Kapitel 19

41 3 22
                                        

Die Kälte ist unerträglich, als ich aus meinem Abteil laufe – sie sticht mir in die Haut und verspottet mich dafür, dass ich es wage, so freizügig überhaupt den Wagen zu verlassen. Ich bin mit der Erziehung aufgewachsen, dass Freizügigkeit eine Sünde ist, und selbst wenn ich das heute nicht mehr glaube, sitzt es immer noch tief in mir.

Ja, für mich beginnt Freizügigkeit schon damit, ein Sakko ohne etwas darunter zu tragen. Doch in letzter Zeit fühle ich mich überraschend wohl in meinem Körper, außerdem haben Yele und Marco mein Selbstbewusstsein gestärkt. Und nicht zuletzt der Alkohol.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich bin bereits betrunken, als wir uns auf den Weg zu Nikitas Geburtstagsfeier machen – und so betrunken, dass meine Gedanken verschwimmen. Vielleicht ist das auch besser so. In den letzten Tagen konnte ich an nichts anderes denken als an dieses dumme Bild, doch jetzt fühlt sich mein Kopf leer an, und ich freue mich darauf, Nikita wiederzusehen. Nicht, dass ich ihm aus dem Weg gegangen wäre oder so.

Die Feier findet im Backstage-Bereich statt, weil das der einzige Ort mit Heizluft ist. Als wir eintreten, läuft ein typisch russisches Partylied. Überall tanzende Leute – eine offizielle Tanzfläche gibt es nicht, nur einige, die an der Seite stehen. Vielleicht ist das ein Spiel, oder wir haben verpasst, wie Nikita eine 'Alle-müssen-tanzen'-Regel eingeführt hat.

Nikita erkenne ich in der Tanzmenge sofort – er trägt ein dunkelrotes Hemd, das in seine Lederhose gesteckt ist, und vielleicht hat er ein paar Knöpfe zu viel offen. Genau genommen sind nur zwei Knöpfe über seinem Hosenbund geschlossen. Doch nicht nur seine fast nackte Brust zieht meinen Blick auf sich – sein Nacken offenbart etwas, das für mich fast noch intimer ist: Knutschflecken.

Kopfkino. Oh Gott, verschone mich. Ich kann heute nicht mit ihm reden – zu viele Augenmagnete.

Dabei dachte ich, ich würde heute mit meinem Sakko einen Schritt zu weit gehen. Doch Nikita schafft es immer wieder, noch einen draufzusetzen – oder zumindest so, dass es für andere über das hinausgeht, was als angemessen gilt. Ich glaube, er genießt es, Grenzen zu überschreiten.

Ich sollte wirklich die Tanzfläche verlassen, weil mein Herz bei jedem Blickkontakt mit Nikita wild pocht und ich fürchte, dass mein Blut in eine Richtung schießt, in der ich es gerade nicht brauchen kann. Außerdem kreist in meinem Kopf immer wieder die Frage, wer dieses Bild gemacht hat. Ob dieser Jemand hier ist ... und ihn genauso lüstern ansieht wie ich gerade ...

„Josh."

Hilfe. Ich werde als Tomate ins Grab gehen.

„Wirklich? Ein Lied?"

„Was?", frage ich verwirrt und weiche rückwärts aus der Tanzmenge zurück. „Ja?"

„Rennst du vor mir weg?" Nikita nimmt sanft meine Hand – mein Herz hüpft. Will er, dass ich bleibe? Und, mein Gott, wie er mich ansieht. Dieses zuckersüße, entwaffnende Lächeln.

Mein Blick bleibt an seiner Hand hängen, die voll von Ringen ist. „Nein? Mach ich gar nicht."

Gott im Himmel. Diese Knutschflecken sind einfach zu offensichtlich. Ehrlich, es ist doch nicht mehr meine Schuld, dass ich mir Nikita im Bett vorstelle. Das kann mir jetzt wirklich keiner mehr verübeln, oder?

Ich kann das nicht mehr. Ich bin hier, aber mein Kopf ist irgendwo zwischen der Vorstellung, wie Nikita stöhnt und der Frage, ob er auch schon gestöhnt hat, als er minderjährig war. Das ist so falsch. Es ist unmöglich, meine Augen zu kontrollieren, als Nikita mich sanft, verführerisch zurück in Richtung Tanzmitte zieht und ich ihm wie in Trance folge. Ihm wäre ich selbst in die Hölle gefolgt.

Unter den ganzen Menschen gehen wir irgendwie unter. Keiner sieht uns. Es ist fast, als wären wir unter uns. Ich lege meine Hand an seine Taille, versuche, nicht daran zu denken, mich nicht in den Gedanken zu vertiefen, wie geschickt er sich unter meiner Hand bewegt.

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt