Kapitel 38

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Ich sitze in meiner typischen Situation: weit entfernt von allem Risiko, in der Ecke an einem Tisch, wo ich den von Matthew gemixten Mojito schlürfe, der aussieht wie ein Hauptgang (Salat und Olivenspieß auf dem Glasrand balancierend) und schaue Nikita dabei zu, wie er sein Leben angstfrei genießen kann. Auf der Tanzfläche. Wie er er selbst ist, ganz unabhängig davon ob er mal allein ist, oder Karmen ihm gegenüber tanzt. Ich frage mich, ob ich jemals so sein werde. Ob ich jemals dieses Level an Selbstbewusstsein in meinem Leben erreichen werde. Ich bezweifle es stark.

Fragt mich nicht warum ich hier bin. Vielleicht, weil ich hoffe, dass etwas passiert, was es ganz offensichtlich nicht wird. Nachdem das Date vorgestern komplett in die Hose ging – wortwörtlich übrigens; Karolina wollte eigentlich nur mit mir ins Bett, was dann auch passiert ist, nur dass ... na ja ... mein Körper beschlossen hat, nicht mitzuspielen – und es am nächsten Tag in aller Munde verdreht wurde, dass sie mich nicht wollte, weil ich 'zu sehr Schwuchtel' bin, hatte ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet und Schiss gehabt, auf der Feier über sie zu stolpern. Also habe ich mir beim Lidl eine billige Weinflasche geholt, um mir den Mut für die Party anzutrinken. Weil Alkohol für mich der einzige Weg ist, die Meinung der Leute auszublenden. Ungesund, ich weiß.

Ich stehe auf um mir ein eigenes Getränk zu mixen. Nur ein bisschen Whiskey, weil ich schon ziemlich weg bin, und ganz viel Cola. Als ich die ersten Töne des nächsten Liedes höre, dumpf durch den vibrierenden Boden und übertönt von Gelächter am Nebentisch, springt in mir etwas auf.

Lasst mich euch sagen – ich bin besessen von russischen Party-Liedern. Da erwacht wirklich was in mir, das vorher geschlafen hat – so wie Nikita bei Latin. Warum? Weil das Familie ist. Auf Familien Feiern ist es scheiß egal, was die Leute über dich denken, ich mein, das ist Familie. Wen interessiert's? Gleiche Kultur, gleiches Denken, gleiches Leben. Naja, nicht ganz.

Ich will tanzen. Ich spüre es in meinen Knochen – den wummernden Bass, der durch den Boden in meine Beine kriecht. Und wenn's auch nur der Alkohol ist, der alles verstärkt. Ich will mich bewegen.

Soll ich einfach ...? Aber wenn ich jetzt auf der Tanzfläche bin, werden mich alle anstarren mit den Gerüchten, die sie über mich gehört haben im Kopf. Aber vielleicht könnte ich einfach ...

Blickkontakt. Mit Nikita. Gerade eben. Er singt den Text mit und seine Augen rufen mich auf die Tanzfläche. Und dieses Bild von ihm raubt mir den Atem. Er trägt ein Hemd. Locker. Offen. Das Leopardenmuster geht in seiner gebräunten Haut unter. Und wie er seinen Körper bewegt ...

Ich gehe. Die Meisten verlassen gerade die Tanzfläche, während Nikita tanzt, als wäre er gerade zum Leben erwacht. Singt den Text komplett auswendig mit. Ich mein, scheiße, nicht einmal ich kenn den auswendig, und ich war bestimmt auf mehr russischen Familien-Feiern als er. Ich frage mich grad ob er überhaupt je auf einer war.

Als er mich ansieht springt etwas in mir auf. Und in seinen Augen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er gerade dasselbe fühlt wie ich. Familie. Heimat. Verbundenheit.

Und vielleicht ... Herzklopfen. Die Hitze, die durch meinen Körper fährt, wenn er mich so süß anlächelt. Wenn er für mich tanzt. Und wie frei er ist. Und wenn ich an nichts anderes denken kann, als sein erleichtertes Gesicht, sein zufriedenes Stöhnen und ...

Zeig's mir, Josh. Zeig mir wie kirre ich dich mach.

Ich muss sofort an etwas anderes denken. Sofort.

Erst von nahem sehe ich, wie verschwitzt er ist. Ich meine, eigentlich kann man sagen, dass er einfach nur nass aussieht. Der Stoff des Hemdes klebt an ihm, dunkle Flecken zeichnen sich ab, wo er am meisten geschwitzt hat, und seine Haare sehen aus, als käme er gerade frisch aus der Dusche.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt