T H I R T E E N

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THIRTEEN | Ich weiß nicht, wieso ich an diesem Abend erwartete, dass er zu mir zurückkam, als die Sirenen losgingen. Vielleicht wollte ich bloß einfach die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir uns doch wenigstens etwas näher gekommen waren nach dem vorherigen Gespräch.

Doch ich wartete und wartete, noch lange nachdem die Sirenen verstummt waren, vergeblich. Seufzend legte ich mich auf das kühle, asphaltierte Dach und drehte mich auf die Seite. Ich hatte noch immer einen riesigen Hunger, doch natürlich hatte ich nichts mehr zu essen. Der Junge hatte mir auch nichts hier gelassen. Er musste wohl fest davon überzeugt sein, dass ich überlebte, wenn er das, was er gesagt hatte, auch ernst meinte. Ach, was weiß ich schon, was er dachte. Aus ihm wurde ich einfach nicht schlau.

Ich schloss die Augen, dabei war ich noch gar nicht müde. Mein Hals tat noch immer weh, als spürte ich noch immer seine Hände an mir, wie sie fest zugriffen und drückten. Luft zu holen schien mir noch immer schwer. Vielleicht war es eine gute Idee eine Weile hier zu bleiben. Zumindest, bis sich die Schmerzen legten und ich wieder laufen konnte, ohne direkt außer Atem zu gelangen, sonst hatte ich ein Problem.

Wieder seufzte ich. Ich spürte schon, dass ich nicht würde schlafen können, denn meine Gedanken hörten einfach nicht auf durch meinen Kopf zu schwirren. Wieder dachte ich an ihn, an den Jungen, der mir manchmal das Leben rettete und es manchmal auch aufs Spiel setzte, dabei wusste ich einfach nicht wieso. Gerade unser letztes Gespräch hatte nichts aufgeklärt, sondern mich nur noch mehr verwirrt. Und nun wusste ich nicht, was ich denken sollte und dachte einfach zu viel.

Dass er mich so in die Mängel genommen hatte und mich gewürgt hatte, dass selbst er dachte ich sei tot, machte es nicht gerade besser. Wer weiß, war ich vielleicht sogar kurz tot gewesen? Hatte mein Herz vielleicht wirklich kurz aufgehört zu schlagen? 

Ich konnte nicht wissen, was danach passiert war, nachdem ich das Bewusstsein verloren hatte. Ich wusste nicht, wie lange er mich danach noch weiter gewürgt hatte. Oder ob er mich direkt abgelegt und meinen Puls gefühlt hatte. Und ich wusste nicht, wieso ich wirklich tot zu sein schien, zumindest für ihn. 

Vielleicht waren meine Gedanken nicht zu aktiv, um mich schlafen zu lassen. Vielleicht war ich einfach nur zutiefst verwirrt. Dachte er auch gerade an mich? Was er wohl gerade tat? Denn offensichtlich kam er immer wieder zu mir zurück. Mir war es egal, ob er es bewusst oder unbewusst tat, denn er tat es, also musste er an mich denken. Doch wieso er immer so grob mit mir umgehen musste, das schien mir einfach komisch.

Doch vielleicht sollte ich mir darüber auch nicht so viele Gedanken machen, denn er schien schon eine Weile hier gewesen zu sein und ehrlich gesagt schien ich aus mir selbst auch nicht mehr immer schlau werden zu können. Nicht immer. Selbst ich verlor hier schon mich selbst, und ich war noch gar nicht so lange hier gefangen, jedenfalls nicht so lange wie er.

Stöhnend fuhr ich mir über das Gesicht. Ich spürte den Dreck unter meinen verschmutzten Fingern von meiner Haut bröckeln und legte geschlagen die Hände wieder an meine Seiten. Meine Gedanken wurden mir einfach zu viel. Ich wollte nur noch nach Hause, doch ich hatte das Gefühl, dass ich hier nie wieder wegkommen würde. So wie der Junge auch. Bis wir uns irgendwann gegenseitig zerfleischten.

Ich denke, das war mein letzter Gedanke, bevor sich mein Gehirn einfach ausschaltete und ich gen roten Himmel starrte, bis mir irgendwann endlich die Augen zu fielen und ich in einen traumlosen Schlaf hineinrutschte.

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Ein weiterer Morgen brach viel zu schnell über mich hinein. Die Nacht war viel zu kurz für meinen müden hungrigen Körper gewesen, das merkte ich sofort, als ich mich aufsetzte und mich streckte. Alle meine Glieder taten mir mal wieder weh, wie fast jeden Morgen, da ich die Nacht auf dem harten Stein der Dächer hier verbrachte. 

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