Wir haben schon in vielen beschissenen Unterkünften geschlafen. Zwischen den Städten wird uns immer ein Hotel bezahlt für die zwei Nächte, in denen die nächste Stadt aufgebaut wird. Ich habe schon schreckliches gesehen, bin mittlerweile abgehärtet; aber diese Unterkunft ist wirklich schlimm.
Die Herberge liegt weit außerhalb der Stadt, mitten im Nirgendwo, umgeben von Wald und einem riesigen, leeren Parkplatz. Die Zimmer riechen nach altem Schweiß, Zigarettenrauch und Plastik. Die Hochbetten quietschen bei jeder Bewegung, und ich könnte schwören, dass ich auf meinem Lattenrost noch den Abdruck irgendeines Vorgängers spüre.
Aber nichts ist schlimmer als die Duschen. Der Boden ist kalkig und gelbbraun. Als hätte sich hier alles festgesetzt, was mal menschlich war. Haare kleben an den Wänden, manche schwarz, manche hell. Die Seifenschalen sind voller Rückstände, und das Wasser fließt so langsam ab, dass sich in der Wanne eine warme Brühe aus Duschgel und Fußschweiß sammelt.
Und trotzdem ist die Dusche der Highlight meines Tages. Nach zwei Shows und dem anschließendem Abbau in nasser Kälte, die mir bis in die Knochen geht, hättest du im Zirkus mit keinem warmen Wasser mehr in den Duschen rechnen können. Hier aber haben wir alle eine kleine Umweltsünde begangen: Ich glaube ich habe fast dreißig Minuten kochend heiß geduscht.
Ich fühle mich so sauber wie nie zuvor, als ich den Gemeinschaftsraum nach meiner Dusche betrete, meine Haare noch tropfend nass, ein Handtuch um meine Schultern. Mein T-Shirt klebt an meiner Brust, und die Jogginghose ist das bequemste, was ich dabei habe. Ich fühle mich wie neugeboren.
Im Gemeinschaftsraum sind nicht viele Leute, die ich kenne, deshalb fühle ich mich ein wenig komisch, als ich mich zu ihnen geselle. Ich meine, Nikita ist zwar da, aber ich habe ja kaum noch offiziell Kontakt zu ihm.
Und dennoch lächelt er mich an, als ich in den Raum komme.
Die Heizung funktioniert kaum, aber der Raum ist voller Menschen, Körperwärme und Gelächter. Es riecht nach Instantnudeln und billigem Weißwein.
Nikita sitzt auf einem Sessel neben Misha. Seine nassen Locken kleben an seinem Nacken, dunkler als sonst. Fast schwarz. Er trägt ein enges Tanktop, das seine Muskeln betont und ihn irgendwie ungewohnt männlich aussehen lässt, und eine Jogginghose, die sich leicht, aber verräterisch im Schritt wölbt – mehr, als mir gerade lieb ist.
Misha legt den Arm um ihn. Nikita lehnt sich an, so beiläufig, als wäre das immer schon so gewesen. Sie lachen über irgendetwas. Flüstern sich etwas zu. Nikita versteckt sein Gesicht kurz an Mishas Hals, und ich muss wegschauen. Ich kann mir das nicht ansehen.
Wir spielen Wahrheit. Eigentlich heißt das Spiel Wahrheit oder Ausziehen, aber da alle entweder schamlos genug sind, die Wahrheit zu sagen oder vielleicht auch lügen, gibt es kein Ausziehen.
Die Fragen sind belanglos. Ob jemand schon mal nackt im See gebadet hat, wer mal was mit einem Clown hatte. Alles irgendwie so Teenager-albern.
Ich trinke auch was vom Wein. Ein paar Gläser – das habe ich mir verdient. Außerdem kann ich hier keine weitere Sekunde nüchtern sitzen, während Nikita und Misha vor meinen Augen hemmungslos flirten. Misha zieht Nikita auf seinen Schoß und schlingt die Arme um ihn.
Ich bin gezwungen zuzusehen – wenn nicht direkt, dann im Augenwinkel. Ich kann es nicht nicht sehen. Wie seine Fingerspitzen beiläufig, wie aus Versehen unter Nikitas Shirt gleiten. Wie Nikita lächelt. Wegen ihm.
Ich bin so kurz davor aufzustehen und zu gehen. Aber ich bleibe. Warum? Neugier. Nikita ist an der Reihe. Die Frage klingt ganz beiläufig, fast unabsichtlich, nachdem Tom eine Weile nachgedacht hat: „Gibt es jemanden in diesem Raum, mit dem du noch nichts hattest?"
Nikita nimmt es nicht persönlich. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass das ein Angriff war. Ich hätte mich zumindest angegriffen gefühlt. Aber er schaut nur durch den Raum. Misha hinter ihm verdreht die Augen, erwidert etwas, aber ich höre nichts mehr. Weil Nikita mir in die Augen schaut. Und ich zu Eis gefriere. Es kann sich nur um Sekunden gehandelt haben, die er mich angesehen hat. Aber es fühlt sich an wie Minuten.
Der Blick durchfährt mich von oben bis unten – diese leeren blauen Augen, die mir absolut nichts verraten. Nikita hat nie ein Problem mit der Wahrheit. Er kennt keine Scham. Aber das kann er nicht einfach so verraten. Niemals. Er zerstört nicht nur mich damit und würde mich outen, sondern würde auch seine eigene Beziehung zerstören.
Drei Sekunden. Drei Sekunden starrt er mich an und entscheidet sich für folgende Antwort:
„Josh." Ich schwöre, ich zucke fast körperlich zusammen, als ich meinen Namen aus seinem Mund höre. Sein Blick bleibt bei der nächsten Person hängen. „Vera." Und bei der nächsten. „Yasin und du."
„Also in Grunde nur die Neuen."
„Hast du ein Problem, Mann?", fragt Misha.
„Ich find's nur witzig."
„Siehst du jemanden lachen?"
Stille. Die Atmosphäre bleibt angespannt. Die Luft knistert, wie kurz vor einem Streit, der eskaliert. Aber es geht weiter. Mit Misha, weil er ja direkt hinter Nikita sitzt, in der Reihenfolge also der Nächste ist.
„Hast du Nikita vergewaltigt?"
„Alter." Scheiße. Ich kann nicht fassen, dass das grad von mir kam. Es ist einfach rausgeplatzt.
„Nein. Habe ich nicht." Nikita sagt kein Wort. Seinen Blick kann ich nicht deuten. Und ich würde wirklich gern wissen, was gerade in ihm abgeht. Gott, ich vermisse ihn. Ich vermisse es mit ihm zu reden, wie mit einem Freund. Und ich vermisse, was seine Blicke und Berührungen mit mir machen.
Die Frage an mich, war ja ziemlich voraussehbar. Ob ich schwul bin. Natürlich antworte ich mit Nein – ich denke, das ist der Schwachpunkt dieses Spieles. Wenn ich mich nämlich stattdessen geweigert hätte zu antworten, hätte ja jeder gewusst, dass die Antwort eigentlich Ja ist. Ich meine, für ein Nein würde sich ja keiner schämen.
Ich bleibe noch für eine Weile, trinke ein bisschen, lache ein bisschen, als die Stimmung aufgelockert wird. Aber irgendwann wird es mir zu viel. Mal davon abgesehen, dass die Einzigen in diesem Raum, die ich mag Nikita und Misha sind, bin ich verdammt müde – meine Augen brennen und fallen mir immer wieder zu. Ich gehe ins Bett, ohne Umschweife.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romance„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
