Kapitel 10

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„Nur weil er mit Nikita getanzt hat, heißt das doch nicht gleich, dass er schwul ist." Ich bleibe automatisch stehen, als ich meinen Namen höre. Mit einer Kiste voller Getränke in den Händen stehe ich auf der anderen Seite des Zeltes und höre jedes einzelne Wort, das meine Mitarbeiter über mich sagen.

„Alter", wird als Nächstes geantwortet. „Du warst nicht da. Die haben sich angeguckt, als würden die sich gleich aufessen." Dumpfes Gelächter hallt von der anderen Seite, und ich stehe da – wie ein Häufchen Elend, während mir die Tränen in die Augen steigen.

Ich erinnere mich nicht daran, welchen Blick ich hatte. Ich erinnere mich nur daran, was ich gefühlt habe – und es war intensiv. Ich kann sein Parfüm immer noch in meinem Kopf hervorrufen und spüre noch das Gefühl seiner Wärme, so nah bei mir ...

Aber das hier zerstört mir diese Erinnerung. Die Art, wie er das sagt – als wollte er mir diese Tatsache aufzwingen. Als wüsste er besser als jeder andere, wie ich mich fühle. Und als wäre es etwas Ekelhaftes.

Ich will nicht ekelhaft sein. Und ich bin mir sicher, dass Gabe nicht der Einzige ist, der so denkt. Ich kenne Leute wie ihn nur zu gut. 

„Das nennt man Salsa, Mann. Der Tanz wäre nichts Besonderes ohne die Blicke."

Ich beiße die Zähne zusammen und atme tief durch. Sie sagen zwar nichts wirklich Schlimmes, aber die Tatsache, dass sie überhaupt über mich reden, trifft mich härter, als ich gedacht hätte. Zu hören, wie Leute über mich und Dinge spekulieren, die ich selbst nicht einmal über mich weiß, fühlt sich an wie ein harter Schlag in die Magengrube.

Stimmt das? Haben wir uns wirklich so angesehen? Und wenn ja, ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes?

Ich bin wie versteinert als ich um die Ecke gehe und betrete mit meiner Kiste das Vorzelt. Meinen Kollegen sehe ich nicht mehr in die Augen. Mein Tag ist jetzt erstmal verdorben, und ich will mir gerade meine Kopfhörer in die Ohren stecken, um der Realität zu entfliehen, als jemand laut „Good Morning!" durchs Vorzelt ruft. Und so etwas macht nur einer hier im Zirkus.

Mein Kopf dreht sich automatisch zu ihm, und ich frage mich, ob das ein Fehler war. Was werden sie wohl jetzt spekulieren? Werden die Gerüchte noch mehr werden?

Ich bemühe mich um ein höfliches Lächeln für Nikita, aber in meinem Herzen hat sich die Traurigkeit bereits festgesetzt.

Und dann treffen seine Augen auf meine. „Hi, Josh."

Mein Herz erwärmt sich. Dieses weiche Lächeln ...

„Hey", antworte ich mit einem ehrlichen Lächeln und plötzlich, obwohl Nikita längst aus dem Vorzelt verschwunden ist, bin ich glücklich.


Am Abend gehen ein paar Leute vom Zirkus in einen der Clubs der neuen Stadt, um ein wenig zu erkunden, aber ich liege schon früh im Bett. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für eine Party. Yele und Marco hatten mir heute beim Mittagessen erzählt, dass mehrere Leute zu ihnen gekommen sind und gefragt haben, ob es stimmt, dass Nikita und ich etwas miteinander haben.

Das macht mich fertig. Ich weiß nicht, ob es mich glücklich oder nervös macht. Ich weiß nicht, wie er das schafft, aber mich lässt sowas nicht kalt. Ich habe selbst keine Ahnung, was ich wirklich fühle, wer ich wirklich bin oder ob ich das überhaupt will. Aber es scheint, als hätten die Leute längst für mich entschieden.

Mein Handy vibriert, und ich rechne damit, dass Yele mich fragt, wo ich bin. Sie hatte mich vorhin eingeladen, und Marco hat darauf bestanden, mir den Abend so viele Drinks auszugeben, wie ich will.

Aber ich will nicht zulassen, dass ich ein emotionaler Trinker werde. Das geht nie gut aus – das habe ich in meiner Familie mehr als genug gesehen. Trinken soll etwas für den Spaß sein.

Ich drehe mich im Bett um und nehme mein Handy. Der Bildschirm erleuchtet den Raum, und ich starre bestimmt zwei Minuten lang auf den Kontaktnamen, weil ich denke, dass ich vielleicht schon schlafe und gerade träume.

Meine Finger – verschwitzt und starr – verharren über dem Bildschirm, bevor ich die Nachricht von Nikita öffne. Der Raum scheint stiller zu werden, als ich auf „Abspielen" tippe. Gleich würde ich diese schöne, warme Stimme hören.

Im nächsten Moment bekomme ich die nächste Nachricht von ihm, während ich noch der Latin-Musik in der Audio lausche: wo ist mein tanzpartner?

Ich setze mich auf und versuche, mich zu fassen. Schon halb im Schlaf – aber wer braucht jetzt schon Schlaf? Nikita hat mir geschrieben.

Überraschenderweise denke ich diesmal nicht lange nach. Ihm ehrlich zu antworten, fällt mir erstaunlich leicht:

Der hat sich von Gerüchten einschüchtern lassen

Ich bleibe im Chat, bleibe sitzen und warte. Er hat die Nachricht sofort gesehen – und beginnt direkt zu tippen.

oh gott josh

niemals auf die leute hören

Ich wünschte das wäre so einfach.

Mit Nikita zu chatten ist für mich so viel einfacher, als mit ihm zu reden. Im Chat kann ich mir Zeit nehmen, meine Gedanken sortieren und meine Antworten origineller formulieren. Und, naja, in meinem Wohnwagen sieht mich niemand, wenn ich rot werde. Stottern? Geht im Chat auch nicht. Es fühlt sich einfach sicherer an.

Leider denke ich deshalb nicht viel nach, bevor ich die nächste Nachricht abschicke – und bereue es sofort. Doch er hat sie schon gelesen. Wahrscheinlich ist er, genau wie ich, einfach im Chat geblieben.

Wie machst du das?

Eine lange Pause. Keine Antwort. Die Minuten vergehen, und ich könnte mich selbst verfluchen. Warum bin ich nur so ein Idiot und denke nicht nach, bevor ich auf „Senden" klicke?

Schließlich:

was meinst du?

Ich beiße die Zähne zusammen und tippe schnell eine Erklärung.

Keine Ahnung du wirkst immer so unantastbar. Als würden die Worte der anderen an dir abprallen.

vielleicht weil ich weiß was ich will

Sorry. Das war uncool. Ich dachte du weißt dass die Leute sehr viel über dich reden.

josh

niemals an dir selbst zweifeln

Du bist betrunken, oder? :D

ja, warum?

Betrunkene sind weiser

das kann man auf so einiges anwenden was?

betrunkene sind auch besser im bett

zumindest frauen

Ich dachte irgendwie du steht nur auf Typen

deswegen nie auf die leute hören

Hab ich nicht

Gerüchte besagen du fickst alles was zwei Beine hat

Ich beiße mir auf die Lippe. War das zu viel? Eine Pause. Länger als ich erwartet habe. Ich halte die Luft an, während die drei Punkte des „tippt gerade"-Symbols verschwinden und wieder auftauchen. Schließlich:

klingt nach neid

Ich muss grinsen.

Fair enough

I Chose Sin (Deutsch)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt