Kapitel 48

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Ich wache von einem ruckartig lautem Geräusch auf und setze mich auf, realisiere sofort, dass ich nicht in meinem Wohnwagen bin. Nikita ist nicht mehr hier. Es ist immer noch dunkel draußen. Das Geräusch wiederholt sich und ich versuche es zu analysieren. Dumpf, kehlig und dann ... ein Husten.

Er übergibt sich.

Ich schlage mir die Decke vom Körper. Ich springe auf. Meine Beine knicken fast ein. In meinem Kopf klebt noch der Schlaf, pocht der Alkohol, hüllt alles in einen dumpfen, warmen Schleier.

Die frische Nachtluft kommt mir entgegen geschlagen, als ich die Tür öffne. Genau im selben Moment kommt Nikita mir entgegen gelaufen – nur in seiner Hose, die immer noch offen ist, darunter schaut der Saum seiner Boxershorts raus, die Arme um seinen nackten Oberkörper geschlungen, als wäre er aufgewacht und direkt rausgesprungen, seine Augen nur halb offen, seine Haare ein süßes, wildes Chaos. Er wischt sich mit einer zitternden Hand den Mund ab und bleibt stehen, als er mich sieht.

„Scheiße", flüstere ich und springe ihm entgegen, als könnte ich irgendwie helfen. „Alles okay?"

Er nickt erstmal nur. Er geht die Treppe hoch, die unter seinen Schritten quietscht, schwer atmend, sich am Oberschenkel abstützend, schwach. Ich gehe ihm aus dem Weg. Zurück in den Wohnwagen.

Nikita füllt sich ein Glas mit Wasser. Zwischen Tellern mit angetrockneten Rändern und Pfannen mit Fettglanz lehne ich mich gegen die Küchentheke, gleich neben ihn und warte, bis er das ganze Glas Wasser mit einem Mal leergetrunken hat.

Als er das Glas wegstellt, zittert er noch und ich laufe zum Bett rüber, um die Decke zu holen. Ich lege sie ihm um die Schultern. Dabei streife ich seine warme, weiche Haut an der Schulter, und unterdrücke das Gefühl einen Arm um ihn zu legen. 

Ich meine, vielleicht hilft ihm körperliche Nähe ja, aber immer, wenn ich mich übergeben musste, war das Letzte, wonach ich mich sehnte, jemand, der mir körperlich zu nahekommt. Also lasse ich es lieber. Außerdem traue ich mich nicht.

Nikita lächelt ganz schwach, als wäre das eine völlig übertriebene Geste.

„Zu viel Alkohol?"

Er schüttelt den Kopf, zieht die Decke enger um sich. „Ich hab mich an was erinnert."

In mir erwacht etwas, von dem ich gehofft habe, es für's Erste schlafen zu legen. Zumindest für heute. Vielleicht für eine Weile. Bis ich selbst damit umgehen kann. Bis ich es selbst verarbeitet habe. Hunderte von Fragen sprudeln in meinem Kopf auf. Woran? Wie? An wie viel? Und ist es das erste Mal? Aber kein Wort kommt aus mir. Ich hätte es einfach rauslassen können. Ihn einfach fragen können. Aber irgendwie habe ich gehofft, dass die Konversation von selbst in die Richtung kippt. Dass das Schicksal es mir einfacher macht, es ihm zu erzählen.

Nikita steht da, an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen, als würde er im Stehen einschlafen. Aber er ist weit weg von Schlaf. „Erinnerst du dich an das Bild, das du damals gefunden hast?"

Scheiße. „Ja."

Nikita starrt gegen die Wand, als würde er etwas vor sich sehen. Die Zeit scheint still zu stehen, von draußen schlägt Wind gegen den Wagen, irgendwo tickt eine Uhr und ich frage mich, wer heutzutage noch Wanduhren hat. „Es gibt mehr davon."

Ich weiß. Und ich weiß noch viel mehr, von dem ich hoffe, dass ich dir das nicht antun muss, und du dich von selber daran erinnerst. Vielleicht ist es besser so. Gesundheitlich gesehen. Dass er sich selbst erinnert. Langsam. Und Stück für Stück. In einer Geschwindigkeit, die sein Körper ihm erlaubt. Ich meine, er hat sich gerade schon übergeben nur weil er eine Vermutung hat. Was wird passieren, wenn er es weiß? Scheiße, vielleicht sollte das doch jemand professionelles machen. Ein Therapeut oder so. Aber wartet man da nicht ewig auf ein Termin?

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⏰ Letzte Aktualisierung: Aug 11, 2025 ⏰

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I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt