38. Unnötige Komplikationen

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Unnötige Komplikationen

„Jemand Zuhause?", rufe ich durchs gesamte Haus, nachdem ich die Tür aufgeschlossen habe. In gewisser Weise hoffe ich, dass niemand antwortet und ich zunächst meine Ruhe habe, allerdings muss ich eh irgendwann erzählen, was los war. Und so habe ich es hinter mir.

„Jules, hey", begrüßt mich meine Mutter, während sie die Treppen runter läuft. Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür hinter mir und Andrew betritt das Haus.

„Na", meint er, „hast du dich mit ihm versöhnt?"

Eindringlich betrachten die beiden mich, doch ich muss sie enttäuschen. Im Prinzip hat sich nichts geändert, nur, dass ich Blake nicht mehr angehen werde, sollte er mich noch einmal ansprechen.

Kopfschüttelnd meine ich: „Nein, also ja. Es ist kompliziert."

„Also wie immer", brummt Andrew missgelaunt und dreht sich weg, um seine Jacke anzuhängen.

Meine Mutter sieht mich genau an, als sie fragt: „Und was habt ihr dann so lange gemacht? Ich darf wohl zurecht davon ausgehen, dass ihr heute nicht in der Schule wart?"

„Nein", antwortet Andrew für mich, klingt sogar etwas sauer, „waren sie nicht."

Verwirrt sehe ich zu ihm, denn ich verstehe beim besten Willen nicht, was sein Problem ist, doch wende mich dann wieder von ihm. Vielleicht ist er ja nur mit dem falschen Fuß aufgestanden.

„Ich war bei ihm", erkläre ich das Offensichtliche, „gestern hat mich so ein besoffener Typ angemacht und vor dem hat er mich gerettet. Na ja, und dann bin ich mit zu ihm, wollte aber dann auch nicht mehr nach Hause."

Sofort der Ärger von Andrew verflogen, stattdessen sieht er etwas betroffen zu mir. So auch meine Mutter. „Hat der Typ irgendetwas mit dir gemacht?", hakt sie sofort besorgt nach. „Müssen wir ihn anzeigen?"

„Geht es dir gut?", fügt Andrew blitzschnell hinzu.

Mit großen Augen sehe sie beide an, beginne zu schmunzeln über ihre Fürsorge, mit der ich doch so arg nicht gerechnet hatte. Aber schließlich erwidere ich glaubwürdig: „Blake kam ziemlich schnell, zum Glück konntest du ihn überreden, Andrew, sonst weiß ich nicht. Aber er hat ihn dann ziemlich heftig von mir gestoßen und seine Meinung gesagt; ich glaube, das hat er verstanden und nach dem ersten Schock gings mir auch wieder gut. Es ist wirklich nichts weiter passiert, wir müssen ihn nicht anzeigen. Ich weiß ja nicht mal, wer das war."

Beruhigter sieht meine Mutter keineswegs aus, so auch ihre Stimme: „Aber sollte es dir wieder schlechter gehen, sagst du Bescheid, okay? Dann helfen wir dir, oder wir suchen irgendjemand professionellen auf. Zuerst das in der Schule, die Sache mit deinem Typen und jetzt so etwas." Zum ersten Mal, seitdem sie hier wieder richtig wohnen, nehme ich ihr die Sorge um mich ab. Es ist das erste Mal, dass es mich nicht stört. Und es ist das erste Mal, dass ich sie wirklich aus freien Stücken seitdem umarme.

„Mir geht's gut", beteuere ich, als ich in ihren Armen liege. Irgendwie hat diese mütterliche Nähe etwas besonderes; etwas, was mir immer fehlte.

Nickend löst sie sich von mir. „Magst du irgendetwas anderes? Tee oder etwas zu essen, oder so was?"

Sofort schüttele ich den Kopf. „Nein, ich geh jetzt erstmal in mein Zimmer und ruhe mich ein bisschen aus."

„Mach das", erklärt sie sich einverstanden, ehe sie mich nochmals mustert, dann an Andrew gerichtet meint 'Bring du sie mit nach oben' und dann im Wohnzimmer verschwindet.

Andrew aber lässt nicht locker und fragt mich sofort weiter aus: „Und es ist wirklich alles okay, ja?"

Zusammen betreten wir die Treppen, während ich seufzend mit einem langgezogenen 'Ja!' antworte. Denn das ist tatsächlich so; groß passiert ist nun wirklich nicht, da war einfach nur ein Besoffener, der nicht dazu kam, mehr anzurichten. Blake strahlte ihm Nachhinein so viel Sicherheit aus, dass der Vorfall schnell verarbeitet war. Kein Grund mehr zur Sorge.

Vor meiner Zimmertür hält er mich schließlich nochmals fest. „Hat er sich gut um dich gekümmert?"

„Er hat alles wunderbar gemacht, Andrew", meine ich.

Fragend zieht er die Augenbrauen zusammen, versucht wohl zu verarbeiten, was das zu bedeuten hat, aber fragt dann doch noch einmal nach: „Aber du hast dich mit dem Idiot immer noch nicht versöhnt?"

Genervt; vielleicht sogar nur wegen mir selbst; fahre ich mir durchs Haar. Ich versteh's ja selbst nicht, wie gern würde ich mich doch mit ihm wieder vertragen. Vielleicht sogar mehr als das. Aber ich tu's einfach nicht, weiß, wer will, warum. „Ich weiß, ich mach es komplizierter, als es ist", stoße ich hervor, woraufhin er mich schulterzuckend und mit verkniffenem Mund ansieht.

„Aber du bist - ganz davon abgesehen, dass er dich nur deswegen retten konnte - nicht sauer, dass ich ihn zu dir geschickt habe?", möchte er wissen, doch mit einem Kopfschütteln kann ich ihn beruhigen. Er wollte nur, dass wir uns endlich aussprechen und wieder Ruhe einkehrt. Er wollte, dass wir glücklich werden. Wie könnte ich da sauer sein?

Kurz tätschelt er meine Schulter, meint dann: „Jetzt ruh dich aus." Und lässt mich dann unschlüssig im Flur stehen. Ich muss mit den Mädels sprechen.

__

„Du warst bei Blake, haben wir gehört?", ruft Tam, als sie mein Zimmer betritt. Im Schlepptau folgt ihr Cara. Leicht panisch sehe ich nach diesen Worten zu ihnen. Gibt es in der Schule neue Gerüchte? Wissen sie bereits, dass Blake und ich zusammen geschwänzt haben? Vor allem aber: Woher wissen sie das?

Doch Cara fängt, nachdem sie meinen Blick bemerkt hat, an zu lachen. „Andrew hat's uns erzählt. Keine Sorge, in der Schule ist Ruhe."

Erleichtert atme ich auf, umarme die beiden endlich zur Begrüßung und lehne mich dann entspannt zurück. „Also keine fiesen Zettel mehr auf meinem Spind?", hake ich voller Vorfreude nach.

Tam schüttelt den Kopf. „Das nicht und die Schüler sind auch weitestgehend verstummt und tratschen über andere unnötige Sachen", berichtet sie, woraufhin Cara hinzufügt: „Blakes Ansage scheint geholfen zu haben."

Na endlich. Lange genug haben sie sich die Mäuler über diese Sache zerrissen, es wurde auch echt Zeit, dass das aufhört. Noch eine Sache, weswegen ich ihm danken müsste. Nur wegen ihm, weil er der einzige war, der das bewirken konnte, sind sie verstummt.

Ungeduldig rutscht Tamara hin und her, ehe sie erneut fragt: „Was war nun los?"

Also erzähle ich die Geschichte, die ich auch erst meiner Mutter und meinem Bruder erzählt habe. Zuerst wirkten sie genauso überrascht und das einzige, was sie interessiert hat, war, wie es mir nun geht. Aber ich kann ihnen relativ schnell klar machen, dass bei mir alles in Ordnung ist und ich sie wegen etwas anderem hergebeten habe. Ich möchte ihre Meinung zu Blake hören, denn ich habe das Gefühl, es dreht sich im Kreis und bin ratlos. Auf der einen Seite ist mir bewusst, was ich und auch, was er fühlt, doch auf der anderen Seite ist da diese Angst, immer und immer wieder hintergangen zu werden. So ist er eben, ein Bad Boy und das werde ich wohl nicht ändern können.

„Hat er dir denn nicht oft genug bewiesen, dass er dich liebt, Jules?", ertönt es eindringlich von Cara, die mich mit schief gelegtem Kopf genau beobachtet.

„Aber, es ist Blake. Was, wenn er mich nur verarscht, oder wenn er mir noch mal weh tut?", erwidere ich frustriert. Seufzend sehe ich zu den anderen beiden, die unter einander vielsagende Blicke austauschen.

„Wer nicht wagt", gibt Tamara von sich, „der nicht gewinnt, oder?"

Soll ich es wirklich riskieren? Ihm noch eine Chance geben und ihm die Möglichkeit gewähren, mich wieder zu verletzen?

„Ihr habt recht", mein Entschluss steht, als ich es ihnen fest entschlossen entgegen trällere, „wir können ja zumindest noch einmal, ähm, keine Ahnung."

Auch, wenn ich ein wenig verwirrt über mich selbst bin, so springe ich doch vom Bett auf und mache mich auf die Suche nach meinem Handy.

An: Blake

Wollen wir morgen nach der Schule was zusammen machen?



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