Kapitel 18

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Der Boden ist noch voll von durchnässtem Konfetti, verschmolzen zu einem schmutzigen Grau des Schlammes. Meine Schuhe versinken im weichen Matsch, der mir beim Gehen an die Hosenbeine spritzt. Ich hasse den Geruch von Regen – dabei finde ich Regen eigentlich toll.

Das Gefühl von Frische, das die Luft durchzieht, wenn du raustrittst und der Lärm der Welt gedämpft wird. Regen hat eine Art, die Zeit langsamer werden zu lassen. Vielleicht mag ich Regen, weil ich früher mit dem Auto zur Arbeit gefahren bin, das im Regen immer mühelos sauber wurde, und weil ich in unserer sicheren Wohnung trocken blieb, aber hier im Zirkus gibt es eigentlich nichts Positives am Regen. Du musst auf die Toilette? Dann zieh erstmal deine Regenjacke und festen Schuhe an. Und wenn du duschen musst, bist du nach dem Weg zurück dreckiger als davor.

Auf den Treppen des Toilettenwagens passiert es schließlich: mein Fuß rutscht weg. Meine Hose durchgenässt und voll von Schlamm, spüre ich die kalte Nässe an meiner Haut und bleibe fassungslos einen Moment im Schlamm sitzen. Das ist jetzt nicht ernsthaft passiert, oder?

Verzweifelt umherschauend sehe ich zwischen dem bunten Konfetti eine unerwartet farblose Fläche. Und selbst wenn ich gerade in Selbstmitleid und Matsch versinke, greife ich neugierig danach und rappele mich wieder auf. Ich drehe das Stück Papier um und starre es an.

Ist das ...

Warte.

Warte mal, was?

In meinem Kopf machen sich alle möglichen Verbindungen aus Gerüchten und Fakten, die ich mit Sicherheit weiß, um eine Erklärung für das Bild zu finden. Und ich glaube, wäre ich nicht ständig dabei, Nikita anzustarren, hätte ich ihn nicht einmal erkannt.

Er sieht beinahe unschuldig aus. Auf dem Bild sind seine leicht welligen Haare heller als jetzt, und man sieht die Hälfte eines schlafenden Gesichts – außerdem einen nackten Rücken. Ein Bild, das fast zärtlich wirkt – und doch beunruhigend. Er ist kaum wiederzuerkennen, und ich frage mich, wie alt das Bild ist und, Gott, noch viel mehr, wer das aufgenommen hat und wofür.

Das Bild ist an sich super süß, wenn es, keine Ahnung, Simba oder irgendein Ex aufgenommen hat. Vielleicht ist es auch so. Vielleicht ist das Simbas Bild, und es ist okay, so ein Bild von seinem Freund zu haben – aber Nikita sieht verdammt jung aus. Scheiße, selbst wenn es von Simba ist, fühlt es sich falsch an.

Mir wird schlecht. Ich stecke das Bild weg, nicht, weil ich es behalten will, sondern eher, weil ich nicht will, dass es zurück zu seinem Besitzer kommt – oder schlimmer, dass es jemand aus dem Vorzelt findet. 

Meine Schicht fängt in fünf Minuten an, aber ich kann nicht anders. Meine Beine führen mich zum Backstage-Bereich, den ich zuvor noch nie im Show-Modus sah. Überall sind Leute in Unterwäsche oder in Kostümen, Requisiten stehen herum, Leute lachen, stehen in Grüppchen, schminken sich oder tanzen, und ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll.

Suchend geht mein Blick durch die Menge und bleibt sofort stehen, als ich Nikitas Hinterkopf sehe – in seinem arabischen Kostüm. Oben ohne. Gott, das wird schwer.

Er redet mit Karmen. Soll ich ... ihn antippen? Nein. Nicht, wenn er eh schon nackt ist. Soll ich ihn unterbrechen? Ich stehe kurz versteinert da, bis schließlich Karmens Augen auf mich fallen.

Als Nikita sich umdreht, raubt es mir den Atem. Ich glaube, ich werde allein von seinem Anblick gerade rot. Es ist, als würde der wahre Nikita – der aus der Manege, der wirkliche Star – nun zum ersten Mal wirklich vor mir stehen. Ich fühle mich plötzlich, als müsste ich mit einem König reden.

„Josh", lächelt er überrascht. Gott. Er sagt meinen Namen so sanft und lievevoll, dass ich schmelze.

„Ähm", ist alles, was ich aus mir bekomme. Plötzlich sehe ich ihn in einem anderen Licht und frage mich wieder, wie er lächeln kann, nachdem ihm so schreckliche Dinge passiert sind.

Karmen und Nikita sehen mich wartend an. Nikita legt den Kopf schief, als wäre es eine Frage, und sieht dabei so unfassbar süß aus, dass ich vergesse, was Worte sind.

Ich schüttele den Kopf. „Kann ich..." Mit dir alleine sprechen? Ganz bestimmt nicht. Das würden die Leute in den falschen Hals bekommen. „Kann ich dir kurz was zeigen?"

Nikita wendet sich ganz zu mir, als würde er seine Bereitschaft, mit mir mitzukommen, kundtun. Ich gehe ein Stück zur Seite, damit wir alleine sind, und weiß nicht, wie ich überhaupt anfangen soll. Soll ich fragen? Soll ich es ihm einfach zeigen? Wie sagt man jemandem so etwas? Und weiß er es vielleicht sogar schon und wird sich denken, warum reibst du mir das unter die Nase? Was erwartest du jetzt von mir? Wird er denken, dass ich das Bild für mich behalten wollte?

Ich hole das Bild aus meiner Tasche und reiche es ihm. Nikita nimmt das Bild entgegen, immer noch lächelnd, und mir wird kurz schwarz vor Augen, als seine Augenbrauen sich zusammenziehen. Scheiße. Vielleicht denkt er jetzt, dass ich das Bild gemacht habe.

Sein Lächeln verblasst ganz langsam. Irgendetwas, das ich nicht definieren kann, hat sich in seinem Blick schlagartig geändert. Und doch bleibt ein Hauch von seinem Lächeln – schlicht, aber vorhanden. Ich verstehe einfach nicht, warum. Was gibt es da zu lächeln, verdammt?

Für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich es – ein winziges, kaum wahrnehmbares Zucken seines Kiefers.

Ich zucke innerlich zusammen, als seine Augen auf mich treffen. „Danke. Das ist Simbas."

Ich blinzele verwirrt. „Oh."

Das Treiben um uns herum wird hektischer, es wird lauter, und ich vermute, die Show beginnt gleich, was heißt, ich sollte schon seit fünf Minuten zurück auf der Arbeit sein. Aber ich kann nicht gehen. Meine Beine sind taub. Ich will wissen, was das ist. Und ich bin so kurz davor, ihn anzubetteln, es mir zu sagen. Warum glaube ich ihm nicht?

„Du siehst sehr jung aus."

Er lächelt, nur ganz leicht, als würde er auf halbem Wege realisieren, dass ihm nicht zum Lächeln zumute ist. „Simba und ich kennen uns schon seit Ewigkeiten."

„Wie alt warst du da?"

Nikita hebt den Kopf und sieht mich direkt an. Sein Lächeln ist weg und etwas in seinem Blick friert mich ein. Nicht wütend. Nicht verletzt. Einfach nur eine undurchdringliche Wand. Bis hierhin und nicht weiter. Du wirst nicht weiter fragen. Du wirst nicht weiter darüber nachdenken. Das hier geht dich absolut nichts an.

„Josh, lass gut sein, okay?" Seine Stimme ist ruhig, aber irgendwie ... kalt. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Irgendwas ist jedenfalls anders, ob es Wut ist oder Trauer, ob er genervt ist, er ist nicht unberührt von der Sache. „Es ist nur ein dummes Bild."

I Chose Sin (Deutsch)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt