Kapitel 39

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Der kühle Hauch der Nacht vermischt sich mit dem süßen Nachgeschmack von Alkohol und Aufregung. Ich taste mich vorsichtig im Dunkeln vorwärts, während überall um mich herum Lachen und Stimmen zu hören sind. Hände greifen tastend durch den Raum, ich spüre immer wieder eine an mir und zucke jedes Mal. Jeder auf der Suche nach Material, das sich nicht nach Stoff, sondern Papier anfühlt – irgendwo an fremden Körpern.

Es ist Ostern. Tagsüber liefen den ganzen Tag Kinder rum und haben nach Eiern gesucht – aber jetzt, in der Nacht ist unser Moment, nach Schätzen zu suchen. Irina hat sich mal wieder was ganz Tolles für die Party ausgedacht. Das Ziel des Spieles ist eigentlich einfach: Jeder hat ein Papierkleber in Form eines Kreuzes. Jeder klebt ihn sich irgendwo hin. Und wenn deiner gefunden wird, bist du raus. Das alles eben mit verbundenen Augen. Und wer als letztes da steht, kriegt dazu noch das Jubeln der Leute, die schon verloren haben und sehen, wo das Ziel liegt. Der Preis: Eine Flasche Eierlikör. Damit kann bestimmt jeder hier was anfangen. Außer mir, ich hasse nämlich Likör. Spiele aber trotzdem mit (fragt nicht warum, ihr wisst warum. Meinen eigenen persönlichen Gewinn in der Sache könnt ihr euch auch selbst denken.)

Meine Hände streifen Pailletten-Stoff und ich weiß sofort, dass es Nikita ist. Sofort. Ich habe ihn vorhin nur kurz gesehen – in einem zarten Spaghettiträger-Oberteil aus schwarzen Pailletten, das seine muskulösen Arme perfekt zur Geltung brachte und mich plötzlich realisieren ließ, wie durchtrainiert er wirklich ist. Seine Haare waren makellos nach hinten gegelt, sodass sein hübsches Gesicht zur Geltung kam.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ambiente falsch verstanden habe, aber ich glaube er hat ernsthaft ein Interview gegeben. Jedenfalls stand ihm jemand mit Mikro gegenüber. Liegt vielleicht daran, dass heute Lisa's Debut-Premiere war und sie das erste Mal auf der Bühne stand, nur mit vierzehn Jahren und einer Vertikaltuch-Nummer, die Nikita für sie entworfen hat.

Er steht still. Und ich ziehe für eine Sekunde ernsthaft in Erwägung, einfach an ihm vorbeizugehen und mein Glück wo anders zu versuchen. Wir wissen ja alle, wie schamlos Nikita ist. Der wird sich das irgendwo hingeklebt haben, wo ich niemals hin fassen würde.

Nein. Das wär noch komischer. Und noch auffälliger. Ich kann jetzt nicht weg. Scheiße verdammt. Wie tut man nochmal, als wäre man hetero? Ich habe alles vergessen. Würde jemand, der hetero ist so langsam über seine Seiten entlangfahren? Ist das schon zu langsam?

Seine Schultern schwitzen. Seine Haut ist warum. Mein Finger streift flitzend über den dünnen Träger. Kein Symbol. Natürlich nicht, verdammt. Er wird ihn sich direkt auf den Hintern geklebt haben, so wie ich ihn kenne. Oder? Vielleicht ist das doch zu offensichtlich. Er ist bestimmt nicht der einzige Schamlose hier.

Ich wandere tiefer, um seinen Rücken, seine Taille. Sein Atem ist ruhig, aber tief. Ich spüre jedes feine Zucken seiner Muskeln unter meinen Fingern. Nichts. Meine Finger streifen kurz über sein Gesicht, was ein süßes, melodisches Schmunzeln aus ihm auslöst. Immer noch nichts. Verdammt nochmal. Soll ich einfach weitergehen?

Ich halte inne. Ich weiß, wo ich nicht suchen will. Wo ich ganz bestimmt nicht suchen werde. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht, wenn jeder um uns herum steht. Ich will mir nicht vorstellen, wie Misha vielleicht drei Meter entfernt steht und jede meiner Bewegungen beobachtet.

Plötzlich spüre ich, wie er sich vorbeugt. Spüre seine Haare an meiner Wange kitzeln, und ein zarter Duft steigt in meine Nase: frisch und sauber, wie dieses typischen Pantene-Shampoo, das nach Sommer und sanfter Frische riecht, als wäre er gerade erst unter der Dusche gestanden. Seinen Atem ist heiß in meinem Hals. „Trau dich." Ein warmer Schauer fährt über meinen Körper. Und ich frage mich, ob er weiß, dass ich das bin. Dass ich ihn gerade anfasse. Oder ob er es einfach nur genießt, ganz gleich, wessen Hände das sind.

Mein Körper spannt sich an. Mein Herz rast. Natürlich. Natürlich hat er es genau da hingeklebt. Ich schiebe meine Hand weiter nach hinten. Nur ein kurzer Moment. Nur ein schneller Griff, gerade so lange, bis ich es spüre: das matte Papiersymbol, die scharfen Kanten, ein starker Kontrast zum Paillettenstoff, direkt über der linken Pobacke, knapp unter dem Hosenbund. Genau an dem Punkt, an den man nur fasst, wenn man entweder dreist ist – oder intim.

Ich fasse es, reiße es in einer einzigen schnellen Bewegung ab, als würde ich mich verbrennen, wenn ich länger bleibe. Ich ziehe meine Hand sofort zurück.

Ich reiße mir die Augenbinde herunter, viel zu abrupt. Mein Blick fliegt über die Menge – keiner achtet auf uns. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Suchende Hände, halblautes Kichern.

Nikita steht vor mir. Die Binde gerade abgenommen, sind seine lockigen Haare jetzt leicht zerzaust, sein Grinsen ist unverschämt. Stolz. Herausfordernd. Ich sehe ihn an. Er wollte, dass ich da hinfasse. In aller Öffentlichkeit.

„Du bist echt unmöglich."

Er zuckt mit den Schultern. „Ich will halt gewinnen." Aber da ist noch etwas in seinem Blick. Ein Funkeln. Nicht nur Spiel. Seine Augen glitzern verspielt, als er in meine sieht und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es missverstehe, aber es sieht aus, wie eine Aufforderung.

Ich kann nicht mehr. Der Druck in mir steigt so schnell, dass ich kaum noch klar denken kann. Es fühlt sich an, als würde er mit meinen Gefühlen spielen wie mit einem Spielzeug, das jederzeit zerbrechen kann. Sobald ich ihm begegne weiß ich, dass ich die nächsten Tage, nein Wochen jedes Wort und jeden Blick von ihm überdenke und tausend Mal umdrehen werde, nur um danach dann wieder zum Entschluss zu kommen, dass es nichts bedeutet hat. Dass nichts, was ich jemals mit Nikita erlebe wohl je irgendwie Bedeutung hatte.

Aber jetzt stehe ich hier und fühle mich wie im Himmel, nur weil er mich ansieht, als wäre ich der bedeutungsvollste Mensch auf der Welt.

Ich kann das nicht mehr. Ich drehe mich um und laufe los. Einfach weg. Ich muss weg. Sonst komme ich wieder auf dumme Gedanken. Weg von diesem Wahnsinn in mir. Weg von der unerträglichen Nähe, die sich anfühlt wie ein Feuer, das mich von Innen heraus verbrennt.

Die Musik und das Stimmengewirr der Party dringen dumpf an mein Ohr, aber ich höre nur mein eigenes Herz, das mir bis zum Hals schlägt, und den wütenden Sturm in meinem Kopf.

Ich muss hier weg. Ich brauche Luft. Ich brauche Abstand. Ich muss das verdammt nochmal sortieren. Was hat das bedeutet? Wusste er, dass ich es bin? Wollte er genau das? Hat er mit der gleichen Intention bei diesem Spiel mitgespielt, wie ich? Will ich überhaupt wieder anfangen, mir diese Art von Gedanken zu machen? Mir den Kopf schon wieder zu zerbrechen, so lang, bis ich aufgebe und es mein Herz ist, das am Ende wieder zerbrochen wird und leer ausgeht?

Wie kann er so schnell von greifbar zu unnahbar zurückspringen?

Die Leere drückt in meiner Brust und ich frage mich, ob ich jemals wirklich wissen werde, was er fühlt. Und die Tatsache, dass ich das wohl nie werde, macht mich fertig. Es zerreisst mich von Innen. Aber ich kann absolut nichts dagegen tun. Ich bin verloren. Tief vergraben in einem Loch, das sich unerwiderte Liebe nennt.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt