die Angst brannte bereits in mir, als ich die Wut in seinen Augen sah, und ich hatte schon eine Vorahnung, die sich bestätigte.

„Du hast ihn geküsst?"

Die Worte hingen in der Luft zwischen uns. Mein Mund öffnete sich, aber kein Laut kam heraus. Nur meine geweiteten Augen starrten zurück und verrieten alles. Ich hatte ja keine Ahnung, ob Nikita es ihm erzählt hat oder ob er einfach nur Gerüchte gehört hat. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob er es von Nikita oder erst in diesem Moment von mir erfahren hat.

Jedenfalls hat er mir dann mit voller Wucht eine verpasst, und scheiße, Misha ist echt stärker, als er aussieht. Heißes Blut ist mir aus der Nase gelaufen, und der Schmerz hat mein halbes Gesicht betäubt, als er ein zweites Mal zuschlug. Ich war sowohl vor Schmerz als auch vor Schock wie gelähmt – ich meine, ich wurde noch nie geschlagen. So etwas passiert in meiner Welt nicht. Mein Auge ist bis heute, vier Tage später, immer noch lila.

Seitdem ignorieren wir uns krampfhaft. Und um ehrlich zu sein, habe ich Angst vor Misha. Deshalb gehe ich nicht nur ihm aus dem Weg, sondern der ganzen Gruppe. Kein Risiko mehr. Ich gehe davon aus, dass die Anderen die Situation ebenfalls deuten konnten – anhand meines blauen Auges und der Gerüchte.

„Josh!"

Meine Schwester winkt vom Eingang, neben ihr steht meine Mutter, die ihre Handtasche wie einen Schild vor der Brust hält. Ich hoffe nur, dass meine Familie von den Gerüchten nichts mitbekommt. 

Da es das Wochenende vor Weihnachten ist, ist meine Schwester wieder zu Besuch – diesmal gemeinsam mit unserer Mutter. Meine Mutter ist ... anders als wir. Sie versteht nicht, warum ich mir nicht einfach eine Ausbildung suche und Geld verdiene, um eine Familie zu gründen. So in der Art. Aber sie reißt sich überraschend gut zusammen.

„Die Show war unglaublich!" Vales Augen leuchten. „Diese neue Kontorsionistin ist der Wahnsinn! Die ist so hübsch!" Tja. Wäre ich nicht so dumm gewesen, Nikita zu küssen, könnte ich jetzt damit angeben, dass ich mit ihr befreundet bin. Aber seit Misha es weiß, bin ich hier mein eigener Mensch und gehöre eigentlich zu niemandem mehr. Deshalb habe ich auch aufgehört, zu den Partys zu gehen. Was bringt es mir, da alleine rumzusitzen?

Normalerweise kommt es nicht vor, dass Artisten zu Zuschauerzeiten ins Vorzelt kommen, um sich etwas zu kaufen – vor allem nicht zur Weihnachtszeit, bei dieser Menschenmenge. Als mein Blick also dem meiner Mutter folgt und ich Nikita sehe, der sich am Getränkestand anstellt – zwischen normalen Gästen, in normalen Tagesoutfits –, zuckt in mir innerlich etwas zusammen, weil ich genau weiß, was sie gerade denkt. Und das gefällt mir überhaupt nicht.

Mein Magen verkrampft sich. Obwohl ich seit Tagen vermeide, ihn anzusehen, erkenne ich die Silhouette sofort – die Rückenlinie, die sich bei jeder Bewegung anspannt, die gerade Haltung und die Art, wie er scheinbar mühelos im Raum steht. Sein Kostüm habe ich mir noch nie so genau angeschaut wie in diesem Moment. 

Ehrlich, es hätte mich überrascht, wenn meine Mutter nichts gesagt hätte.

Der Ganzkörperanzug schmiegt sich wie eine zweite Haut an seinen Körper, betont jeden Muskel und lässt mich realisieren, wie dünn er eigentlich ist. Es ist ein Geflecht aus schwarzem Stoff und durchsichtigem Material, das mehr enthüllt als verdeckt. Geometrische Cut-outs zeichnen Muster auf seinen Körper. An der Brust verlaufen die Cut-outs links und rechts von der Taille symmetrisch, wie ein nach unten zeigendes Dreieck, das dazu einlädt, tiefer zu blicken. Seine Hände sind ebenfalls bedeckt, als wären es Handschuhe – doch es ist Teil des Kostüms. Und ich frage mich, wie lange er wohl braucht, um das an- oder auszuziehen. Ich sollte wirklich aufhören, mir das bildlich vorzustellen, während meine Mutter ihn so abwertend mustert.

Ich meine, es sind Minusgrade draußen. Die Leute laufen hier im Mantel, zugepackt mit Schal, Mütze und Handschuhen herum, und er steht da in diesem dünnen Kostüm, mit diesen Crocs, als wüsste er gar nicht, was Kälte ist. Alle starren ihn an. Wir sind nicht die Einzigen.

Das Ding ist, dass Nikita gerade eine Kontorsionsnummer macht, und meine Mutter, die die Nummer im Gegensatz zu mir eben gesehen hat – nun ja, wie erkläre ich am besten, was für eine Art Mensch sie ist?

„Ist der ... du weißt schon ..." Sie spricht hinter hervor gehaltener Hand. „Mit Männern ... und so?"

Ich starre sie für einen Moment an. Ich muss sagen, ich habe beinahe schon vergessen, wie schlimm meine Mutter wirklich in dem Thema ist, habe mir vielleicht auch versucht was einzureden, bis zu diesem Moment. „Ja?" Das Wort kommt als Frage heraus, als würde ich um Erlaubnis bitten.

Meine Mutter verzieht ihr Gesicht.

Meine Schwester dagegen verdreht die Augen. „Mama, hör auf. Das ist so offensive."

„Das ist ekelhaft."

„Das ist vollkommen normal. Er ist auch nur ein Mensch."

Meine Mutter lacht, ein kurzes, scharfes Geräusch wie Glas, das zerbricht. „Oh, das ist nicht normal, glaub mir. Wäre das von Gott gewollt, hätte er uns Möglichkeiten zur Reproduktion gegeben."

„Hat er doch. Adoption. Beste Lösung für elternlose Kinder."

„Diese Kinder verdienen was besseres. Ein Kind braucht eine Mutter."

Ich sage kein Wort dazu. Nicht in diesem Moment, und auch für den Rest der Pause rede ich kaum noch mit ihnen. Ich bediene nur ganz normal die Gäste weiter, aber in meiner Brust hat sich ein schwarzes Loch der Trauer geöffnet, eine Wunde, die ich seit Monaten so verzweifelt zu schließen versucht habe.

Die Glocke läutet das Ende der Pause ein.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt