Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Bücher lese, die eine Wunschvorstellung vom normalen Leben in mir erschaffen, die niemals real sein kann. Nachdem ich Nikitas Profilbild wahrscheinlich schon fünfzig Mal angeschaut habe – sein Status lautet übrigens: „Another person's beauty is never the absence of your own", was schon irgendwie eine Wirkung hat, wenn es vom schönsten Jungen kommt, den ich je gesehen habe – und mir hundert verschiedene Szenarien vorgestellt habe, wie ich ihn oder er mich anschreiben könnte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ein einziger kurzer und vor allem betrunkener Austausch auf einer Party für die meisten Menschen nicht so viel Bedeutung hat, wie ich mir die letzten Tage eingeredet habe.
Und dann geht es los mit einer ganz anderen Art von Gerüchten. Marco und Yele sind meine besten Freunde hier, aber wir arbeiten ja nicht zusammen. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind keine engen Freunde, aber ich verstehe mich ganz gut mit ihnen. Sie scheinen in Ordnung, aber ihnen würde ich nicht vertrauen. Sie sprechen über andere Leute auf eine völlig andere Weise als wir.
In den nächsten Wochen höre ich wirklich krasse Dinge, die mein Bild von Nikita ins Wanken bringen. Ich bin mir nicht sicher, ob mich diese Art von Gerüchten überhaupt neugierig machen sollten – aber genau das tun sie.
Ich höre Dinge wie: „Der Typ kann überzeugend sein, wenn er was will" und „Der ist psychisch krank." Aber das, was mich am meisten schockiert, mir den Atem raubt und mich nachts wach hält, sind Dinge wie: „Er kommt immer aus der Dusche mit dem Stallmeister" und „Der fickt alles, was zwei Beine hat." Leider lösen diese Gerüchte nicht nur Schock aus, sondern auch ein sehr bildliches, lebhaftes Kopfkino, das ich einfach nicht mehr loswerde.
Heute, während ich die Theke abwische, kommen meine Freunde zu mir. „Stimmt es, dass du ein Bier mit Nikita getrunken hast?" fragt Daniel.
„Also, eigentlich hatte ich einen Gin Tonic", antworte ich, während ich mich über die Theke beuge, um eine klebrige Stelle zu reinigen. Ich verkneife es mir hinzuzufügen, dass wir nur ein paar Worte ausgetauscht haben, da ich schon irgendwie stolz darauf bin, wie sich das anhört, was sie da andeuten. Als wären Nikita und ich Freunde. Aber sollte ich darauf stolz sein? Darf ich das? Oder sollte ich mich lieber schämen? Sie tauschen Blicke aus. „Was?"
„Bro, dir ist schon klar, dass der dich testet?"
„Was?"
„Nikita. Das ist seine Art zu sagen: ‚Du gehörst jetzt zu meinem Spiel.'"
„Das ist sein Move. So testet er, wer schwach wird."
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, komplett verwirrt. Denn wenn das stimmen würde, hätte er mir doch mittlerweile geschrieben, oder? Oder ist das Teil des Spiels? Ich verstehe es einfach nicht. Ich bin in diesen ganzen Dating- und Flirtspielchen einfach nicht drin. Ich habe keinen Plan von sowas. „Was soll das überhaupt heißen?"
„Der will wissen, ob du schwul bist, man. Pass auf, die fallen richtig über dich her, wenn du dich nicht wehrst."
„In einer Sekunde sagst du ihm, du bist nicht schwul, und in der nächsten hast du schon seinen Schwanz im Mund." Sie lachen sich kaputt über Gabriels Worte, die für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der schwul ist. In meinem kleinen Dorf gab es so etwas nicht, und erst recht nicht in meinem Freundeskreis, der nur aus Leuten aus der Kirche bestand – zumindest bis ich hierher gekommen bin.
Mir wird plötzlich ganz heiß. Das Ganze ist mir auf einmal so unangenehm und ich habe Angst, missverstanden zu werden. Dass sie Dinge über mich denken. Dass ich auch schwul sein könnte. Vielleicht haben sie recht. Vielleicht muss ich aufpassen und es ist sogar besser, dass Nikita mir nicht geschrieben hat. Meine christliche Mutter fände das nicht so toll, wenn ich plötzlich schwul wär.
Ich habe das Gefühl, ich muss mich verteidigen, aber eigentlich muss ich das nicht, oder? Ich habe doch nur mit ihm geredet. Und er ist doch auch nur ein Mensch, oder? „Also erstens, ich war nicht mit ihm allein."
„Das ist scheißegal. Wenn Nikita dich was fragt, ist die richtige Antwort immer nein."
„Alter, ihr seid echt Arschlöcher." Ich schüttle den Kopf und lege den Lappen beiseite. Ich finde das trotz allem nicht in Ordnung. In mir schlummert immer noch der Gedanke, dass alle Gerechtigkeit und Respekt verdienen. Ob jetzt schwul oder nicht.
„Ey, wir versuchen nur, dir zu helfen! Der hat's voll auf dich abgesehen." Mein Herz erwärmt sich und Hoffnung steigt wieder in mir auf. Aber Hoffnung worauf? Dass ich mit ihm befreundet sein könnte? Dass er Interesse an mir hat?
Oder vielleicht stimmt es ja. Vielleicht will Nikita wirklich was von mir. Vielleicht hat er mich wirklich bemerkt. Aber, ich meine, will ich das denn?
Diese Vorstellung bringt mich völlig durcheinander. Einerseits habe ich Angst, dass sie recht haben. Andererseits hoffe ich genau das – und diese Hoffnung erschreckt mich fast noch mehr. Bin ich vielleicht wirklich schwul, oder einfach nur ein Fan? Und wo liegt da überhaupt die Grenze?
„Sag nicht, wir haben dich nicht gewarnt."
Ich schüttle nur den Kopf und gehe zurück zu den Kisten, um die nächsten Flaschen in den Kühlschrank einzuräumen. Aber in meinem Bauch spüre ich eine seltsame Wärme, die ich nicht ignorieren kann. Und ich weiß nicht, ob es Angst ist – oder Schmetterlinge.
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I Chose Sin (Deutsch)
Romance„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
