Kapitel 30

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„Scheiße."

Mein Bewusstsein taucht aus schwarzer Tiefe auf. Stimmen dringen wie durch Watte zu mir durch, dann durchfährt mich eisige Kälte. Meine durchnässten Klamotten kleben wie eine zweite Haut an mir.

„Fuck, Josh, wie viel hast du getrunken?"

Regentropfen prasseln auf mein Gesicht. Der Geruch von feuchtem Gras und Erde steigt mir in die Nase, vermischt mit einem beißenden Säuregeruch.

„Mh?"

Meine Lider fühlen sich bleischwer an, als ich sie endlich öffne. Nikitas Gesicht schwebt über mir, verschwommen, dann scharf, dann wieder verschwommen. Seine Haare kleben feucht an seiner Stirn, Regentropfen perlen von den Spitzen.

Eine wohlige Wärme breitet sich aus, die gegen die äußere Kälte kämpft. Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben, trotz des metallischen Geschmacks auf meiner Zunge und des brennenden Gefühls in meinem Hals. „Hey ..." Meine Stimme kratzt wie Sandpapier. Richtig. Die Erinnerung blitzt auf – mein Magen, der sich umdreht, das Brennen in der Kehle ...

Warte.

Warte, verdammt.

Eine plötzliche Erkenntnis durchzuckt mich. Unter meinen Fingern spüre ich feuchten Stoff und darunter etwas Schleimiges, Warmes. Der säuerliche Geruch steigt mir wieder in die Nase, jetzt überdeutlich. Oh Gott. Liege ich in meiner eigenen Kotze?

Nikita stößt die Luft aus, ein Geräusch zwischen Frustration und Erleichterung. Und doch lächelt er, als er den Kopf schüttelt. „Hi du Idiot."

Ich schließe die Augen wieder, kann das grelle Karussell nicht mehr ertragen. In meinem Schädel hämmert es, als würde jemand mit einem Hammer auf meine Schläfen schlagen. Jede Bewegung schickt eine neue Schmerzwelle durch meinen Kopf. „Scheiße ..." Das Wort kommt als heiseres Flüstern heraus. Ich bin wirklich ein Idiot. Ein jämmerlicher Idiot. Aber ... Hat Nikita sich gerade Sorgen um mich gemacht? Die Art, wie seine Stimme leicht zitterte ...

Egal. Diese Analyse muss warten. Jetzt muss ich erst dieses Hämmern in meinem Kopf überleben. Und gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen, die meine Kehle zuschnüren, weil ich hier liege wie ein Spiegelbild meines Vaters. Genau wie er. Aber das war ja vorauszusehen. Dass ich genauso wie er als Säufer ende, der sein Leben nicht mehr unter Kontrolle hat. Zumindest laut meiner Mutter. 

Ich höre schlurfende Schritte. Das leise Schmatzen von Schuhsohlen im Matsch, begleitet von einer tiefen Stimme, spanischen Worten, die wie Fluchwörter klingen.

„Kannst du ihn tragen?"

„Ich?" Das war Aimars Stimme – sein Akzent macht alle Worte weich, fast melodisch. „Du überschätzt mich, Nikita. Ich bin nicht so stark."

„Kannst du mir helfen ihn zu tragen?"

„Ich hole Simba."

Ein Arm schiebt sich unter meine Taille. „Komm, Großer. Wir bringen dich hier weg." Mein Körper fühlt sich schwer an, als würde er von innen heraus in sich zusammensacken. Sein warmer Atem streift meine Wange – ein Kontrast zur Kälte, die mir tief in den Knochen sitzt.

Die Welt um mich herum ist weichgezeichnet, alles passiert in Zeitlupe. Seine Hand an meiner Hüfte ist fester geworden. Ich wusste nicht, dass dieser Junge so stark ist. Aber macht natürlich Sinn, bei dem, was er auf die Bühne bringt. 

Ich will meine Augen nicht aufmachen, mein Kopf hämmert zu sehr. Aber ich will ihn sehen. Also rufe ich mir ein Bild von ihm ins Gedächtnis, wie ich ihn gesehen habe. Auf der Tanzfläche. Am Tisch, sich eine Zigarette anzündend, gediegen, mit dieser dummen, süßen Weihnachtsmütze. „Wo is deine Mütze?"

„Was?"

„Es is kalt ..."

„Wirklich? Es ist Winter, du bist pitschnass, und dir ist kalt?"

„Mh ..."

Er schüttelt den Kopf, ich spüre es an der Bewegung seiner Schulter unter meiner Hand. „Du bist echt unglaublich."

Ich grinse schläfrig. „Nee, du bis unglaublich." Meine Worte klingen verschmiert, zerlaufen ineinander wie Tinte auf nassem Papier. Ich höre mich an wie ein Franzose. „Unglaublich schön."

Er hält an. Erst nach ein paar Sekunden merke ich es, als mein Körper nicht mehr schwankt. Gott, ich werde es morgen so bereuen, das gesagt zu haben. Er reagiert nicht darauf. „Glühwein is echt stark ..."

„Wie viele hast du getrunken?"

„Zwei." Ein Lachen perlt leise aus ihm heraus, ein amüsiertes Schmunzeln. „Drei. Vielleicht. Ich erinner mich an drei. Ich glaub ich hatte vier."

„Warum hast du so viele getrunken?"

Ich lehne mich schwerer gegen ihn und schließe die Augen. „Ich wollte dich sehn."

Die Worte hängen zwischen uns. Es ist kurz still. Nur der Wind, der Regen, unsere Atemzüge, weit entfernt die Musik der Party und Leute, denen es besser geht als mir. Ich schaudere, mein Körper schüttelt sich. Der Wind beißt sich durch den Stoff meiner Jacke, schneidet in meine Haut. „Dafür brauchst du keinen Alkohol."

„Doch." Mein Griff um seine Schulter wird fester. „Ich hab dich vermisst." Er bleibt wieder stehen. Ich höre, wie er durch die Nase ausatmet, spüre, wie sein Körper angespannt ist. Die Welt ist kalt und schwankend, aber er ist da, warm und greifbar.

Ich bekomme nur noch ein Flüstern aus mir: „Aber ich war so nervös ..."

„Josh." Eine Welle von Nikitas Parfüm umhüllt mich – etwas Süßes, fast wie Zitrus, als käme er gerade erst von der Dusche, mit einer Note von etwas, das nur er ist. Für einen Atemzug verschwindet der Schwindel. Und vielleicht mache ich es ein bisschen zu offensichtlich, dass ich seinen Geruch mag.

Meine Finger krallen sich in seinen Pulli, weich unter meiner Hand. „Ich liebe es, wie du meinen Namen sagst."

„Erinnerst du dich noch, dass du mich abgewiesen hast? Damals in der Manege."

„Mh ..." Mein Kopf dröhnt bei der Erinnerung, weil sie so viele Fragen, so viel Grübeln hervorruft. „Größter Fehler meines Lebens."

„Hör mal." Seine Stimme wird plötzlich ganz sanft und fürsorglich, aber irgendwie auch streng. „Ich verstehe, dass du verwirrt bist. Aber du kannst nicht einfach hin und her springen." Ich spanne den Kiefer an. „Sowas mach ich nicht mit. Ich bin jetzt mit Misha zusammen, und das wird sich nicht so schnell ändern."

Mein Herz sinkt in eine Tiefe, die ich heute Abend nach all dem immer noch nicht erreicht habe. Kalt. Mir ist plötzlich so kalt.

Ich höre das feuchte Ploppen von Schritten und realisiere, dass es nicht unsere sind. Ich spüre plötzlich einen zweiten, irgendwie härteren Griff, eine weitere Schulter unter meinem Arm. Die Härte tut weh, aber irgendwie tut sie mir gut. Sie ist genau das, was ich gerade brauche. Und vielleicht auch, was ich verdiene.

Mein Körper wird zwischen zwei Körpern gehalten, gestützt. Alles wackelt und dreht sich, überschlägt sich, die Stimmen sind zu laut. Jetzt übertönt der pochende Schmerz alles andere und lässt mich nur noch wünschen, bewusstlos zu werden.

Aber bevor die Dunkelheit mich ganz einholt, spüre ich Nikitas Hand noch einmal an meiner Taille. Warm. Fest. Da.

Und ein letzter Gedanke schlägt gegen mein Bewusstsein: Wenn er mich jetzt loslässt, falle ich nicht nur auf den Boden. Ich falle ganz.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt