Kapitel 49
Ich spüre die Spannung, die plötzlich in der Luft liegt und wie die beiden sich über meinem Kopf giftige Blicke zuwerfen.
Völlig unbeirrt esse ich weiter und versuche die beiden auszublenden.
Ich verdränge auch Leos Arm der sich stärker an mich drückt, womöglich um Chris zu zeigen, dass ich zu ihm gehöre.
Erst eine Frage lässt mich aufhorchen.
"Hast du inzwischen eine Freundin?", fragt Leo gehässig.
Ich sehe unauffällig aus dem Augenwinkel zu Chris und bemerke wie er mich einen Moment einfach stumm ansieht.
"Ja, doch sie ist im Moment noch verhindert."
Ich lege die Gabel mit der Nudel daran, auf meinen Teller und starre vor mich.
Er hat eine Freundin?
Das ist doch gut..
Doch wieso stört es mich so? Wieso fühle ich plötzlich so ein stechen in meiner Brust?
Leos Griff um meine Schulter lockert sich ein bisschen.
"Was meinst du mit verhindert?"
Chris zuckt einfach mit den Schultern und ginst herausfordernd, ehe er weiter isst.
Ich mache es ihm nach, zumindest das mit dem Essen.
Die Plätze füllen sich mit Gästen. Überall um mich herum ertönen unterschiedliche Gespräche und öfters höre ich ein Lachen. Schließlich habe ich fertig gegessen und stehe unsicher auf.
"Ich gehe schnell aufs Klo."
Ich drehe mich um und steuere wieder ins Innere der Wohnung.
Hier stehen immernoch vereinzelt Menschen, doch nicht so viele wie auf der Veranda.
Schnell verschwinde ich im Badezimmer.
Zurück im Wohnzimmer sehe ich mich unschlüssig um und treffe dabei den Blick eines Mannes.
Er scheint um die vierzig zu sein.
Er sieht meinem Vater unglaublich ähnlich. Er sieht mich mit einem abwertenden, arroganten Blick an und sein Gesicht verschwimmt zu dem meines Vaters.
Ich fange an unkontrolliert zu zittern und fühle wie meine Haut anfängt zu brennen. Ich kratze an meinen Armen und wende den Blick ab.
Immer wieder sage ich mir selbst, ich solle mich beruhigen.
Ich laufe schnell mit wackligen Beinen zu einer Couch und lasse mich darauf fallen, bevor ich noch zusammenbreche.
Mit geschlossenen Augen versuche ich nicht daran zu denken, doch sofort kommen mir Bilder vor mein inneres Auge.
Mein Vater wie er mich anfasst, sein dreckiges Grinsen, wie er mir die Haare herausreißt.
Der Polizist. Die Bedrohungen. All die Scham, die ich verspürt habe, immer noch verspüre.
Die Fotos, die er von mir gemacht hatte.
Wie ich mich selbst anfassen sollte.
Seine Hände überall.
Sein Mund.
Seine Augen.
Eine Hand legt sich auf meine Schulter und jemand flüstert: "Ska?"
Schnell öffne ich meine Augen und weiche zurück, sodass ich auf den Boden falle.
Ich höre, wie manche darauf leise lachen, traue mich nicht mich umzusehen.
Das einzigste das ich sehe, ist Leos besorgtes und verwirrtes Gesicht und Chris der dahinter steht, ebenso besorgt.
Schnell rappel ich mich auf und renne durch die Wohnung aus der Haustüre. Es hat zu regnen angefangen. Ich renne über die Straße und höre sofort Hupen und Reifen die auf nassem Asphalt bremsen.
Ich zucke zusammen, renne jedoch weiter.
Ich will es beenden. Doch wie?
Es lief doch alles so gut.
Ich falle irgendwann über irgendwas und bleibe am Boden liegen.
Der Regen verschmiert mir die Sicht und ich zittere, vor Kälte und vor Angst.
Wieso hat er mir das nur angetan?
Wieso hat er das Steve angetan?
Mein Mund öffnet sich zu einem Schrei. Ein Schrei voller Verzweiflung, voller Hass.
Doch kein Ton verlässt meinen Mund. Keine Träne verlässt meine Augen.
Ich will tot sein. Es soll einfach vorbei sein.
Ich kratze mit meinen Fingern über meine Arme und spüre wie etwas warmes über meine Haut läuft und sich mit dem Regen mischt. Es brennt, doch der Schmerz ist kein Trost.
Er zeigt mir nur, dass ich noch lebe.
Plötzlich stütze ich mich mit meinen Armen vom Boden ab und die Nudeln und der Salat kommen wieder heraus. Ich sehe auch wie Blut aus meinem Mund kommt. Immer wieder würge ich. Doch dieses Gefühl in meiner Kehle verschwindet nicht, es macht mich fertig.
Ich zittere total unkontrolliert.
Ich muss dem endlich ein Ende bereiten.
Ich beise auf meine Lippen bis Blut daraus quillt.
Schließlich ertönt doch ein Schrei aus meiner Kehle, er ist nur ganz kurz und doch klingt er als hätte ich Höllenqualen. Er wird unterbrochen von einem Hustanfall und ich übergebe mich erneut, doch es kommt kaum etwas heraus. Woher den auch?
Es ging mir doch gut.
Was ist passiert?
Mein Vater ist passiert.
An allem ist er Schuld.
Dieses verdammte Arschloch.
Die letzte Kontrolle über mich selbst verschwindet und ich lache unkontrolliert. Es klingt nich wie mein lachen, es klingt nach niemandes lachen. Es klingt, als würde ich gerade sterben und doch ist es das erste Lachen seit langem, das von vollem Herzen kommt.
Einige Zeit vergeht. Ich liege reglos auf dem Boden. Es fühlt sich an, als ob ich nicht mehr da wäre.
Ich muss dem endlich ein Ende bereiten.
"Ska..", flüstert eine allzubekannte Stimme in unmittelbarer Nähe.
Ich schaffe es irgendwie auf die Beine zu kommen und sehe Chris einen Moment lang einfach bitter an.
Mein ganzer Körper ist taub und ich spüre, zwischen all dem Regen auf meiner Haut, wie eine einzelne Träne mein Auge verlässt.
Ich sehe die Ratlosigkeit in Chris Körpersprache, die Angst, die Verzweiflung.
In seinem Blick sehe ich Besorgnis, Trauer und.. Liebe?
Liebt er mich immernoch? Nachdem er mich so sieht?
Der Regen prasselt ihm auf den Kopf, er ist nur ein paar Schritte von mir entfernt.
Wie kann er mich noch ansehen?
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Glück.
Teen FictionDie junge Alaska hat ein Trauma erlitten und wird auf ein Internat für seelisch gestörte Jugendliche geschickt, wo sie die drei Jungs Chris, Nick und Josh kennenlernt. Die Jungs nehmen sie sofort in ihre Mitte auf und das obwohl Alaska kein Wort red...
