Kapitel 20

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Ein Summen liegt in der Luft – gedämpfte Stimmen, das leise Klirren von Metall, das Knarren des Holzes bei jedem Schritt, der auf der Tribüne gemacht wird, als Leute sich setzen. Der Schein der Scheinwerfer taucht die Manege in warmes Gold, während wir im Publikum im Halbdunkel versinken.

Es ist die Generalprobe der ersten Show in Lübeck. Heute ist Premiere – ein langer Tag mit zwei Vorstellungen und einer After-Show-Party. Ich stehe im Publikum, meine Finger taub von der Kälte, weil sie die Heizluft noch nicht eingeschaltet haben. Auf der Bühne herrscht Bewegung. Requisiteure befestigen Seile, ziehen an Gurten – sie bauen die Strapaten auf.

Nikita ist gleich an der Reihe. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Seit Wochen habe ich kein Wort mit ihm gewechselt. Vielleicht will er das so. Vielleicht ist es besser so. Aber er geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf – dieses Lächeln, die Geschichten, die sich mein Kopf ausdenkt, diese Fantasien, die mir durch den Kopf schießen, wenn ich alleine bin oder in meinem Wohnwagen sitze und mir vorstelle, wie es wohl ist, einen Jungen zu küssen. Und dann ... dieses Bild.

Adrenalin rauscht durch meine Adern, als ich mich neben Simba setze, und ich spüre das harte Plastik des Sitzes unter mir. Es geht nicht anders. Ich muss es tun, sonst findet mein Kopf keine Ruhe mehr. Sein scharfer Blick bohrt sich in mich, doch ich zwinge mich, ruhig zu bleiben – auch wenn alles in mir sich dagegen sträubt.

„Ihr zwei seht echt glücklich aus", sage ich schließlich mit einem bemühten Lächeln, obwohl mein Herz schon beim Sprechen schneller schlägt. Er reagiert nicht sofort, starrt mich einfach nur an. Scheiße, das fühlt sich so unangenehm an.

„Hey, Simba?", sage ich dann. „Ich hab das Gefühl, du hast was falsch verstanden. Ich steh nicht auf Typen." Er mustert mich abschätzend. „Ich meine, ich hab nichts gegen Leute, die darauf stehen, aber ich könnte das niemals."

Für einen Moment frage ich mich, ob das jetzt auch komisch rüberkommt. Nicht, dass er denkt ich sei homophob. Mist, was hab ich da nur gesagt?

Simba ist normalerweise nicht einschüchternd – er ist zwar größer und älter als ich, aber nicht besonders breit und vermutlich auch nicht sehr stark. Sein Sommersprossen-Gesicht und sein ständig gelangweilter Blick lassen ihn irgendwie harmlos wirken.

Trotzdem bleibt mein Herz stehen, als er eine abfällige Lache von sich gibt. Ich fühle mich dumm. Habe ich etwas falsch verstanden? Haben sie etwa gar nicht wegen mir diskutiert? Gott, ich habe zu viel geredet. Glaubt er mir nicht? Ich glaube mir nicht mal, verdammt.

„Josh, oder?" Ich nicke, seinem Blick ausweichend. „Also, du stehst nicht auf Typen?"

„Nein."

„Aha." Er zieht eine Augenbraue hoch. „Und trotzdem wirst du immer rot, wenn Nika mit dir redet."

Scheiße. Simba hat uns also schon vorher beobachtet. Es geht nicht nur um letztens, als wir getanzt haben. Er hat wirklich ein Auge auf uns. „Weil er halt so verdammt unverschämt ist. Heißt nicht, dass ich auf ihn stehe oder so."

Simba wendet sich wieder der Manege zu, wo Nikita gerade mit einem Techniker spricht. Sein Kostüm ist mit einem schlangenartigen Muster überzogen, das sich über seinen Hals bis ins Gesicht zieht, wo es durch Make-up weitergeführt und um die Augen verstärkt wird. 

„Er ist echt unglaublich, oder?", sagt Simba plötzlich. Seine Stimme klingt nicht mehr so wütend. „Du kannst ruhig zugeben, dass du fasziniert bist. Sag mal – wenn du ihn so ansiehst, was siehst du dann?"

Ich halte die Luft an. Äh. Das ist sowas von ein Test, und ich werde ihn bestehen. Aber, was sagt man in so einer Situation, wenn man beweisen will, dass man nicht auf ihn steht, aber auch nichts Schlechtes über jemanden sagen kann? „Das Kostüm ist echt cool."

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt