16. Ungewollter Besuch

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Ungewollter Besuch

Am Abend sitze ich wie auf heißen Kohlen in der Küche und warte sehnsüchtig darauf, dass ich den Schlüssel in der Tür höre. Ich möchte um alles in der Welt nicht, dass Clara sich vernachlässigt und ausgeschlossen fühlt. Sie kann ein Biest sein, vorallem zu mir, aber mein Schwesterndasein kann ich nicht leugnen. Wir, zu dritt, sind eine Familie; es ist schon schlimm genug, dass ich unsere Erzeuger nicht mehr dazu zähle.

Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich sehe, wie die Tür geöffnet wird.

"Andrew", rufe ich in die zweite Etage, damit er herunter kommt.

"Komme sofort", höre ich es gleich darauf. Wir haben einiges zu besprechen.

"Hey." Ich begrüße sie fürsorglich, während sie mich mit einem verhaltenem Lächeln mustert. "Komm erstmal mit in das Wohnzimmer. Es gibt Neuigkeiten."

Schon im nächsten Moment erscheint Andrew neben mir, womit wir es uns zu dritt gemütlich machen können. Ich platziere mich auf dem Sessel, während Andrew und Clara auf das Sofa gehen.

"Bevor wir anfangen: Jules, ist da zwischen dir und Blake noch etwas vorgefallen, von dem ich nichts mitbekommen habe? Normalerweise würde ich es ja für absolut unmöglich halten, aber da sind diese Gerüchte und ich habe absolut keine Ahnung", legt Clara vor, bevor auch nur ein anderer die Möglichkeit hätte nutzen können, etwas zu sagen.

"Ist es das?", frage ich vorsichtig zurück, "Kommst du deswegen nicht mehr nach Hause?"

"Nein", erwidert sie, doch fügt verwirrt hinzu: "Ich weiß es nicht"

"Ich hab auch schon davon gehört", mischt Andrew sich ein. "Aber das ist doch Unsinn, oder?"

"Aber sicher ist es das. Ich versichere euch, dass da nichts war. Nicht mehr, als Clara bisher weiß", beteuere ich. "Und wenn in dieser Schule ja alles so schnell rum geht, müsstet ihr ja bereits wissen, dass Blake auf der Party am Wochenende mit anderen am Rummachen war, oder? Es war alles nur wegen des blöden Plakates."

"Okay", sagt sie erleichtert.

"So, jetzt möchte ich auch noch was sagen", übernimmt Andrew das Wort. "Clara, dass du eine Hexe sein kannst, wissen wir ja alle. Warst du schon immer zu uns und das wird sich auch nicht ändern, vermute ich. Aber was du in den letzten Tagen, vorallem Jules gegenüber, abgezogen hast, war echt unter aller Sau. Deswegen möchte ich dich hiermit bitten, das künftig zu unterlassen."

Eingeschüchtert nickt sie. Es fiel mir schon in manch anderen Momenten auf, doch sie wirkt irgendwie in sich gekehrt. Vorallem gerade. Vielleicht nagen an ihr die Gewissensbisse, besonders weil ihr jetzt klar ist, dass es absolut nichts gebracht, die ganze Zeit gegen mich zu wettern und sich somit auf Blakes Seite zu stellen. Er hat sie trotzdem abblitzen lassen.

"Und jetzt haben wir noch ein anderes Problem", verkünde ich und reibe mir die Hände dabei. "Unsere Eltern kommen am Freitag."

Claras Gesicht wird weicher, ihre Augen strahlen und die Mundwinkel heben sich leicht. "Das ist aber schön."
Entsetzt sieht Andrew zu ihr. "Bitte, was?" Auch ich begreife nicht, warum sie eben so reagiert.

"Naja, das ist doch toll, oder? Ich werde auch das Putzen und so übernehmen, ist das in Ordnung? Sie sind so selten hier", erzählt sie voller
Vorfreude, während mir danach ist, sie durchzurütteln. Sie zu wecken.

"Wenn du putzen möchtest, nur zu. Ich werde wegen denen keinen Finger krumm machen", gebe ich offen zurück.

"Jules! Jetzt sei doch nicht so biestig", zickt sie mich an, doch ich denke nicht daran, meine Worte zurück zu nehmen.

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